Martell

Stilfser JochEndlich bin ich frei! Um drei Uhr schnalle ich das Gepäck auf dem Motorrad fest und breche auf nach Süden. Das Morgengrauen schläft noch im Rheinland. Endlich, endlich, ein paar Tage Zeit nur für mich, ohne die tägliche Routine aus stinkenden Windeln, Geschrei, Haushalt, Spülen, Spülen, Spülen, Wäsche, und dem Genörgel der Frau, es sei nicht sauber genug. Noch sind die Hände müde, der dicke Handschuh steif vom langen Nichtbenutzen, aber der Griff wird fester, ich gebe Vollgas, ich will weg!

Um sechs Uhr geht die Sonne auf. Rechter Hand der Schwarzwald. Die Bahn ist fast leer, die linke Spur gehört mir. Kurz geht mein Puls nach oben, als ein Reisebus ausschert und ich bremsen muß – fast kann ich seine Stoßstange berühren. Doch dann stellt sich mir nichts mehr in den Weg. Ich werde Berge sehen.

Am nächsten Morgen, nach einer mückenverseuchten Nacht am Rheinspitz, rolle ich hinein in mein Wunderland, rheinaufwärts, durch Liechtenstein, weiter ins Prättigau, den Flüela hinauf, runter ins Engadin und durch wildzerklüftetes Gelände über den Ofen ins Münstertal, den Umbrail hinauf, links rüber aufs Stilfser Joch, runter nach Prad … Nur nicht zu sehr nach rechts staunen, wo das Eis vom Ortler und seinen Geschwistern runterhängt, sonst haut es mich aus der nächsten Kehre. Ich bin glücklich.

Tags drauf lasse ich mich gemütlich den Vinschgau hinuntertragen, genieße die Sonne und das Geknatter der vielen Motorräder, als ich nach links ins Passeier Tal abbiege. Das Timmelsjoch ist ein öder Ort, aber von Süden dort hochzuschwingen ist besser als Sex. Schnell noch beim Rettenbachferner vorbeischauen, das Ötztal hinunterrollen, am Inn entlang rüber zum Hahntennjoch (immer ein argwöhnisches Auge auf die Muren am Muttekopf), den hellen Kalk der Lechtaler bewundern, noch einen Rest Bergluft über Oberjoch mitnehmen, dann fort aus dem Allgäu, Richtung Norden, Richtung Autobahn, Richtung Heimat … Auf einmal klingt das Wort leer.

In Gedanken drehe ich die Uhr zurück. Tags zuvor – es ist Nachmittag, in Goldrain habe ich endlich einen Campingplatz gefunden, der kein Problem mit Motorradfahrern hat – habe ich noch ein paar Stunden Licht. Wohin jetzt? Südlich des Dorfes erahne ich einen Einschnitt, man sieht ihn kaum. Ein kurzer Blick auf die Karte: Da ist ein Tal, vielleicht 20 Kilometer lang, vielleicht etwas mehr. Das will ich mir ansehen. Für einen kurzen Blick reicht die Zeit. Ich will auch mal was sehen; die übrige Zeit verwende ich so sehr darauf, nicht anzuhalten, immer neue Kurven zu finden, daß ich hinterher manchmal bedaure, dem Land nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. „Martelltal“ steht auf der Karte. Der Name gefällt mir. Karl Martell, der fränkische Hausmeier, schlägt die Araber 732 bei Tours und Poitiers … Keine Ahnung, woher das Tal den Namen hat. Ich will es mir nur ansehen.

Karte CalanIn meinem Kopf ist da noch der andere Martell, eine Phantasiegestalt aus einer Phantasiewelt, erdacht von Freunden Jahre zuvor. Zupft man die Weltkarte ein bißchen zurecht, legt sie sich wie ein unsichtbares Tuch über die Landschaft: die Via Claudia Augusta wird zum Frühlingspfad, der Reschen zum Riesenpaß, sogar die Menschen passen hier wie dort zusammen, wenn man das historische Auge zudrückt. Ja, das hier ist der Platz, hier kreuzen sich die Wege seit Jahrtausenden, hier wollte der Ötzi schon hin, hier trafen und prügelten und vermischten sie sich, handelten, liebten, kämpften gemeinsam gegen die Härten und überlebten gemeinsam. Ich habe Hunderte von Seiten gefüllt mit Geschichten übers Widerstehen und Bewahren, über das Sichentwickeln, über Anpassung, Verrat, Scheitern, Krieg und Frieden, über große Schwüre und kleine Siege … Hier ist der Platz, Himmelswehr, und auf einmal werden die Geschichten lebendig.

