Rheingrau

7. Februar 2003

Erst vier Frauen, drei junge am Rhein entlang und die wohlerzogene alte Dame – ich biete Schokolade an, aber die Konversation erstirbt nach wenigen Sätzen –, dann drei Männer und die Alte und eine Frau, Männer mit Goldrand, Zwiebelfleischgeruch und Musik im Ohr.

Gewerbe, Rheingrau, Gewerbe, dazwischen Wohnen, nun Albdurchbruch, Schnee, Tunnels: drückt ein wenig in den Ohren – bald Stuttgart.

Heimatlos geworden; kann Heimat nirgends anders denken als da, wo sie denkt, nirgendwo Feste und Lachen denkbar; nirgendwo Gewinn als da, wo sie die Wege kreuzt. Kann nur am Wetter liegen …

Albwellen. Weißbraun erstarrter, schmutziger Schaum. Und in Stuttgart alle raus. Ich auch. Muß mir dort guten Rat holen. Erwarte Schonungslosigkeit.

9. Februar 2003

Noch über den Hoppenlau-Friedhof gelaufen, wo Wilhelm Hauff (1802–1827) samt Tochter (eine Woche vor seinem Tod gestorben) und ihn 40 Jahre überlebender Frau begraben liegt. Hat er sich aus Kummer das Leben genommen oder aus modischen Gründen? Nein, der Tiroler Typhus war’s.

Albwellen nun braungrün, kein Schnee mehr, Sonne erstmals seit Tagen durch die Augen ins Gehirn.

Ruhe jetzt; zwei mittelalte Frauen mir gegenüber und ein Junge, der in einer Spielezeitschrift liest – sein Fast-Food-Dunst hängt noch frittenfettig im Abteil. Himmel nun wieder geschlossen, kein Durchkommen. Das trübe Wetter war am drückendsten in den letzten Wochen; Sonne hätte viel Schmerz getilgt, sicher.

Haben den Albdurchbruch hinter uns und fahren im Oberrheingraben dem Meer entgegen. Heidelberger Druckmaschinen, Werksbahnsteig Wiesloch, kaputtfenstriges Ex-Gewerbe verstreut über die Flur.

Wieder öffnet sich der Himmel; die Ältere träumt auf ihrem Zeitungspolster hinaus, der Junge daddelt mit seinem Mobiltelefon, die Mittelalte (ganz ökopax und akademisch, braunschwarzgrau leger gekleidet: Cord, Wildleder, Baumwolle) liest und hört Musik.

Heidelberg: Die Ältere steigt aus. Sonniger Nachmittag im zeitlosen Zwischenraum.

Der Junge baut auf Papier seinen Wunschcomputer zusammen – lieber sichergehen! Der ahnungslosen Eltern wegen. Und zugestiegen: pelzbemützter Bierbauch mit slawischer Anmutung, hellblaue Vierzigerin mit schlaffer Figur und Knopf im Ohr: Middle-of-the-road-Gedudel.

Alle Widmungen ändern sich. Unfertige Schriften wenden sich von der Bitteren ab und ihr zu. Wie schön, wie schuldbedroht!

Der Dicke redet russisch in sein Handy, doch der Empfang ist schlecht.

Bahn, Gewerbe, graffitigezeichnet, Sportplätze. Reihensiedlungen, farb- und freudlos. Ein rauchender, ein schlafender Schlot. Lärmschutzwände sind Den-Horizont-vorm-Gesehenwerden-Schutzwände. Zwei dünne rauchende, ein schlafender Schlot. Mannheim.

Häßlich, dieses Mannheim, von hier aus gesehen, aber von hier aus gesehen ist fast jeder Ort häßlich, da er seine Eingeweide der Bahn von hinten zeigen muß und das strahlende Antlitz abwendet vom Kommen und Gehen und seinen Wegen.

