Feierabend

Feierabend
Siebzehn Jahre noch. So lange muß ich noch arbeiten. Nur noch siebzehn Jahre. Dann setze ich mich zu den anderen Beigebejackten auf die Bank und glotze euch an, wie ihr vorbeihastet und jeden Tag das Rad neu erfindet. Unhörbar für euch laß ich mir von Ian Curtis erzählen, wie das Ende sein wird, während ich mit faltiger Hand mein braunkariertes Käppi zurechtrücke.

Schon spüre ich die Verarmung der sprachlichen Schnittmenge, sehe das verwunderte Desinteresse der Wohlmeinenden, die gleichwohl begreifen, daß sie mit einem Mal auf völliges Unverständnis stoßen – ausgerechnet bei jemandem, der einst erkennbar über geistige Potenz verfügte. Aber wieso … Egal, sie lächeln freundlich und reden in wohlartikulierten Sätzen langsam weiter. Damit ich nur alles verstehe.

Und wo sie verzweifelt um Ernsthaftigkeit ringen, da sie sich doch gerade eben erst den Respekt der Älteren ertrotzt haben, da bade ich ergeben in Albernheit. Fuck off! Und lächele dabei.

Ich denke, ich werde Löcher in der Synthetikhose mit Bügelfalte haben. Ich denke, ich werde eine Krawatte tragen und ihre Ränder mit den Blechkappen von Einwegfeuerzeugen verzieren. Ich werde mein eigener Museumswärter sein. Ich werde Lederschuhe tragen, aus echter Haut von echten toten Tieren, und Löwenzahn vom Wegesrand essen, ohne Biosiegel. Mein Datenendgerät, meinen Lebensdatenassistenten, meinen digitalen Existenzbewältiger werde ich demonstrativ in der Hand haltend vor mir hertragen, sichtbar leuchtend, strahlend und Energie konsumierend. Ich werde es Töne machen lassen. Ich werde zucken und andeuten, ich könnte es fallenlassen, auf den Boden oder von der Brücke in den Fluß. Und pfeifend weitergehen. Ich werde mich schwitzend und keuchend fortbewegen und an meinem Rad werde ich zwei Wimpel haben, auf denen „Fuck Peltier!“ und „Fuck Piezo!“ steht und dann stelle ich mir vor, wie die Empörten hinter meiner Energie herjagen, die da im kostenlosen Sonnenlicht des Nachmittages nutzlos verpufft. Ich werde einen ganzen Rententagessatz in eine Bratwurst investieren. Den Schnaps, den ich abends mit meinen greisen Gefährten trinke, den haben wir aus sorgsam der Fermentation anheimgegebenem Fruchtsaft destilliert – kaufen kann man sowas ja nicht. Und wir rauchen (aber nicht das Zeug aus der Apotheke, das ist zu teuer).

Dort, diesseits der Osteoporose, wohnt also nun die Vernunft. Und alles, was es an Rebellion noch gibt, krabbelt in überdachten Sandkastenkabinen umher oder spielt Schach im Grünen. Die nicht dazupassen, knurren im ABM-Park die Maschinen an und reden von damals, als sie beinahe die Macht übernommen hätten. Nun kriegen sie keine Wohnung mehr in den Komfortzonen, weil sie durch alle Sozialtests fallen. Glaswände überall – reinschauen dürfen sie noch, seltsamerweise.

Ich bin jetzt alt, ich habe durch kontinuierliche Erwerbstätigkeit einhundertprozentiges Bürgerrecht erworben, ich habe Narrenfreiheit, denn jeder weiß, daß Altsein viele Probleme mit sich bringt. Alte können nicht einfach so für die Folgen ihres Tuns verantwortlich gemacht werden. Sie können mich nicht rauswerfen. Sie müssen sich kümmern. Sie müssen. Ich muß mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen über die Stadtautobahn laufen, voll vom guten Selbstgebrannten, high vom Selbstgezogenen, zur Stoßzeit, laut singend. Wohlmeinend surren die Automobile in Kurven um mich herum, während sie brav dem Hindernis ausweichen, dicht wirbelnd wie Wasserteilchen in einem Bach. Ach, was gäbe ich für einen Hauch Abgas, nur einen Tropfen Benzin, eine Drehung am Gasgriff, ein bißchen Öl auf der Stirn als Zeichen meiner Herkunft und Bestimmung.

Dann lege ich mich auf die Fahrbahn und schlafe ein. Gleich kommt jemand und bringt mich nach Hause.

A house somewhere on foreign soil
Where ageing lovers call
Is this your goal, your final needs?
Where dogs and vultures eat

(Joy Division – A Means to an End)

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