Eine Übung

Sonic Bar9. Dezember 2002

Eine Übung, der ich lange Jahre verfallen war: irgendwo rumhängen (arbeitslos in Cafés, besoffen in Kneipen, durchnäßt auf irgendwelchen Gebirgspässen, schwermütig an winterlichen Uferpromenaden, bekifft im Nebel, liebeskrank im Trockeneisdampf, auf Speed im Industrial-Gewummer von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, verkatert aufgewacht nach sinnlosen Hansa-Vernichtungsorgien, das Kissen eine Buttercrémetorte, verteilt auf dem Fünfmarks-Trenchcoat aus dem Kaufhaus Kilo … und weiß der Geier wo sonst noch) und aufschreiben, was gerade anliegt, froh, nicht die Kunstfertigkeit und das Talent der weltberühmten Frühgestorbenen zu besitzen, aber auch nicht ihre schlechte Gesundheit. Obwohl die kranken Hirne immerhin berühmt geworden sind. Weltberühmt. Reich auch? Keine Ahnung. Ist weltberühmt besser als gesund, namenlos und unglücklich? Wie bin ich jetzt auf dieses schmale Brett gekommen?

Interessant waren bei alldem nicht die Gedanken, wohl aber die Art ihrer Aneinanderreihung. Weniger das Leben, das sie hervorbrachte. Das nun nicht. Aber die Aussicht war manchmal ganz hervorragend – wie „Kooyaanisqatsi“ schauen, nur nicht so schnell … Den Blick des Spaziergängers auf den Ameisenhaufen genießen (fast vergessenes Gefühl, gerade kommt es wieder hoch …): braves Gesox, brave, kleine Kommunarden, pheromonequatschende Mitläufer.


Entscheidend war das Nachempfinden jenes Zustandes, da alle Wahrnehmungsfilter ausgeschaltet sind. Darin befindlich dann die Auswahl der objektiv beherrschenden Dinge. Soweit die Theorie.


In der Praxis geriet so manches Manuskript zur unleserlichen Soße, weil die Hände versagten, oder die Texte waren bei Licht besehen völlig nichtssagend, oder sie gingen verloren oder sie wurden vernichtet.

Kam mal nach Hause, bestimmt fünfzehn Jahre her. Fühlte mich großartig. Dank gewisser Hilfsmittel. Griff zum Tagebuch. Schrieb wie der Teufel. Fühlte heiße Wallungen des Stolzes in mir aufsteigen. Tolle Wendungen, klangvolle Phrasen, atemberaubende Pointen! Legte mich in voller Montur schlafen. Licht an, Heizung auf bis zum Anschlag. Wachte auf, dehydriert, ächzend, fluchend, dafür noch fast zu schwach. Da durchzuckte mich plötzliche Freude: Das Elend hat ein Ende! Ich muß nur das Meisterwerk, das nächtlich geschriebene, abtippen, einschicken, veröffentlichen und damit berühmt werden, Kohle machen …

Hastig das Buch hervorgeholt, durchgeblättert: Seite um Seite voll mit RIESIGEN Schwüngen, palimpsestartig übereinandergeschichtet, langgezogen, völlig verwaschen, unartikuliert, formlos. Unlesbar.


Erst mal aufs wohlig kühle, weil ungeheizte Klo: kotzen. Dann was gegen die Kopfschmerzen …

Meran

Wenn es dunkel wird über Meran …

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2 Antworten auf Eine Übung

  1. Louie sagt:

    Ich will mehr aus der Rubrik “Drogen” lesen :) . Das hier ist ja ein bisschen mager, wenn man bedenkt, dass es einen eigenen Tag hat ;) .

    Grüße aus der Hauptstadt

  2. Ich bin alt, ich weiß nicht mal mehr, wie Drogen aus der Nähe aussehen. Meine Kinder könnten die anschleppen, ich würde die für Süßigkeiten vom Kiosk halten …

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