connections #1 lifelines

lifelines_desaster77

Seit zehn Jahren stehe ich morgens auf, fahre im Norden an der Stadt vorbei, gehe arbeiten, fahre zurück, gehe schlafen. Nur, damit es was zu essen gibt, ein Dach über dem Kopf, manierliche Kleidung. Gefräßiger Alltag, der kaum etwas zurückgibt, sich aber ausgiebig am Buffet bedient, Freundschaften frißt, Verbindungen kappt, Brachen hinterläßt. Wie ein beständiger Reiz im Gehirn wird nur noch diese eine Bahn verstärkt, die Lebensunterhaltsbahn, andere Verknüpfungen veröden und sterben ab. Schlägt der Blitz in diese Lebensader, wird es schlagartig dunkel. Es gibt kein Backup, keinen Plan B, kein Reservesystem. Hektisch blinkt die Fehleranzeige im Dunkel, ungebetene Kommentare aus dem Hinterstübchen spielen den Soundtrack dazu: „Hättest du mal lieber …“ und „Wärst du doch …“ Stop. Not-Aus. Neustart.

lifelines_magicbird

Schnitt. Ein Kratzen in der Finsternis, einmal, zweimal, dreimal, ein Streichholz flammt auf, flüchtiges Licht verschafft einen ersten Eindruck. Man sieht nicht viel. Die Finger werden heiß, die Flamme erlischt. Nochmal. Und nochmal. Es braucht mehr Licht. Dann wird sichtbar, was übriggeblieben ist: lose Enden, herumliegende Kabel, manche noch unter Strom, andere kalt und tot. Das muß alles neu verdrahtet werden.

lifelines_ickemich

Die soziale Inventur ist ernüchternd: Viele sind nicht mehr da, unbekannt verzogen die einen, andere haben sich in die umliegenden Schlafdörfer verzogen, neugegründete Familien im Gepäck, an den Theken von damals sitzt kein bekanntes Gesicht mehr. Ein paar wenige sind geblieben. Die ziehen zu lassen, wäre sträfliche Dummheit gewesen, gute Leute darunter, treu, verläßlich, hilfreich. Ein paar verwelkte Adressen gibt es noch, ungewiß, ob dort noch jemand wohnt. Und dann gibt es die anderen, die Unbekannten, die Fremden, die ohne Gesicht, die aus dem Netz. „Sei vorsichtig, das sind nicht deine Freunde!“ heißt es warnend. Natürlich nicht, aber wer sagt, daß sie nicht welche werden können? Wenn man sich erst einmal mit Worten in Gedanken verbunden hat, kann der nächste Schritt so schwer nicht sein.

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Früher war alles anders, da haben wir einander da draußen kennengelernt. Dann haben wir uns wieder verabschiedet und vielleicht Kontakt gehalten. Wir haben uns geschrieben, Karten, Briefe, auf Papier, von eigener Hand. Das geht immer noch. Ich drücke also auf „Neustart“, organisiere meinen Alltag neu und schaue mich um. Das widerlichste Weihnachtsfest seit einem Vierteljahrhundert überstehe ich nur, weil ich virtuell in anderleuts Wohnzimmer schauen und teilhaben kann – es ist noch alles da, irgendwo da draußen, ich muß es mir nur zurückholen, alles neu verdrahten, neue Verbindungen knüpfen.

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Nach Weihnachten entsteht ein Bogen Neujahrskarten, handgemacht, Aquarell, Lack und Tusche auf Papier, gelettert mit Resten von Anreibebuchstaben aus dem 20. Jahrhundert, als Fotosatz noch unerschwinglich war und DTP ein fernes Gerücht aus Cupertino. Ein bißchen Himmelsfarben, etwas Silberstreif, Leitlinien, ein wenig zittriges Leben. Lange Linien, abrupt zerschnitten, mit Grüßen versehen, verpackt, frankiert und auf den Weg gebracht, hin zu alten und neuen Freunden. Warten, was daraus wird.

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Und tatsächlich, ein paar kommen zurück an die Oberfläche, werden fotografiert und getwittert, vermeintlich für immer getrennt, fügen sie sich wieder zusammen, wenn man die Bilder nebeneinander legt. Dazu gibt es Antworten, liebe Grüße, gute Wünsche, warme Worte – davor hatte man mich allerdings nicht gewarnt. Das kann so falsch nicht sein.

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Um das ganze Bild zurückzugewinnen, müßten sich 16 Menschen zusammentun und das Puzzle wieder zusammensetzen. Diesen Gedanken finde ich so reizvoll, daß ich gleich das nächste, noch größere, Format in Angriff nehme, nur um es zu zerteilen und wegzugeben. Es liegt schon hier, fertig gemalt, aber es fehlt noch etwas, ein Element, das es lohnend erscheinen lassen könnte, die Teile wieder zu einem Ganzen zu machen. Doch es gärt schon …

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4 Antworten auf connections #1 lifelines

  1. Nadine sagt:

    Lieber Manfred,

    diese Zeilen haben mich sehr berührt :)

    Schöne Farben für den Neustart ;)

  2. Anne Milios sagt:

    Lieber Manfred Müller,
    mal wieder schlaflos, diese wunderbarenTexte, begleitet von ebenso wunderschönen Bildern, mit herrlichen Farben,entdeckt.Nun sitze ich hier, und denke….warum gelingen uns diese wertvollen Betrachtungen unseres Seins so selten? Im schlimmsten Fall,überhaupt nicht.
    Eine Neuinstallation des Lebens, dient ja auch der Komplexitätsreduzierung.
    Erkennen – neustarten- ich finde, ihnen wird er gelingen.
    Toller Beitrag! VG Anne

  3. Sascha sagt:

    Da bin ich ja mal gespannt auf das große Ganze der Karte die mich erreicht hat :) Auf jeden Fall eine wunderschöne Idee.

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