Der weise Knopf

Everything is OK
,Drück mich und alles ist in Ordnung‘ versprichst du mir. Ich drücke und es passiert eine Weile nichts, dann sagst du „Wenn jetzt nicht alles in Ordnung ist, solltest du deine Wahrnehmung der objektiven Realität neu justieren und nochmal drücken“. Sehr tiefsinnig. Du hast Humor. Auf einer Meta-Ebene klicke ich auf ,Gefällt mir‘. Ein Meta-Like. Sehr tiefsinnig. Ich habe auch Humor.

Du bist ein Knopf. Du kommst direkt aus der Facebook-Hölle, aus dem TSCHAKKAA-Sumpf, in dem kitschige Bildchen mit hohlen Phrasen darauf die Geplagten zu immer neuen Höchstleistungen anpeitschen und ihnen suggerieren, daß alles gut wird, wenn sie sich nur bescheiden mit dem, was sie haben, sich nichts wünschen, was ihrem Status nicht entspricht, und sich möglichst auf die eigenen Ressourcen beschränken, um nicht etwa Hilfe von anderen zu erwarten. Die Welt ist bunt, schön und kitschig beschriftet und es wäre sehr, sehr schön, wenn du dich um dich selber kümmern könntest. Man hat auch schon genug damit zu tun, streunende Hunde zu retten und den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu widersprechen.

Nein, Knopf, das wird dir nicht gerecht. An dir ist nichts kitschig, du gaukelst mir nichts vor. Du bist ein kluger Knopf: du weißt, daß es eine objektive Realität nur für Objekte gibt. Schon ein einziger Betrachter macht aus dieser Realität einen unbestimmbaren Schwebezustand. Wir nehmen die Welt wahr, wir filtern, interpretieren. Das Ich macht aus uns Subjekte und zwei Ichs, die die gleiche Sache betrachten, sehen niemals dasselbe. Ich bin mir sicher, Knopf: du weißt das.

Du bist ein weiser Knopf, freundlich und leise ironisch. Der einfache Geist wird dich immer wieder drücken, sich fragen „Was mache ich falsch?“ und verzweifeln. Der ganz tumbe Tor wird dich einmal drücken und dann wegwerfen. Nutzloser Knopf, weg damit! Ich weiß, daß meine objektive Realität nicht in Ordnung ist und sie wird sich nicht ändern, wenn ich dich drücke. Sie wird sich nicht ändern, wenn ich meine Wahrnehmung hinterfrage und versuche, die Dinge anders zu sehen. Manchmal ist ein appes Bein eben ein appes Bein. Aber da kannst du nichts dafür.

Weißt du, Knopf, ich habe Menschen um mich, die sich gegenseitig anfeuern mit den bunt lächelnden Parolen aus der Netzwunderwelt. Früher hätten sie sich Teller mit Großmutters Weisheiten darauf an die Wand gehängt, oder Bibelverse in die Deckenbalken gefräst. Halt dich dran, dann wird alles gut. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter: Du bist großartig! Weiter so! Kopf hoch! Gute Nachbarschaft funktioniert am besten, wenn man sich nicht allzu oft gegenseitig helfen muß.

Meine Geschichte hat Brüche, die nicht mehr zu heilen sind, Lasten, die mir kein Sinnspruch, keine wohlfeile Anfeuerung und kein Medikament abnimmt. Kein weiser Knopf kann das richten, ich kann nur um die Brüche herumleben, sie einzäunen und zweimal auf das schauen, was andere tun und sagen, damit ich sie in ihrem Sinn verstehe. Und ich kann nicht erwarten, daß sie das gleiche tun. Im Zweifel versuchen sie es nicht einmal und halten mir lieber einen Knopf hin, den ich drücken und der mir sagen soll, daß meine Wahrnehmung falsch ist. Damit tun sie dir unrecht.

Mein lieber Knopf, ich habe deine Botschaft verstanden. Wenn mich jemand um Hilfe bittet, der sie wirklich braucht, werde ich nicht dich statt meiner schicken. Deine Ironie soll niemanden verhöhnen. Wir machen uns lieber einen Spaß mit den Verwöhnten und ihren Luxusproblemen. Einverstanden?

Ich drück dich!

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