Bahnanlagen, Hochstraßen, Hinterhofbrachen, Verkehrsflächen – niemand in Mannheim zugestiegen –, Gewerbegebiete, alte Industrie, sich auflösend, ohne Rauch und Feuer kein Entgegenstemmen. Personalwechsel: „Angenehme Reise!“

Himmel fast geschlossen. Hinterhöfe, Kleingartenidyll, Neubauwüsten, Gewerbe – die Verbannung des Horizontes aus dem Oberrheingraben, bis daß der Blick dem Pfälzer Wald sich öffnet, goldenes Gleißen durch Wolkenlücken düsterstummdrohend empfangend. Der Trifels. Das Reich. Die Kleinodien in Wien, den Habsburgern geopfert. Gewerbe, Äcker, eine lustige kleine Motocross-Anlage. Der Pfälzer Wald sich ungläubig badend in den langvermißten Lichtfingern und doch die Wolkendeckenklumpen aufhaltend. Ackerland, verlorener Wein, fensterglassplittrige Gewerbevergangenheit, heckenbewuchert, dornig sich entziehend. Wohnen am Bahndamm, gen Mainz. Rotsandsteinige Vergangenheit, buntsandsteinige Schmuddeligkeit, lieblos neu einst umbaut, nun mit eben dem weiter verfallend – träumend. Noch 16 Stunden …

(Der gute Rat war schonungslos, aber freundlich. Hernach saß ich da, im Rauch, restlichen Wein in die Kehle kippend, durchsichtiges, effekthascherisches Pathos im Ohr und es wird mein Gruß an die Bittere sein oder auch nicht.)

Wein entlang am Rhein, fern im Dunst der Odenwald. Wolliges Wolkengeflocke in Grau und Gold, blau vernetztes Giraffenfell, dunkle Pappelsäume im Osten, die weinschwere Terrasse des Rheingaues im Westen.

Die Braungraue lacht lautlos vor Lust am Gelesenen. Nervt mehr als das Popgedudel der Hellblauen. Der Junge fragt nach Stift und Papier, der Russe stiert gedrungen in die Weinberge. Möchte die Braungraue – links nun in Kopfhöhe blaugrau vom Strom eingefaßt – drüber reden? Scheint so, wird ein tolles Buch sein, wird alles ganz „sooo“ sein.

Weiter gen Mainz, goldbeflackert vom gleichgültigen Gestirn. Hinterhöfe, Neubauwüsten, Gewerbegebiete. Die Hellblaue seufzt, möchte ankommen, keine Musik mehr bei ihr, von gegenüber kein lustvolles Hauchen mehr (weißes, dünnblond behaartes Bein).

Ackerland Ost, Weinwellen West, Neubauinseln in umpappelten Parzellen Ost. Die Orte steigen in den Wein, mit kunststoffverputzter Ignoranz westlich eindringend nach Osten stierend. Die Hellblaue geht – Mainz –, ein junger Osteuropäer ersetzt sie buchlesend. Die Braungraue wackelt mit dem Kopf: Was liest er? Vergilbtes Taschenbuch, hat vielleicht was nachzuholen. Wie ich.

Mainz, nicht ganz so häßlich. Keine Lust mehr auf Beschreibungen. Mittelrhein naht: Kurven und Burgen. Der Junge zerlegt sein Handy, der junge Mann liest, der Dicke griesgramt kaugummikauend aus dem Fenster, die Braungraue liest und mir tut der Arsch weh vom Sitzen. Noch fünfzehneinhalb Stunden. Erwarte keine Überraschungen. Werde der Wahrheit entgegenschwitzen, stammeln, untergehen. Werde im Stillen weiterleben, erwachsen werden, auch mal lachen.

Nahemündung, Autobahn.

Neureiche Düsseldorferin, Mitte Vierzig, elegant, borniert, nur des Restalkohols wegen Zug fahrend, erkämpft die reservierten Plätze für sich und zwei sorgenfreie Söhne. Der Dicke grummelt, der junge Mann nickt. Der Junge flirtet mit der Braungrauen, sie höflich siezend, wechselt ins Französische, sie elegant duzend. Toller Trick, merke ich mir.

Kölner Bucht; es wird dunkel. Die lange halbe Runde um die Stadt. Eisige Heimkehr.

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