Wasserstandsmeldung ist ’ne Bitch

Pegeluhr Köln

Pegeluhr Köln · Foto: A. Savin (CC BY-SA 3.0)

„Das hab’ ich gar nicht so gemeint …“
„Wichtig ist aber, wie es beim Empfänger ankommt!“
„Aber man muß doch auch mal gucken, wie’s gemeint ist …“
Nicht, wenn dein Gegenüber deine werdende Ex-Frau ist. Dann nämlich bist du der lästige Mann, bar jeglichen fachlich fundierten Wissens über Kommunikationstheorie, mag man von lückenhafter Schulbildung absehen. Dann bist du nämlich schuld. Und du wirst erst viel später schmerzlich erkennen, daß du gegen einen Zitateroboter verloren hast, der das Gelernte in Wahrheit gar nicht begriffen hat, sondern bloß Floskeln herunterrattern kann. Jedenfalls hast du als Sender nicht an die Wahrnehmung des Empfängers gedacht und dich folglich schuldig gemacht der rüden Rücksichtslosigkeit. Als Empfänger bist du unfähig, die lauteren Absichten der Senderin zu sehen. Es mangelt dir also völlig an Empathie, Macho. Depp. Metakommunikationsverlierer.
Sowas löst man nur mit maximaler Gelassenheit. Oder mit Scheidung.

Als ich noch bei Twitter war, also bis letzten Freitag, folgte ich @elbpegelstand – nicht, weil ich jederzeit wissen muß, wie der Pegel der Elbe in Dresden ist, sondern weil ich mich an etwas Wichtiges erinnern wollte. Zu jener Zeit nämlich, als ich der Metakommunikationsgewinnerin endlich den Laufpaß gegeben hatte, lernte ich ein neues, faszinierendes Geschöpf kennen. Und ich schrieb E-Mails wie im Wahn, alles war neu und wahnsinnig bedeutsam, die ganze Welt schien in neue Farben getaucht (es gibt Gründe, warum Neurologen Verliebtheit als pathologischen Zustand betrachten …). Einmal teilte ich ihr etwas mit, von dem ich dachte, sie könnte es vielleicht wichtig finden. Ich war mir aber nicht sicher. Ich hätte es auch verschweigen können, doch wer einmal erlebt hat, wie eine Frau reagiert, der etwas verschwiegen wird, zieht Verschweigen gar nicht in Erwägung. Die Antwort kam prompt:
„… interessiert mich wie die Wasserstandsmeldung.“
Ach so.

Also wie jetzt? Interessiert es sie oder nicht? Meinem Sohn, wäre er heute in der gleichen Situation, würde ich raten: „Frag halt nach! Dümmer als dumm kannst du nicht aussehen.“ Manchmal aber ist Nachfragen keine Option, vor allem, wenn man noch dabei ist, die zerzausten Pfauenfedern zu richten. Da möchte man lieber erfahren und souverän rüberkommen: „Verstehe. Alles klar. Knick-knack.“ Nichts ist klar.

Ich werfe also die große, mächtige Intelligenzmaschine an und finde heraus: Die Wichtigkeit einer Wasserstandsmeldung ist ganz stark abhängig vom Standpunkt des Betrachters. Für den Verdurstenden in der Wüste, dem sie den Wasserstand im einzigen Brunnen weit und breit anzeigt, bedeutet sie den Unterscheid zwischen Leben und Tod. Gut, wir leben jetzt nicht direkt in der Wüste. Betrachten wir also den Blickwinkel der Empfängerin: Haben nicht vor Monaten erst Elbe und Weißeritz ihre Heimatstadt verwüstet? Da ist eine Wasserstandsmeldung doch essentiell wichtig! ich entscheide mich also dafür, maximal alarmiert zu sein. Und ernte maximales Unverständnis.

Der Standpunkt der Empfängerin kann ja auch ein ganz realer sein. Am Rhein zum Beispiel. Daran denke ich damals nicht (siehe weiter oben den Hinweis auf neuropathologische Umstände). Und dann gibt es ja auch noch sowas wie Kontext. Kontext, das ist, wenn man im Französisch-Unterricht zum Beispiel mit der Grammatik hadert und nicht weiß, wie die Endungen eines Verbs aussehen müssen. „Beachten Sie bitte den Kontext!“ ermahnt uns die Lehrerin stets. „Dann ist alles ganz einfach!“

Von wegen … Der Kontext ist mir etwas später am wenigsten unklar, als ich in einem kleinen Dorf bei Toulon in einem Postamt stehe und eine Briefmarke kaufen will. Im Kontext fällt mir nämlich das Wort für Briefmarke nicht ein und ich behelfe mir mit Leck- und Stempelgestik und dem Hinweis auf eine „carte postale à l’Allemagne“, dreimal, viermal, bis der junge Mann hinterm Schalter die Zeitung senkt und fragt, warum ich nicht sage, daß ich eine Briefmarke haben möchte – auf Deutsch. Ein Student auf Heimaturlaub, hilft im mütterlichen Geschäft aus, lustigerweise studiert er Germanistik. In Köln.

Kontext. Daran würde ich jetzt immer denken. Damit habe ich doch alle Hürden gemeistert, oder? Naiv. Es gibt ja noch den Fall, da alles, was man sagt, gegen einen verwendet werden wird, in einer maximal ungünstigen Auslegung des Gesagten, trotz guter Absichten, trotz Berücksichtigung der Befindlichkeiten auf Empfangsseite, trotz Konzentration auf den Kontext. Aber warum denn nur? Weil es so ist. Deswegen.

Da hilft nur maximale Gelassenheit und ein gelegentlicher Blick auf den Rheinpegel. Wegen der Wasserstandsmeldung. Was-ser-stands-mel-dung. Dreimal wiederholen. Gaanz laangsam. Ommm…

P.S.: Das französische Wort für Briefmarke ist natürlich „timbre“. Das hat sich in meinem Gehirn quasi festverdrahtet. Unvergeßbar.

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