Eine halbe Stunde und ein paar beherzte Drehungen am Gasgriff später sitze ich auf der Terrasse der Enzianhütte, nippe an einem Cappuccino und denke: Was für ein Wunderland! Der Weg herauf ein einziges Vergnügen, die Straße ein Traum, immer wieder überraschende Einblicke, Höfe akkurat an Steilhänge geklebt, im Talgrund hausgroße Blöcke wie Murmeln, vergessen von Riesenkindern nach dem Spiel, zwischen den Bäumen blitzen Marmoradern, oben der Stausee und dahinter, nur zu erahnen, der Talschluß mit Eis und Schnee. Keine Skilifte, kein Rummel. Schade … Keine Zeit.

Ich zahle und rolle talabwärts. Am Abend sitze ich an der Campingbar und erzähle der Besitzerin, was ich entdeckt habe. Sie lächelt nur. Sie kennt das, sie ist ja von da. Und dann erzählt sie mir, wie das war vor zehn, nein, elf Jahren, als der Stauwärter die Grundschleusen öffnete und der See den Talgrund ausspülte und Häuser fortriß. Ein dummer Fehler und nur durch ein Wunder kam niemand zu Schaden. Hätte ich mehr Zeit, würde ich mehr Geschichten hören. Wie die Geschichten aus dem Großen Krieg 14–18, der Narben in die Kämme schlug, oder die von Aldo Gorfer aufgezeichneten, die ich Jahre später lese, über die Menschen auf den Berghöfen, die Jahr für Jahr das Kommen der Straße erwarten, über alte Frauen, die skeptisch schauen, wenn der Journalist ihnen von der Mondlandung erzählt, über das Leben im Mittelalter hoch droben, während unten im Tal die Autos der Touristen sich auf der Staatsstraße stauen – in Sichtweite und doch unglaublich weit fort.

Martelltal 1999

Achtzehn Jahre und vier Aufenthalte später ist alles vorbei. Ich habe die entnervte Gattin über die Moränen geschoben, den Sohn vor dem Sprung in den Abgrund bewahrt, weil er eine vom Wind mitgerissene Butterbrottüte retten will. Ich quäle mich auf dem Rad die Täler hoch, verfluche die Achtzehnprozenter und jubele auf den Abfahrten. Ich habe mit der neuen Frau das Rosenlicht auf frisch beschneiten Bergketten bewundert und bin an Gipfeln gescheitert. Mit ihr liege ich nachts gemeinsam wach; unsere Herzen klopfen uns in die Schlaflosigkeit, weil sie die Höhe nicht kennen. Des Abends sitzen wir in der Stube beim Zirbenschnaps, den der Bauer selbstgebrannt hat, unter dem wohlpräparierten Schädel seines Prachtziegenbocks, und hören, wie sich alles verändert hat. Ich trage unser Kind zu den Fernern und über vereiste Hänge, durch dampfend nasse Wälder und über die trügerisch ruhigen Geröllschleppen der blankgefegten Lahner („Diesen Hang immer nur einzeln queren!“). Später verbringen wir eine Woche in der Höhe, trinken Schnaps, den uns die polnische Kellnerin serviert, und lauschen dem Bergsteigerlatein der Funktionsbekleideten. Und dann wandern wir durch Wolken; das kleine Mädchen besiegt steile Hänge mit ewig lächelndem Geplapper. Wir bewundern die Gemsen und die schwebenden Adler und fragen uns, wann wir dem Bären begegnen werden. Wird der dann auch so erfüllt sein vom Frieden und wird er winken und weitertrotten? Schließlich stehe ich doch auf dem Gipfel und werde um den Moment betrogen von einem schwäbischen Gipfelsammler, der mir unermüdlich plappernd seine sportlichen Erfolge aufzählt. Ich fliehe. Hinunter, aber nicht ohne den Starrenden um mich herum eine Opfergabe dazulassen – mühelos besiegt die Riesenwelt meine kleine Vernunft.

Hier widersteht die kleine Menschengemeinde der Finsternis, hier kannst du noch an jedem Tag zu Tode kommen, weil du die Welt nicht kennst, hier leben die Könige der Altvorderen fort, hier feiern tiefer Glaube und knochiger Pragmatismus jeden Tag Hochzeit, hier liegt das Wesen der Zeit offen zutage, hier bist du Mensch, ganz für dich allein, und kannst alleine doch nicht leben. Hier ist der Platz.

Berge 2010

Zufall 2010

Hohenferner 2012

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