Hasentag, 27. Februar 2016

HaseAn einem Samstagmorgen in München: Die Klavierlehrerin hat mir ihr Bett vermietet. Es ist ein sehr schönes Bett. Ruhig ist es hier, bis auf die laut schimpfenden Vögel im Hof. Das ist ein bißchen schade. Ich beschließe, noch etwas zu schlafen.

Die Klavierlehrerin ist eine Klavierlehrerin, weil sie Klavier unterrichtet. Auch an einem Samstagmorgen. Ich höre lachende Frauenstimmen und denke schläfrig ein „Guten Morgen“ nach draußen. Die Schülerin geht ganz unbefangen an das Thema Klavier heran. Es ist ihre erste Stunde. Die Klavierlehrerin zeigt, wie es geht: dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam … die Tonleiter hinauf … dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam … und wieder hinunter. Ich stehe auf.

Wenig später stehe ich da. Ich bin nackt. Ein rosafarbener Hase betrachtet mich gleichgültig. Ich fühle mich etwas unwohl. Wie nennt man die Angst, nackt von einem gleichgültigen Hasen beobachtet zu werden? Ich frage die Menschen in meinem Telefon. Sie antworten:

„Kaninospannomanie?“

Der Lateiner würde daran noch etwas herumschrauben, aber, ja, das hat was.

„Cuniculispektarusphobie?“

Es handele sich wahrscheinlich doch um ein Kaninchen. Ich frage, ob sie Tierhaare mit mir spalten möchte – was unfair wäre, meiner Altersweitsicht wegen.

„Lepusnudussophobie?“

Da stülpen sich die Lippen schon beim Sprechen nach außen. Das ist wirklich beängstigend!

„Bei Frauen hiesse das allerdings Nuduslepussiphobie.“

Das sehe ich ein.

„Nudelhoppelmehphobia (im Endstadium)“

Wow … Ich frage, ob sein Arzt wochenends im Dienst sei, doch hier kommt wahrscheinlich jede Hilfe zu spät.

Ich verlasse das Haus – dam-dam-dam … dam … dam-dam-dam-dam (der Schülerin mangelt es noch etwas an der nötigen Fingerfertigkeit) – und gehe frühstücken. Um mich herum schwirren Weltsprachen, hinter mir Texanisch, Japanisch an meinem Tisch. Zwei Frauen, eifrig ins Gespräch vertieft. Worum es geht? Ich habe keinen blassen Schimmer, aber ich denke, „Die neue Hose sieht ganz toll aus!“ wird für unsere Ohren in etwa so klingen wie „Ich hoffe, unsere großen Nationen werden gut zusammenarbeiten!“

Am Nebentisch sehe ich einen jungen Mann im tausendfach geschlitzten, desigualfarbenen Hoodie mit zur Ibizapalme aufgetürmten kurzen Dreads auf dem Kopf, der seinem Freund, einem kleinkarierten Langbarthipster, 13 Gründe nennt, warum es unklug ist, Ei zu essen. Währenddessen hält der Bärtige sein Frühstücksei in der Hand, unglücklich, daß es nun kalt wird. Und ißt es schließlich doch.

Vor dem Rathaus ein Laienspiel betulich braver Jungkommunisten. Sie fordern „Gleiches Geld für gleiche Arbeit!“. Der angeschickerte Junggesellenabschied direkt daneben skandiert dem Zukünftigen derweil ein erwartungsfreudiges „Trink schneller!“ ins Gesicht. Er kann nicht mehr und hat doch gerade erst angefangen …

Punkt zwölf hämmert auf dem Marienplatz das Glockenspiel los. Tausend Touristen, die Handys im Anschlag, seufzen erleichtert auf. Nun sind sie glücklich. Gebt den Leuten was auf die Glocke und es herrscht Frieden.

(Es antworteten: @frauherbststurm, @GywerMelanie, @kleinleise, @fiaskoinaktion)

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