Welcome To My World

Sonntag, 14. September 2014:

Just, als ich locker trabend nach links in Richtung Brücke abbiege, überholt mich ein Pärchen beim abendlichen Radausflug, er ein bequem gekleideter Studententyp in Grau auf einem klapperigen Mountainbike aus dem Baumarkt, sie eine Rothaarige mit starker Mitte auf einem roten Einkaufsrad, geschätzt einen halben Zentner schwer, das Rad. Der Pulli ist ihr ein Stück hochgerutscht, ich sehe einen Streifen seifenfarbene Haut, aus der schwarzen Hose lugt der sauberweiße Saum ihrer Unterwäsche.

Die Rampe ist weder sehr steil, noch sehr lang, doch ich höre schon das typische Rasseln der Kette, das Menschen einer Kettenschaltung entlocken können, die mit ihrer Bedienung nicht vertraut sind. Und dann schalten sie erst, wenn die Steigung schon begonnen hat und weg ist der Schwung.

Ich mag nicht überholt werden. Nicht von bequemen Pärchen, die an einem Sonntagabend nichts Besseres zu tun haben, als in einem langweiligen Ackerstreifen herumzuradeln und die ständig lärmende Autobahn zu überqueren. Setzt euch in einen Biergarten! Meinetwegen seht fern und knutscht dabei oder geht ins Bett! Macht irgendwas gescheites! Aber ächzt hier nicht rum auf euren rasselnden, quietschenden Rädern und nervt mich dabei mit eurem belanglosen Gespräch über … was die und der letztens gemacht haben? Und überholt mich nicht!

Von Samstagmittag bis Sonntag früh um vier an einem Hobbyprojekt gesessen, ausgerechnet am Wochenende mit denselben Werkzeugen am Bildschirm arbeiten, mit denen ich werktags meine Brötchen verdiene – bekloppt. Dann drei Stunden Schlaf – erquickend. Ein Milchkaffee – danke, Nani! – ein Toast, fertig ist der Marathon-Supporter. Heute ist nämlich Marathon in der Stadt und wir stellen uns an die Strecke und feuern ein paar Freunde an: brüllen, auf den Rücken hauen, Cola anreichen, ihr kennt das. Aber dafür muß ich natürlich büßen.

Zu Zeiten, da ich noch regelmäßig Tour de France geschaut habe, war es guter Brauch, nach der Etappe eine Runde auf dem Rad zu drehen – es geht einfach nicht an, den Helden beim langsamen Sterben zuzusehen, während man selbst auf der Couch abhängt. Da muß Buße getan werden. Das habe ich heute auch vor: lockeres Dauerläufchen in der Abendsonne ist angesagt, 12 ruhige Kilometer, Büßen für zwei Stunden Ultraklatschen und müden Helden freundlich zunicken.

Kaum merklich verstärke ich den Abdruck. Was tue ich da? Beschleunigen? Muß das sein? Schon beim Nebenherjoggen auf der Marathonstrecke merke ich die Woche, die hinter mir liegt, den Samstag im Bürostuhl, die drei Stunden Schlaf und den einen Toast, der mein Frühstück war, sehr deutlich. Die Beine sind schwer, ich schiebe Kohldampf, bin müde und abgeschlagen, ganz hinten melden sich sogar die Achillessehnenansätze wieder: „Ey! Herbstpause, ey?“ Jaja … SIE ÜBERHOLEN MICH! Na gut, also beschleunige ich jetzt und während der graue Student seine Freundin mit seiner Anekdote unterhält und sie kraftlos die Rampe hocheiert, überhole ich die beiden, den Blick hinter der verspiegelten Brille stur nach vorne gerichtet. Schau! sage ich in Gedanken. So kann das aussehen! Ich bin vielleicht alt, aber allemal besser in Form als dein Alleinunterhalter!

Ungläubig lausche ich meinen Gedanken: Was wird das, wenn’s fertig ist? Ist heute Prahlstunde im Seniorenkindergarten? Oder gab’s in der Suppenküche Testosteronlutscher zum Nachtisch? Oben angekommen, halte ich das Tempo eine Weile, dann erinnern mich meine Beine daran, daß ich zum Vergnügen hier bin, ich werfe einen überflüssigen Blick auf die Multifunktionsuhr und bremse ab. Als die turtelnden Ausflügler mich ihrerseits wieder überholen – KEINE KUNST! ES GEHT JA BERGAB! UND IHR SEID SO … WOHLGENÄHRT! – drängt sich die Antwort nach vorne ins Bewußtsein: Das muß diese Midlife Crisis sein, von der sie alle reden. Danke.

