Kleiner Himmel, kleine Hölle

Deine Eltern nennen Dich Helga, geboren wirst Du am 21. Mai 1947 im zertrümmerten Köln. Deine Mutter ist eine Vertriebene aus dem Osten, eine harte Frau, die es hier gut antrifft, einen Mann findet und drei Töchtern das Leben schenkt. Du bist die mittlere. Sie erzieht euch mit aller Strenge zu guten, moralischen Menschen. Was schimpft sie, als ihr groß werdet und Lust habt, feiern zu gehen! Dann triffst Du den Jungen mit den traurigen Augen …

Christa Helga 1953

Christa Helga, 1. Klasse, 1953

Das sind die frühen 60er Jahre, es ist noch nicht richtig losgegangen mit Aufbruch und Revolution und sexueller Befreiung und alldem. Köln ist tiefschwarz katholisch, überall noch Ruinen, ein bißchen Rock’n’Roll, ein bißchen Beatles, dumme Jungs in Karottenhosen mit messerscharfer Bügelfalte und Pomadenfrisur und naive Mädels mit hochtoupierten Frisurenmonstern in Synthetikkleidchen. Auf den Partytischen stehen Mariacron und Lord Extra, die heimgekehrten Väter sind wieder fett geworden.

Der Junge mit den traurigen Augen ist der Sohn eines Dachdeckers, eines Kriegsheimkehrers, der kurz nach Kriegsende eine junge Witwe heiratet, die einen kleinen Jungen durchbringen muß. Ihr gemeinsamer Sohn wird im selben Jahr wie Du geboren, nur ein Vierteljahr nach Dir. Kinder spielen in Ruinen und kommen schon mal nicht nach Hause, weil ein Blindgänger explodiert. Es gibt so viel aufzubauen, Handwerker haben genug zu tun; ein Dachdeckergeselle ist da keine schlechte Partie.

Daß er seine Schläge bekommt, sieht man ihm an: Als Jugendlicher findet er den Stiefbruder auf dem Dachboden, an einem Strick baumelnd, sein Vater erzieht ihn mit jener „gesunden“ Härte, die wir heute ablehnen. In der Schule ist er eine Null, ein wenig linkisch kommt er daher, aber er hängt immer mit den coolen Jungs ab, Großmäulern, Partylöwen und Frauenhelden, unter denen es als läßliche Sünde gilt, im Beethovenpark vorbeispazierende Mädchen ins Gebüsch zu zerren und zu vergewaltigen – „Jetzt hab’ dich nicht so!“ heißt es dann gern und es wird viel darüber gelacht, ist doch bloß ein Dumme-Jungen-Streich. Die Mädchen sprechen hernach nicht darüber, aus Angst vor der ganz realen sozialen Ächtung. Die gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Du schläfst mit ihm, irgendwann im zeitigen Frühjahr. Verhütung ist etwas, über das längst nicht jeder Bescheid weiß; Du wirst schwanger.

Da sitzen vielleicht zwei tiefbesorgte Elternpaare um einen Tisch herum und sehen sich nicht an, vor Scham und Wut. Der dumme Junge hat die ehrbare Tochter geschwängert. Was ist zu tun? Es endet so: Du verschwindest in einem Heim für gefallene Mädchen, damit Du und Dein Bauch für ein paar Monate von der Bildfläche verschwinden. Der Dachdeckerjunge hingegen fährt in dieser Zeit mit seinem Vater in einem VW-Bus ans Mittelmeer – so weit das geht, denn manche Gegenden sind 1966 keine empfehlenswerten Urlaubsziele. Der Vater zeigt ihm vielleicht sogar das Schlachtfeld, auf dem er sich als Kradmelder jene Kugel eingefangen hat, die ihm das Leben rettet, weil er so nach Hause und in Gefangenschaft gerät – genau läßt sich das nicht herausfinden. Sicher aber schwärmt er vom Wüstenfuchs, das tun sie alle, der war ja kein Nazi. Aber „Mein Kampf“ steht daheim trotzdem noch im Bücherregal …

