Vom Gebrauch der Werkzeuge

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*ting.tack.tack.tating.titing.tack.tack.tackatack.tack.ting* *kling* *ratsch* Ich bin Olympia Monica Jahre alt. Meinem Vater leierte ich die Schreibmaschine meines Großvaters aus den Rippen. Zehn Jahre lang war die kommißgrüne Schönheit mein hauptsächliches Schreibgerät; die Vehemenz des Anschlags, die ich mir damals zwangsweise aneignete, um die Mechanik dazu zu bewegen, die Typen auf das Farbband zu knallen, hört man mir heute noch an, so sehr, daß die Kollegen im Büro regelmäßig um die technische Gesundheit meiner Tastaturen fürchten; auch mein semiblindes Zwei-bis-fünf-Finger-System rührt aus dieser Zeit.

Drehen wir die Zeit zurück: Ich bin elf Jahre alt, wir schreiben eine Kurzgeschichte für den Deutschunterricht, Thema: Science Fiction. Diese Aufgabe möchte ich mit der Maschine schreiben. Irgendwo findet sich auch eine, sie funktioniert sogar und es gibt einen kleinen Vorrat Papier. Viel werde ich nicht brauchen, zwei Seiten vielleicht. Doch es kommt anders, denn spätestens mit dem ersten Tippfehler (irgendwo im ersten Absatz) merke ich, daß ich keine Möglichkeit habe, zu korrigieren. Entnervt reiße ich das Blatt heraus, lege ein neues ein und beginne von vorne: »DIE SACHE MIT DEN UFOs …« und so weiter und so weiter. Ein Ancient-Astronaut-Klassiker. Mit Pointe. Zwei Typoskriptseiten lang. Ich verbrauche dreißig oder vierzig Blatt Papier und einen ganzen Nachmittag. Jahre später, Großvaters Maschine steht frisch restauriert und geölt auf dem Schreibtisch vor mir, verrät mir der Schreibwarenhändler ein Geheimnis: Tipp-Ex heißt es und es hätte mein elfjähriges Ich sehr glücklich gemacht.

Schreiben ist eigentlich ganz einfach: ein Stück Papier, ein Stift und los geht’s! Jahrelang steckten meine Jackentaschen voller zweifach gefalteter A4-Blätter, ganze Erzählungen habe ich so niedergelegt, in der Schule, beim Schulschwänzen im Café, an warmen Sommerabenden im Volksgarten, abends in den Kneipen. Und wenn das Papier alle war, mußten Bierdeckel, abgerissene Plakate oder eine gemopste Rolle Kassenbonpapier erhalten.

Dann folgte der zweite, weit mühsamere Schritt: Abtippen. Aber es hatte sein Gutes damit, denn da wurden die Schwächen der kleinen Meisterwerke offenbar, die, fragmentarisch an verschiedenen Orten und in kleinen Zeitfenstern zusammengeschrieben, in der Erinnerung zwar den Eindruck epischer Breite erweckten, nach der Destillation durch die Schreibmaschine jedoch rasch auf ein kläglich banales, hastiges Maß zusammenschnurrten. Wenn man aus der Enttäuschung noch etwas machen wollte, mußte man wieder von vorn anfangen.

Anfang der 90er Jahre war dann Schluß mit Papier und Farbband. Auf meinem Schreibtisch stand fortan ein Computer, ein Macintosh Plus, darauf eine frühe Word-Version als Textprozessor, oder Textverarbeitung, wie es neumodisch hieß (dabei war ich es doch, der den Text verarbeitete – der Begriff leuchtete mir schlicht nicht ein). Seitdem ist alles anders, seitdem habe ich etliche Millionen Zeichen aneinandergereiht (-> hier ein paar Textbeispiele), wachsen die Projekte in Permutationen mit Seitenzweigen heran, werden Werkzeuge interessant, die Unterschiede verschiedener Textversionen hervorheben, analysieren und archivieren. Textsoftware gleicht heute einem vielarmigen Monster mit verschieden geformten Mäulern, ihre Bedienung erfordert einen Master in Featuritis, ständig droht die Inkompatibilität, die Pflege des Werkzeugs nimmt bald einen signifikanten Anteil an Zeit ein. Doch das geht zu weit.

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Den weitaus größten Teil meiner Texte habe ich mit einfachsten Texteditoren getippt, aktuell ist das TextEdit. Die Kargheit hat ihr Gutes, weil es wenig gibt, das mich vom Arbeiten ablenkt. Wenn ich denn mal zum Schreiben komme. Und doch fehlte mir da immer noch ein Schritt hin zur totalen Immersion in die Welt des geschriebenen Wortes. Es ist möglich, beim Schreiben in demselben Fluß zu schwimmen, in den wir unsere Leser werfen und erst dann schreibt es sich wirklich befreit. Mein Werkzeug dafür ist der OmmWriter, ein minimalistisches Wunderding aus einer Softwareschmiede in Barcelona, das ein bißchen mehr tut als bloß ein Schreibfenster zu bieten: schemenhafte Hintergründe, sich in Unschärfen verlierend, wechselnde Lichtstimmungen, flüchtige Ambient Sounds, verschiedene Tippgeräusche … ich sitze in der zweiten Etage eines alten Stadthauses in Lissabon und höre unten die Straßenbahn quietschen, während irgendwo im Haus die Zugehfrau den Staubsauger anwirft. Herrlich! So muß das sein: keine Ablenkung und doch mitten im Leben, die Illusion des Schreibens als Hauptbeschäftigung gegen nächtliche Einsamkeit und Müdigkeit, wider das Gefühl des Jetzt-Schreiben-Müssens, weil sonst keine Zeit bleibt. Ich liebe dieses Programm.