Langsam (mal) machen

„Da der Begriff nicht als psychische Krankheit definiert ist, ist die Bezeichnung „Symptome“ im eigentlichen Sinne hier nicht angemessen. Als Anzeichen der Midlife-Crisis werden sehr unterschiedliche Beschwerden benannt. Meist berichten die Betroffenen von Stimmungsschwankungen, Grübeleien, innerer Unsicherheit, Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten (beruflich, partnerschaftlich, familiär). Die Gefahr von Überschneidungen der Anzeichen einer Midlife-Crisis mit den Symptomen einer psychischen Erkrankung im eigentlichen Sinne ist dabei groß (s. u.). Sofern sich aus den Belastungen keine psychische Erkrankung entwickelt, gehen die meisten Menschen aus diesem Lebensabschnitt mit dem Gefühl gestärkter innerer Reife und bewussterer Lebenshaltung heraus.“
– Wikipedia: Midlife Crisis

Komm, denk’ nach! Was ist das Problem? Denk nach! Nein, nicht schneller rennen! Langsam! Und nachdenken. Midlife Crisis, ich krieg’ die Krise. Ich doch nicht! Ich seh’ nur aus wie 47, in Wirklichkeit bin ich 23 und kann nichts dafür. Die Playlist eilt mir zu Hilfe …

Slow
Slow, slow

As slow as you can go
So I can feel all I want to know
Slow, slow
I’ll go with your flow

Schick, das paßt. Doch, halt, gleich danach hat Martin Gore was übers Ficken in die Strophe geschrieben, das paßt mir jetzt gar nicht …

I don’t need a race in my bed
When speed’s in my heart
And speed’s in my head instead

Das klingt sehr schön, ich unterschreibe das, doch ich wollte mich entspannen, bitte jetzt nichts Aufregendes! Weiterklicken …

I only smoke weed when I need to,

And I need to get some rest,
Yo, where’s the Cess, 
I confess,
I burnt a hole in the mattress,

Yes, yes, it was me, I plead guilty …

Au ja, „Insomnia“, die 11-Minuten-Maxi. Macht nichts, daß ich nicht mehr rauche, egal, daß ich schon sehr lange nichts mehr genommen habe, das Stück paßt … Locker werden. Midlife Crisis! LOCKER WERDEN! … Locker.

Will ich das, was ich tue, so weitermachen? Ich denke, darum geht es. Die Jagdsaison ist vorüber, ich habe die Familie, die ich wollte, im zweiten Anlauf. Ich leiste meinen Beitrag. Ich habe es drangegeben, der Frau meine Hobbies anzudienen – zu okkult, zu seltsam – stattdessen habe ich mir ihres angeeignet, damit wir was zu reden haben und Zeit miteinander verbringen können. Das ist sehr erwachsen und macht schlank – ICH HABE DIE BEIDEN EBEN ÜBERHOLT, EY! Ist ja gut, krieg’ dich ein … Und trotzdem: Midlife Crisis?

Gut, dann werde ich mein Sparkonto plündern, ein fettes Motorrad kaufen, vom Rest gibt’s ein paar schicke Tattoos und dann nehme ich einen Kredit auf und haue ab – okay, nicht für lange, denn so viel Kredit kriege ich gar nicht mehr. Problem: Was für ein Motorrad kriegt man für ’nen Hunni? So viel ist nämlich drauf auf dem Sparbuch. Aber halt! Steht da nicht irgendwo in der Tiefgarage eine Maschine herum, an der Wand, unter den Spinnweben? Ich glaub’, das ist meine … Und das Tattoo, das bedeutsam genug ist, daß ich es im Pflegeheim dem Personal präsentieren möchte, wenn es schon lang und labberig geworden ist, das muß erst noch erfunden werden.

Den Job, den ich mache, bin ich leid, das weiß ich schon lange. Dann such einen neuen. Mache ich auch schon lange. Ich habe die Bücher nicht geschrieben, die ich schreiben wollte. Dann solltest du das besser tun. Ich weiß, wie das geht, es gibt keinen Grund, es nicht zu tun außer bleierner Müdigkeit am Abend. Und Zeitverschwendung … Ja, und Zeitverschwendung. Auf den To-Do-Listen, die hier schon zu Kompost zerfallen sind, könnte ich Gemüsebeete anpflanzen. Dann war das, was draufstand, wohl nicht so dringend. Ich war noch nie (in Norwegen/in Afrika/auf Island/auf dem Ortler). Hm, dann fang’ mal besser an, zu sparen! Ich sehe viele der Leute nicht mehr, mit denen ich früher Zeit verbracht habe. Dann wird es Zeit für neue Gesichter.

Twitter-Ei

Gestern zeigt mir die Frau ein Bild auf ihrem Pad, @ickemich hat es auf Twitter gepostet …

Unglaublich, ich bin schon eine ganze Woche weg und noch nicht vergessen – in Twitter-Maßstäben ist das ziemlich lange. Plötzlich hab’ ich da was im Auge und denke, das kann es jetzt nicht gewesen sein. So marginal das Virtuelle auch ist, es hängt wohl doch noch ein bißchen mehr dran.