Am Jahresende bringst Du einen Sohn zur Welt, ganz diskret. Auf den Bildern von der Tauffeier sehen alle sehr erschöpft aus, niemand außer Dir und dem Kindsvater lächelt, seine Mutter lächelt auch, aber nur für das Baby. Ihr bezieht eine Wohnung direkt neben der Taufkirche, behütet vom Geist Gottes also. Nun ist es natürlich raus, das ganze Viertel zerreißt sich das Maul und jenes nebendran auch, aber da gibt es schon einen Hochzeitstermin und das Gemäkel wird wohl rasch verstummen. Sind ja doch irgendwie respektable Leute. Und Deine Mutter darf auch nicht mehr schimpfen, läßt sie sich doch von Deinem Vater scheiden – nach ihren eigenen hohen Maßstäben ein unerhörter Vorgang.

Während eure Freunde fröhlich weiterfeiern, werdet ihr verheiratet. Kurz danach stirbt Dein Schwiegervater, der Dachdecker, der Dich immer gut behandelt hat, mit 46 Jahren an einem Herzinfarkt, Deine Schwiegermutter verliert völlig den Halt und rutscht in eine tiefe Depression. Auch Dein Vater stirbt irgendwann in diesen Jahren. Ihr steht alleine da, Anfang 20, unerfahren, die Eltern tot oder wahnsinnig, Deine Mutter will mit Dir nichts mehr zu tun haben. Und was tut ihr? Ihr feiert weiter, ihr trinkt, Dein Mann hat viel Geld geerbt. Bald ist davon nichts mehr übrig, ein Auto nach dem anderen landet an der Leitplanke. Er sieht gut aus, er kann Frauen haben. Und während oben in eurer Wohnung ein kleiner Junge auf der Suche nach seinen Eltern durch die nächtliche Wohnung stapft, sitzt ihr unten in der Kneipe und sauft.

Drei Jahre später bekommst Du eine Tochter, da ist alles schon versunken im Rausch, da wird gestritten aus Eifersucht, Du erzählst Deinem Jungen vom lieben Gott, dem alten Mann mit dem weißen Bart, oben auf der Wolke, und wie der auf die Kinder aufpassen würde. Der Mascara läuft Dir in langen Bächen die Wangen hinunter und im Gitterbettchen weint die kleine Schwester. Man munkelt, daß Dein Mann Dich schlägt und Deine Kleider zerreißt.

Im Sommer darauf hast Du genug, Du reichst die Scheidung ein, Begründung: erwiesene Lieblosigkeit. Dein Mann muß ausziehen, darf seine Sachen mitnehmen. Man spricht Dir das Sorgerecht zu. Du verzichtest auf Unterhalt – Du hast eine ordentliche Ausbildung und bist immer bereit, zu arbeiten, Dich aushalten zu lassen, ist Dir zuwider – aber für die Kinder soll er zahlen, das ist nur fair. Dann bist Du allein mit Deinen Kindern, Du bist 23 Jahre alt, geschieden und mußt sehen, wo Du bleibst. Du arbeitest, aber es ist schwer mit den Kleinen, also arbeitest Du nachts in Kneipen als Bedienung und läßt die Kinder notgedrungen allein.

Bald bist Du wieder schwanger. Aber von wem? Darüber wird heftig gestritten. Dein Ex-Mann leugnet alles, läßt aber keinen Test machen. Das Kind, noch ein Mädchen, wird geboren, doch er weigert sich, dafür aufzukommen. Zu allem Überfluß schwärzen Dich Nachbarn beim Jugendamt an, weil Du Deine Kinder nachts alleine läßt. Du verklagst Deinen Ex-Mann auf Unterhalt für das Baby, doch bald steht der junge Mann mittellos da: Das Finanzamt möchte Erbschaftssteuer kassieren, doch das Erbe ist längst verpraßt, bald ist der elterliche Handwerksbetrieb abgemeldet, es gibt nichts mehr zu holen bei ihm. Man nimmt Dir die Kinder weg, ihre Unterbringung kostet Geld, das man von Dir zurückfordert. Deine Großen sind nun auf dem Land untergebracht, das Baby lebt bei Deiner Mutter, Du gehst arbeiten, doch es reicht nicht. Forderung um Forderung geht bei Dir ein, man droht Dir mit Strafe, schließlich gehst Du ins Gefängnis. Das Sorgerecht für Deine Kinder aber wird Deinem Ex-Mann zugesprochen. In nüchternem Amtsdeutsch wird Dir beschieden, eine schlechte Mutter zu sein.