Die einzige Schwierigkeit, die ich jetzt noch habe, ist, den Weg zurück zu finden: von der dauernden Erschöpfung, hervorgerufen durch regelmäßiges abendliches Lauftraining, hin zum regelmäßigen Schreiben. Die NaNoWriMo-Teilnehmer predigen, man solle 1.000 Wörter am Tag schreiben – eigentlich kein Ding, wenn man erst einmal einen Anfang hat, oder die losen Enden vom letzten Projekt noch vertraut sind. Doch wenn es so gar nicht läuft, welchem Rezept kann man vertrauen? Hilft es, sich jeden Abend eine Stunde zu nehmen und zu schreiben, selbst wenn nur ein einziger Satz dabei herauskommt? Brauche ich wieder atmosphärisch passende Playlists oder soll ich die Musik weglassen? Geht es ohne Zigaretten oder werde ich dann nervös?

Irgendwo muß ich anfangen. Die Unvollendeten schubsen sich gegenseitig weg, die Ungeschriebenen gähnen derweil und sagen: »Wenn aus euch etwas werden könnte, wärt ihr ja längst schon fertig. Wir hingegen …« Irgendwo muß ich anfangen. Vielleicht muß es etwas Neues sein. Da hilft nur mein wichtigstes Werkzeug und das sitzt auf meinem Hals. Vielleicht muß das auch restauriert werden. Erstmal den Blauburgunder aufmachen …

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2 Antworten auf Vom Gebrauch der Werkzeuge

  1. Alex sagt:

    »Es ist möglich, beim Schreiben in demselben Fluß zu schwimmen, in den wir unsere Leser werfen und erst dann schreibt es sich wirklich befreit.«

    Gleich noch ein Zitat von dir, das ich sehr mag und so unterschreiben kann.

    Wie viele Projekte hast du denn im Moment noch offen und wie weit bist du mit ihnen bislang gekommen? Und zu wievielt sind die gähnenden Ungeschriebenen?

    Ich glaube, womit man anfangen sollte, hängt stark mit der Frage zusammen, was man erreichen möchte – einen abgeschlossenen Roman für sich selbst, einen solchen mit Verlagsaussichten oder schlicht wieder mehr Spaß am Schreiben. Nicht, dass mir diese Erkenntnis bislang nennenswert weitergeholfen hätte. xD Ich selber schreibe im Moment bloß Oneshots aus Spaß, die aber dafür zu größeren Geschichtenwelten, weil ich mich einfach nicht endgültig für ein vorrangiges Projekt entscheiden kann, und bin gespannt, ob eines von ihnen sich dann durchsetzt und mich so sehr packt, dass ich nur noch daran schreiben möchte. Ob das aber ein allgemein hilfreiches Rezept ist, kann ich nicht beurteilen, vor allem weil es auch die Möglichkeit beinhaltet, letztlich mit nichts nennenswert weiterzukommen.

    Den OmmWriter hab ich mir gerade ziemlich geflasht angeschaut – cool, das Ding. Ich weiß nicht, ob es mich beim tatsächlichen Gebrauch nicht irgendwann stören würde, ich brauche es zum Schreiben eigentlich sehr still, aber es fasziniert mich in jedem Fall.

    Übrigens beeindruckt es mich, wie viel du zurzeit bloggst. Das ist im Grunde ja ebenfalls Schreiben, wenn auch nicht auf fiktionaler Ebene.

    … Okay, und ich lese und kommentiere so dermaßen langsam, dass du mit deiner Antwort auf meinen vorherigen Kommentar schneller fertig bist. Das sind an sich doch beste Voraussetzungen; selbst ich Lahmarsch schreibe! ;)

  2. Projekte … Es gibt eine Schublade mit Entwürfen, die habe ich ziemlich lange nicht angefaßt und als ich vor ein paar Tagen mal reingeschaut habe, wurde mir klar, daß ich etliche davon bereits vergessen hatte. Dabei ist nicht alles schlecht. Das verdient einen weiteren Blick.

    Hauptsächlich bin ich mit Shared-World-Schreiberei beschäftigt; da entsteht Fantasy zur Ausgestaltung einer Welt, die seit 1966 kontinuierlich simuliert wird. Hat sogar einen kleinen Wiki-Eintrag: Magira. Das ist mittlerweile weit mehr als ein bloßer Spielhintergrund und in den Jahrzehnten seit der Gründung ist eine immense Fülle an Material entstanden. Vor diesem Hintergrund zu schreiben, erfordert also immer Abstimmung mit anderen Akteuren und, will man dem Material gerecht werden, ordentliche Quellenarbeit. Das kann anstrengend sein, ist aber auch sehr spannend. Seit wenigen Jahren erscheinen in Kleinverlagen Bücher mit Geschichten, die dort ihren Ursprung haben – da habe ich eine reelle Chance, auch mal ein, zwei Romane zu plazieren. Gefragt wurde ich schon, ich muß bloß fertig werden. (Ich habe auch mal dazu gebloggt …)

    Abgesehen davon habe ich ein paar Ordner mit Prosa verschiedenster Art gefüllt, einiges davon ist in Fanzines erschienen, mehr aber auch nicht.

    Den Ton im OmmWriter kann man übrigens abstellen. Ich muß aber sagen, wenn ich im Hintergrund eine Playlist laufen habe, nehme ich die Ambient Sounds gern dazu, das ist schon sehr entspannend, finde ich.

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