Die schönen Dinge

Bossons-Gletscher

Glacier Bossons Chamonix · Foto: Bruno befreetv (CC BY-SA 3.0)

14. Dezember 2002

Zeit für die schönen Dinge. Die Nacht. Die eine und alle. Die Zeit, die mir gehört.

In Amerika verkaufen sie ein Medikament, das fällt hier unters Betäubungsmittelgesetz, weil es Menschen wachhält. Es macht nicht wach, es regt nicht den Kreislauf an, es putscht nicht auf, es schaltet nur den Schlaf ab. Langzeitstudien über Spätfolgen gibt es noch keine (wahrscheinlich galoppierender Wahnsinn). Das wäre die Befreiung der Nächte vom Joch, die Arbeitskraft wiederherstellen zu müssen. Müßte darum schon verboten werden. Brächte das Volk nur auf dumme Gedanken: Wer zu lange wach ist, denkt zuviel nach …

Wer nicht mal den Wunsch hatte, wenigstens für eine Zeit dem Tag den Rücken zuzukehren, um seinen Nächten zu lauschen, ist wahrhaft versklavt. Dem Selbst gegenübersitzen in der Nacktheit des dürren Ausdrucks, wenn der hochfliegende Gedanke es wieder einmal nicht zur Gänze aufs Papier geschafft hat … Woher soll Demut sonst rühren?


Nobelpreise kosten etwas mehr Mühe, doch im Dilettieren finden sich Fragen, die weiterführen. Antworten hat der Tag genug und gibt sie preis, ungefragt plappernd, geschwätzig. Kein guter Gesprächspartner. Da sitze ich viel lieber mit der Nacht zusammen. So wie jetzt.

In der Nacht noch das Wummern des Generators verflucht, schlaflos dämmernd auf den Planken des Matratzenlagers gewälzt, dann flugs in die klammen Sachen, hinein in die schweren Schuhe – die Füße schmerzend noch vom Tag zuvor – und dankbar die Schwaden dampfenden Tees im Gesicht begrüßt. Die Hände sind steif und zittern. Keine Zeit zu fluchen. Die Lampen auf den zerzausten Häuptern festgeschnallt, das Gepäck übergeworfen, hinaus in die klirrende Kälte. Fast blind die ersten Schritte, dann erahne ich den Pfad und folge dem Tritt des Vordermanns. Linkerhand ragt das dunkle Eisgebirge der Seracs empor, zu ihren Füßen die grüne Lacke, die bald zu schimmern beginnen wird. Laurins Reich … Zügig auf den Sattel und einen windgeschützten Platz suchen, lagern. Den Blick gen Osten richten und warten, stumm, wie ins Gebet vertieft. Schneller atmen, als das Feuerwerk lautlos über die Kämme flutet. Sonnenaufgang. Jubel. Als die Strahlen zu wärmen beginnen, erwacht das Leben in uns. Leises Geplapper. Das Licht gibt neue Wege frei, öffnet den Horizont. Weiter geht es, auf und ab, dem Meer entgegen. Möwengeschrei in meinen Gedanken. Sirenengesang …

Zeit für die schönen Dinge: Feuer auf der Felswand, Glitzern auf dem Eisgrat. Gischt, die im Wind zerstiebt, Sand, der im auflandigen Luftstrom den Strand in Rippen zusammenstaucht. Kraniche und Wildgänse, die mir Winter von Sommer scheiden. Die heisere Stimme des August: das Raspeln des Weizens, Rascheln in der Gerste und das kindliche Flüstern des reifen Hafers. Geschäftiges Entengerede hinter dem Schilf. Weiche Gitarrenklänge. Der erste Kuß am Wasser. Fröhliches Lachen vom anderen Seeufer. Seichtes Geplätscher. Unverhofft in strahlende Augen blicken. Im jugendlichen Überschwang die Nacht durchtanzen, wild vereint im stampfenden Kreis. Alle verlieren und durch Grüße getröstet werden. Ohne Worte in eine Umarmung fallen. Der friedliche Atem des Neonlichtes, befreit vom Menschendunst. Zeitlosigkeit im Hasten der Stadt. Das Vertrauen einer verletzten Seele gewinnen. Das Lagerfeuer, das im Sonnenaufgang verglüht. Der Pinsel, der in der Hand zu trocknen beginnt, weil der letzte Blick so lang ist. Die Kurve, die nicht endet. Der Berg, der sich hoch und höher aufschwingt, die Flanke im Blick wird stetig kleiner, bis daß sich der Himmel öffnet. Der Wolf, der im Mondlicht über dem Schnee zu heulen beginnt. Das Abschiedslied des bulgarischen Chors in der nächtlich leeren Bahnhofshalle. So manche Heimkehr, wenn in Frieden. Mendelssohn-Bartholdys Schottische Sinfonie. Ein herzliches Willkommen. Käsekuchen in rauhen Mengen, viel zu starke Zigaretten gegen das Eingeschlossensein und zum Abschied einen Füller mit goldener Feder. Über den Dächern der Stadt nach dem großen Regen. Wolkengebirge. Junge Hunde. Freies Reden bei genug Wein. Rotes Haar mit Hang zu mehr Gas. Eins-zwo-drei-vier und kein Applaus, bitte. Drift durch die Republik. Ein Buch lesen. Eine mitreißende Darbietung. Liebevolles Essen. Zarte Küsse, und ich meine zarte. Fingerspitzen auf Wangen. Das schlafende Kind. Seine ausgestreckten Arme, seine Freude, sein erster Blick. Ruhe. Nacht.

Eine Jolle hart am Wind über Wellenkämme jagen.

Ein Spaziergang im Sommerregen. Der Moment, bevor eine Hand zum ersten Mal die andere berührt.

470er

470er am Wind · Foto: HawaiianMama (CC BY-SA 3.0)

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