Ich hatte eine Liste mit Twitterern, die ich in Anlehnung an ein sehr inspirierendes Tanzmusik-Programm auf BBC1 „The Essential Mix“ genannt habe: alte Freunde, mit denen ich obskure Hobbies teile, Menschen, die ich wirklich getroffen habe, und dann wurden es mehr und mehr von den Unbekannten, freundliche Seelen (@LuisePunter zum Beispiel, oder @RoseWichmann, @Ginderful und natürlich @Leseleichen), schräge Typen (in Wirklichkeit lieben sich @Seppanovic und @krautraub), verträumte Wortverdreherinnen („Nach meinem Tod möchte ich eingerahmt werden“, könnte @socialgeraldine sagen … @wertverstellung wirkt da etwas wacher), akademische Kodderschnauzen (@wiase – hat ein paar großartige Berichte aus dem Berliner Nachtleben in ihrem Blog!), kämpfende Mütter (@larifariabel und natürlich @SchlimmeHelena!), sozialisierende Elemente (@DieMurks und @ickemich kitten mit Nonmentions und #petzentweets ganze Timelines zusammen), charmante Schwiegermutterträumchen (@denkfett, @komponiker, @wousel), brutale Nörgler (@4zido und natürlich der @turbozopf), langweilige Mädchen …*

Ich muß lachen. Zu @meiliese würden mir zahlreiche Attribute einfallen, „witzig“ und „sportlich“ wären ganz vorn dabei (sie hatte u.a. ein paar treffende #joggingausreden parat), aber natürlich kann man es im Twitterleben mit einem Etikett wie „langweilig“ weit bringen. Schaut bitte mal, was sie da schreibt und folgt ihr. Und vergeßt nach dem Lesen bitte nicht zu gähnen. Und ihr das zu sagen. Danke.

Projekt Eure Welt

Der Schweiß tropft schon von der Mütze, als mir so langsam klar wird, wie ich die Baustellen miteinander verbinden kann: Bücher schreiben, herumkommen, neue Gesichter … Ich hab’ da so eine Idee. Eigentlich keine neue Idee, auch keine weltbewegend originelle, aber eine gute. Ich werde ein bißchen Geld in die Hand nehmen müssen. Und ein paar alte Zöpfe abschneiden.
Nur die To-Do-Listen will ich nicht mehr sehen. Es muß doch möglich sein, diese Werkzeuge aus der Prokrastinationshölle durch dieses Sofortmachen zu ersetzen, oder? ODER?

Welcome to my world
Step right through the door
Leave your tranquilizers at home
You don’t need them anymore

Der hat’s schon drauf, dieser Martin Gore … Was sie alle bloß an David Gahan finden?

*P.S.: Und auch in dieser Aufzählung fehlen wieder einige. Das ist dem Textfluß geschuldet. Ich sage das nur, weil ich weiß, wie sensibel Twitterer sind, die registrieren Erschütterungen der Macht immer ganz genau …

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2 Antworten auf Welcome To My World

  1. FrlSis sagt:

    …Habe gestern an den Balletbeutel gedacht! SIE AUCH?!

    Ansonsten fehlen mir die Sir Manfred-Tweets sehr – insbesondere die, die mich daran erinnern, dass 5 Std Hängemattenchillen KEIN adäquates Work-Out darstellen :)

  2. Ich habe natürlich auch an den #Ballettbeutel gedacht, logisch! Aber ich war der Pflicht enthoben, ihn nicht liegenzulassen, das hat dann die hauptsächliche #Ballettbeutel-Betreuerin für die #Ballettbeutel-Eignerin besorgt, die immer noch sehr impulsiv mit regelmäßigen Aufgaben umgeht, dieses winzige Defizit jedoch stets mit einem Lächeln, einem kleinen Lied und ein paar Tanzschritten in der Morgensonne zu überspielen weiß. Wie Engelchen das halt so machen. Da muß man halt mitlächeln. Und kommt sich selbstverständlich maximal grob unfreundlich vor, wenn man mit allem Nachdruck zur Erledigung der morgendlichen Aufgaben mahnt: »ZÄH! NE! PUT! ZEN!! JETZT!!!«

    Hach ja …

    Das Nicht-Twittern ist in der Tat schwerer als ich dachte. Um Zigarettenautomaten rumschleichen war lustiger – da wußte man wenigstens noch, daß man sich schaden würde, daß man Geld und Zeit verlieren und hernach schlecht riechen würde. Diese Nachteile – abgesehen vom Zeitklau, der ist ja wirklich dramatisch! – hat Twitter ja nicht. Tückisch, tückisch …

    Und Hängemattenchillen ist toll! Hauptsache, zwischendurch gibt’s Bewegung. Läufer wissen: In den Pausen wird man schneller! Echt wahr! Also bitte weiterchillen. :)

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