connections #2 palimpsest

4001 Königsblau
Was bleibt von mir? Was macht mich aus? Was hat wirklich Bestand? Wie angsterfüllt kann ein Leben sein, wenn man Zeit damit verbringt, auf den unweigerlich nahenden Tod zu starren und die eigene mediokre Existenz. Wieviel Angst kann man haben, wenn der Blick nur auf das zu Erreichende gerichtet ist, auf die gesellschaftlich sanktionierten Meilensteine des bürgerlichen Lebens, auf den Erwerb von Besitz, seine Erhaltung, seine Weitergabe an die Nachkommen. Wie leicht ist da das Urteil gefällt, man habe nichts erreicht, gelingt das nicht …

Gebunden durch den schönen Ort leb’ ich nicht mal hundertfünfzig Jahr’: Schon in den Gedanken der Enkel verblasse ich, wenn ich gegangen bin. Nein, kein Ort soll mir Heimat sein. Will in den Gedanken der Menschen wohnen, möchte heimisch in Ideen sein. Mit wenig Besitz belastet, den Blick auf die Welt und ihre Menschen richten, sie aufnehmen und wiedergeben, gleich wie. Beitragen zu dem Schatz an Gedanken aus Jahrtausenden, in den wir eintauchen oder der uns verschlossen bleibt (was ein kleiner Tod ist und das Urteil, unbeseelt zu leben). Da, das soll meine Heimat sein.

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Wieder ist ein Jahr vergangen. Ich sitze immer noch hier im Rheinischen, gleichsam heimatlos verbunden, wäge ab, leiste meinen Beitrag und kämpfe mit den kleinen Herausforderungen des Alltags. Gleichzeitig verbinde ich mich in Gedanken mit Menschen irgendwo da draußen, greife aus, lerne sie kennen, begegne ihnen, lerne ihre Geschichten kennen. Ein Hundert von ihnen in einem Jahr, manche nur flüchtig, manche sehr innig, alle mit ihren eigenen Geschichten und etliche davon werden mich nicht mehr verlassen. Bilder bleiben bei mir, Erlebnisse lassen Fragen zurück, einige wenige lassen mich nicht mehr los, da muß ich nachfragen, anknüpfen, da muß ich sie wiedersehen, muß nochmal in diese Gesichter schauen, um zu verstehen, wie groß diese Welt wirklich ist. Und dann gehe ich wieder und lasse nur ein paar Augenblicke zurück, ein paar Worte, Berührungen vielleicht. Ein unsichtbares Netzwerk.

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Anknüpfend an connections #1 lifelines nutze ich die Gelegenheit, die regungslose Zeit nach den Weihnachtstagen mit Handarbeit zu füllen, und lege, dankbar für den milden Winter, meinen Balkon mit Plastikfolie aus, genug, um einen unliebsamen Nachbarn darin zu verscharren. Aus den immer noch nicht weggeräumten Umzugskartons zaubere ich Dosen mit Kunstharzlack, Pinsel und Lösungsmittel hervor, ich lege Lappen und Töpfe bereit, Klebeband und Stöcke, Kartonstreifen und Schaschlikspieße … Ich werde Neujahrskarten basteln.

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Die Regisseurin Corinna Belz hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit, Gerhard Richter bei seiner Arbeit im Atelier und im Kunstbetrieb zu filmen. Sehr zurückhaltend nahm sie seine Arbeit an den großen Abstrakten auf und öffnete den Blick für die Faszination des Zufalls. Da hatte ich eine große Zusammenfassung seiner Abstrakten schon in Köln hängen sehen und fasziniert betrachtet, wie er sie sowohl ganz klein hinter Glas als auch quadratmeterweise auf wandfüllenden Leinwänden zum Leben erweckte. Natürlich, seine unscharfen Fotoreproduktionen hatten die Massen fasziniert, aber in den Abstrakten lieferte er großes Kino, schließlich sogar im Kino, bedächtig meterlange Rakel über dicke Farbschichten stemmend. Was für ein Vergnügen!

Und so klebe ich roten Karton auf die Plastikfolie und beginne mit Silberbronze und kämpfe mich Farbe um Farbe voran. Nein, so intuitiv wie dem Meister wird mir das Werk nicht geraten. Der Pragmatismus siegt – zumindest ein ähnliches Farbenspiel soll jede Karte aufweisen, also lege ich die Farbe in Intervallen auf, bedenke einen Rhythmus, dem ein bißchen Gerechtigkeit innewohnt. Nur dieser eine steuernde Gedanke macht aus dem Ganzen schon ein Planvolles. Dem hätte Richter sich entzogen. Egal. Ich lasse den Lack trocknen, trinke was, rauche eine, rakele die Schicht ab und trage die nächste auf, reihe Linie an Linie, denke an Geschichten, eine nach der anderen …

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Der fraugewordene Werwolf. Die Wortkünstlerin mit dem klaren Blick. Die, deren Tage und Nächte sich um Leben und Tod drehen. Die unermüdlich Lächelnde. Die Frau, die uns ihre Welt in bunten Speisen zeichnet. Die Tänzerin, die auf jeden Schmerz ein Lächeln setzt. Der Mann, dem kein Weg zu weit und unwegsam ist. Die Künstlerin, die mit eigener Hände Kraft die Dinge begreifbar macht. Die Frau, die weiß, wie tief Täler und wie hochjauchzend Berge sind. Die Seelsorgerin. Die Prinzessin in ihrem Schloß. Gute Freunde, die sich ihr gutes Leben tagtäglich erarbeiten. Wortkünstler, die ihr Leben guten Büchern widmen. Sie, die alle Täler auf Musik schwebend durchquert. Die, die allem eine gute Gestalt gibt. Die Frau, die einen Engel großzieht. Der Junge vom Land, dem Musik und Fußball in der großen Stadt zum Lebensinhalt wurden. Die Frau mit dem Gespür für gute Manieren und Poesie. Meine Söhne. Der Mann, der lernte, was das Leben wert ist. Mein kleines großes Glück. Die Mutter, die Menschen pflegt und so sich selbst. Der alte Zimmermann, dem der Buckel nie krumm wurde. Die junge Mutter, die ihr Leben täglich neu erschafft. Junge Mädchen, offen für alles, einen Fuß schon im Leben. Die Kreative, die selbst im Finstern noch ein Licht findet. Der Künstler, stets auf der Suche nach mehr Transparenz. Die junge Weltumfliegerin, die noch alles werden kann. Die Sängerin, die ihre Stimme noch finden wird. Alle mit eigener Geschichte, jede unverwechselbar, jede wert, das man sich an sie erinnert …


 

Ich kann das nicht alles erzählen, ich kann es bloß verknüpfen. Drei bange Tage warte ich darauf, daß die klebrigen Farbschichten trocknen, dann wage ich mich mit dem Skalpell daran und zerteile, was ein Bild sein soll, schreibe 31 Neujahrsgrüße, klebe sie auf die Puzzleteile und verschicke sie. 31 Grüße für 31 Menschen mit 31 Geschichten – das ganze Bild wird wohl nie mehr entstehen. Zusammengehalten wird es, gleichsam einer Zauberformel, von einem meiner Lieblingssätze, geschrieben einer über den anderen in jede frische Schicht Farbe: „Ich schreib’ dir meine Liebe auf den Rücken.“

Was von mir bleibt? Farbkleckse. Gute Wünsche. Neugier. Liebe. <3

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