Im Riff

Hauptbahnhof Köln
So endete jeder Tag im Bahnhof. Nur, um nicht gleich den Heimweg anzutreten. Die Illusion von Bewegung war beruhigend: Ich kann mich frei bewegen, kann gehen, wann und wohin ich will, ich kann ein Ziel haben, ich kann ziellos stehenbleiben. Weil ich es will. Er stieg aus, ließ sich träge im hektischen Strom der Feierabendpendler treiben und von der Rolltreppe in die Bahnhofshalle spülen. Die Strömung zerbrach in viele kleine Wirbel, die Teilchen flossen umeinander in alle Richtungen, geschäftiges Geglucker breitete sich aus. Sein Atem beruhigte sich.

Eine warme Mahlzeit deckte die Unruhe zu. Was aß er heute? Fish & Chips mit dickflüssiger Käsesauce oder doch wieder die Nudelbox Nr. 4 mit Huhn? Würde er im Stehen essen müssen, wie so oft, oder gab es freie Sitzplätze am WLAN-Hotspot? Zusammengesunken bargen zwei Obdachlose ihr Weniges in Tüten und Karren. Da waren noch Plätze frei, aber er blieb stehen, denn da schlurfte die alte Frau mit den violetten Weichplastikschuhen heran. Sie war nicht gut zu Fuß, sie würde sich gern hinsetzen. Da, sie nahm Blickkontakt auf, lächelte freundlich. Jetzt würde sie ihn um zwanzig Cent bitten. Wie immer. Sie bat nie um mehr, immer nur um zwanzig Cent. Er nahm sein Essen in die Rechte und wühlte mit der Linken nach den Münzen in seiner Hosentasche. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“, sagte sie. „Ich Ihnen auch“, erwiderte er.

Zum Nachtisch nahm er einen Kaffee, einen Cappuccino mit drei Shots, um wachzubleiben. Langsam schlenderte er zur Internationalen Presse hinüber, immer bedacht, die zufälligen Richtungswechsel der Vorbeihastenden zu erahnen, um in aller Ruhe seinen Kurs beibehalten zu können, ganz souverän, ein Taucher im Korallenriff, behäbig schwebend in silbrigglitzernden Schwärmen aufgeregt dahinschießender Beutefische. Tageszeitungen aus ganz Europa priesen ihre ewiggestrigen Nachrichten, hochnäsige Kunstmagazine biederten sich an, immer bemüht, nicht bedürftig zu wirken, nicht „Kauf mich!“ zu schreien. Müde ließ er ein paar flüchtige Blicke über den Special Interest schweifen. Das lag alles hinter ihm. Er wählte ein Buch, einen schwer verständlichen englischen Roman – nur nicht aus Versehen einen Bestseller nehmen! Jemand würde es sehen und ihm ein Gespräch aufdrängen, ihn wissen lassen, daß er das Buch schon kenne und daß es ganz großartig/unbeschreiblich langweilig sei. Das durfte nicht geschehen. Er bezahlte, wünschte der erschöpften Kassiererin freundlich einen schönen Abend und kehrte zurück in den Schwarm der Reisenden.

Heute kein Nachtisch, er war satt. Aufmerksam musterte er die müde und abwesend dahinhastenden Pendler. Atmeten sie noch? Er lauschte … ja, sie atmeten, schwer und angestrengt. Am Rand standen Fernreisende, resigniert auf Anschluß wartend – „… dieser Zug wird voraussichtlich mit 80 Minuten Verspätung eintreffen …“ – manche guter Dinge und lachend, andere verzweifelt, weil ihnen nichts mehr einfiel, das ihnen die Zeit vertreiben konnte. Er könnte jemanden ansprechen … Doch er verwarf den Gedanken. Heute war er hergekommen, um sich zu verlieben.

Er hob den Blick und sah sie: schnellen Schrittes durcheilte sie sein Blickfeld, ihre Absätze klackerten deutlich vernehmbar auf dem Terrazzoboden, der milchkaffeefarbene Mantel mit den riesigen schwarzen Knöpfen gürtete sie eng, das lange, gelockte Rot wehte hin und her wie Tang in der Strömung. Sie reiste mit leichtem Gepäck. Er suchte ihre Augen. Sie waren wunderschön, doch sie nahm ihn kaum wahr, sah ihn einmal an, ihre Lider schlugen einmal wie in Zeitlupe, sie schwebte vorbei, ihre Lider schlugen noch einmal, dann blickte sie wieder geradeaus. Klack-klack-klack, dann verlor er sie aus den Augen. Es war eine gute Beziehung gewesen: kein Streit, keine Mißverständnisse, nur Schönheit und Anbetung. Reine Liebe.

Draußen zündete er sich eine Zigarette an, immer ein Auge auf die Aasfresser, die den Rand des Riffs umkreisten auf der Suche nach Resten, nervige Krabben, emsige Putzerfische, zurückgelassene Schwarmfische mit zerbissenen Flossen. Hinter ihm gluckerte es weiter, ewig geschäftig. Er schwamm hinaus ins Dunkel.

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