Helga und Hans, 1978

Helgas 2. Hochzeit, 1978

Kurz vor Weihnachten 1974 hat die Justiz ein Einsehen und läßt Dich auf Bewährung frei. Irgendwann im selben Jahr sitzt ein Mann in einer Kneipe und schwärmt der Wirtin von einer jungen Frau vor, die er kennengelernt hat: „Die hierote ich, die ess super!“ Er hat schon eine Ehe hinter sich, hat Kinder und allen Grund, es nicht noch einmal zu versuchen. Aber er ist ganz begeistert von Dir. Ein Mann von einfacher Bildung, baut am Fließband bei Ford Autos zusammen, trotz aller Schwierigkeiten ein fröhlicher und beliebter Mensch. Ihr kommt zusammen. Ihr werdet bald darauf heiraten und glücklich sein, bis er Ende der 90er Jahre schwerkrank stirbt. Morgens findest Du kleine Liebesbriefe in seiner ungelenken Handschrift auf dem Kühlschrank liegen; er malt Rosen dazu. Seine Familie wird Deine Familie, seine Kinder sind wie Deine eigenen, ihre Kinder werden Deine Enkel. Du bist glücklich.

Deinen Sohn siehst Du bei seiner Erstkommunion wieder, er trägt einen dieser schlechtsitzenden Kunstfaseranzüge aus der Kinderabteilung des Kaufhof – Dein Ex-Mann kauft dort ein, weil Dein Schwager ihm Personalprozente verschafft. Wie immer hast Du Dich fein zurechtgemacht, die hochtoupierten Haare und die riesige Sonnenbrille verschaffen Dir ein bißchen Sicherheit. Als der Junge 14 ist, traust Du Dich ein zweites Mal, ihn zu besuchen. Diesmal nimmst Du Deinen Mann mit. Sie sollen sich kennenlernen, Du willst dem Jungen zeigen, daß es auch gute Männer gibt. Doch Dein Sohn nimmt nichts davon wahr. Die Geschenke würdigt er keines Blickes, die freundlichen Worte Deines Mannes ignoriert er. Wütend wirft er Dir ein „Ich hasse Dich!“ an den Kopf und das ist das letzte Wort, daß Du je von ihm hören wirst. Ihr seht euch nie wieder.

Dein Ex-Mann läßt kein gutes Haar an Dir. Wenn die Kinder fragen, sagt er, Du seist eine schlechte Mutter und habest sie im Stich gelassen. Mehr erzählt er ihnen nicht, nicht, wie es Dir ergeht, nicht, wo sie Dich finden können. Immerhin siehst Du Deine Töchter wieder. Die Kleine ist gelegentlich bei Dir, die Große findet Jahre später, als sie längst selbst drei Kinder hat, heraus, wo Du lebst und besucht Dich. Du erfährst, daß Du neunfache Großmutter bist.

Nach dem Tod Deines Mannes vergehen ein paar Jahre, bis Du wieder einen Mann in Dein Leben läßt. Ihr habt beide einiges hinter Euch, Ihr habt erwachsene Kinder und Enkel, seid beide nicht mehr ganz gesund, aber ihr gebt euch gegenseitig Halt und habt gute Zeiten. In all diesen Jahrzehnten ist Familie das wichtigste, was es für Dich gibt: zusammensein, im Garten feiern, ans Meer fahren, füreinander sorgen. Du pflegst Deine Schwiegermutter, bis sie stirbt, Du sitzt an jedem Familientisch lauttönend und lachend in der Mitte.

