Der Bär

Ortlergruppe

Der Bär sei gar nicht runter ins Tal gekommen, sagten alle. Der habe nur auf der anderen Seite kurz übers Joch geschaut und im Schnee gespielt. Ein junger, abgewandert aus der Brenta. Vielleicht hatte ihm jemand gesteckt, daß es in Graubünden besser sei, da machte er hier nur Rast.

Daß der Hüttenwirt halbe Tage mit dem Feldstecher im Anschlag dasaß und die winterfest gemachten Almhütten beobachtete – nein, da sei nichts. Daß die beiden Carabinieri mit den Jagdflinten immer wieder die Runde machten – Routine. Dabei nahmen die Jungbären seit Jahren diesen Weg ins Bündnerische. Ich hatte Spuren im Wald gefunden, aber alle hatten mich ausgelacht. Bären? Hier? Nimmer!

Anders als sonst stieg ich an diesem Tag nicht schweigend auf. Ich pfiff, ich sang, erzählte mir selbst Geschichten, argwöhnisch beäugt von einem jungen Gamsbock, der in der Sonne auf einem Block döste. Niemand sonst war unterwegs, nur die Stollenspuren im Schnee verrieten, daß tags zuvor waghalsige Mountainbiker vom Joch heruntergekommen sein mußten.

Um elf am Vormittag stand ich oben, schaute nach Westen auf die großen Wände, kein Gedanke mehr an den Bären, nur das Gefühl, daß wir Menschen dort nichts verloren haben. Hinaufgehen, schauen, ja, aber dann wieder seiner Wege gehen, das sollte der Mensch, dachte ich. Sich nicht um jeden Preis festklammern in einer Landschaft, die am Ende doch immer mächtiger bleiben würde.

Hinab ging ich im Laufschritt, springend von Stein zu Stein, trabend auf den ausgetretenen Pfaden, die Sonne trieb mir den Schweiß heraus. Den Bären sah ich nicht.

Oktober 2012

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