Dann stirbt Dein Freund und Du bleibst in seiner Wohnung zurück, inmitten von Erinnerungen und all Deinen Büchern und Schuhen und Kleidern. Was immer auch passieren mag, man muß sich für die Welt interessieren, sagst Du, und Du möchtest gut dabei aussehen. Seit vierzig Jahren gehst Du jeden Freitag in denselben Frisiersalon und läßt Dir die Haare machen. Freitags ist immer Bingorunde in der Kneipe Deiner besten Freundin, Du bist jede Woche dort. Selbst als Du an Krebs erkrankst, achtest Du immer darauf, gepflegt zu sein. Man muß eine angenehme Erscheinung sein, man soll nicht klagen, nicht den anderen zur Last fallen. Das ist Dir wichtig. Selbständig sein, ein Gewinn für die anderen sein. Dein Ex-Mann ist inzwischen mehrfacher Hausbesitzer und fein raus, er macht mit fremdenfeindlichen Sprüchen und Geiz von sich reden, manche sagen, er unterstütze eine rechtsradikale Partei. Du hingegen kümmerst Dich um Migrantenkinder auf Deiner Etage und packst ihnen Unmengen Schokolade in die Nikolausgeschenke.

Am 24. Oktober 2014 läßt Du Dir wie jeden Freitag die Haare machen. Du gehst nach Hause, ziehst Dich fein an, legst wie immer etwas zuviel goldenen Schmuck an, parfümierst Dich, dann gehst Du Bingo spielen. Und Du gewinnst einen netten, kleinen Betrag. Aber dann bist Du müde, möchtest nach Hause. Deine Freundin, die Wirtin, ruft Dir ein Taxi. Die Fahrer kennen Dich alle – Dein verstorbener Freund war Taxifahrer, sie helfen Dir immer gern. Es ist nicht weit bis zu Deiner Wohnung. Der Fahrer hilft Dir mit den Einkäufen vom Nachmittag und bringt sie Dir hoch in die Wohnung. Die Überwachungskamera im Foyer des Hauses zeichnet ein letztes Bild von Dir auf. Du bist nicht mehr gut zu Fuß, die Krankheit hat Dich gezeichnet, aber Du läßt Dir nichts anmerken.

Am Morgen des 25. Oktober bist Du in Deinem Wohnzimmer. Dein Herz hört auf zu schlagen, Du fällst auf den Tisch. Die Kerze, die dort brennt, entzündet Deine Kleidung. Zum Glück für Deine Nachbarn sind alle Fenster geschlossen, es brennt nicht lichterloh, es schwelt bloß. Der Mann Deiner Stieftochter findet Dich, die Feuerwehr kommt.

Am Nachmittag macht die Polizei Deinen Sohn ausfindig, er ist nicht in der Stadt. Er muß zweimal überlegen, als er Deinen Namen hört, die Adresse kennt er nicht, Dein Geburtsdatum auch nicht, aber den Namen dann doch. Und dann muß er sich setzen, weil ihn seine Beine nicht mehr tragen. Es ist so lange her und er hätte gern noch etwas zu Dir gesagt. Nun ist es zu spät.

Du bist 67 Jahre alt geworden und Du hast ein gutes Leben gelebt. Eine kurze Zeit lang war es die Hölle, doch dann hast Du das Beste daraus gemacht.

Helga

Heute vor einem Jahr starb meine Mutter. Das Wenige, was ich über sie weiß, habe ich hier zusammengefaßt. Es stammt aus Akten und den Berichten ihrer Freunde und Verwandten. Manches ist aus Hörensagen zusammengereimt und bedarf eventuell der Korrektur.

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2 Antworten auf Kleiner Himmel, kleine Hölle

  1. Nadine sagt:

    Manfred,

    wollte nur sagen, dass ich das gelesen habe und mit Dir fühle.

    Ganz viel Kraft und Zeit um das zu verarbeiten.

    LG
    Nadine

  2. Kunar sagt:

    Beim Lesen musste ich mehrmals schlucken und mir die Tränen aus den Augen wischen. Was muss Dich das an Kraft gekostet, das zu sammeln und niederzuschreiben!

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