Die Farben der Sterne

Gürtel des Orion

Alnitak, Alnilam und Mintaka, die blauen Superriesen im Gürtel des Orion · Foto Astrowicht (CC BY-SA 3.0)

23. Oktober 2001
Die Farben der Sterne sind – soweit ich das von hier beurteilen kann – Weiß, Blau und Orange. Das zu sehen ist gar nicht einfach. Es sind nur wenige; sie flimmern durch den Dunst; das ekle Licht der Straßenlaternen verdeckt sie fast alle. Nur die stärksten strahlen durch, oder die nächsten. Die Farben der schwachen Lichter bleiben auf der Strecke: Da haben sie eine Hunderte, Tausende, Zehntausende Jahre messende Wegstrecke durch den galaktischen Raum zurückgelegt, um dann auf den letzten Metern von Lichtsmog und schlechter Luft aufgefressen zu werden. Der Ewigkeit ein unrühmliches Ende. Das ist zum Kotzen.

(„Zum Kotzen“ sagt man nicht. Das ist ein schiefes Bild, manieristisch, sagen die Deutschlehrer in meinem Kopf.)

Ich will eigentlich nur nachsehen, woher dieses Geräusch stammt. Ein Hund? Eine Maschine, die nach Öl schreit? Im nächtlichen Hall der Straßen gar wieder einmal Kraniche? Die ich heuer erst einmal tags gesehen habe und nur in geringer Zahl, sonst nur gehört, nachts, tief fliegend. Hab’ sie im Jahr zuvor dem Sohn gezeigt. Der wollte es erst gar nicht glauben, dann glaubte er es: Tausende Vögel, im Formationsflug wehmütig schreiend den Himmel bedeckend. Ein Heißluftballon machte dem Schauspiel den Rang streitig, tief fliegend, so tief, daß er fast drohte, an unserem Kamin hängenzubleiben. Man winkte und lachte oben. Mein Fluch ging im Fauchen des Gasbrenners unter.

Will nicht Getöse machen am frühen Morgen und irgendwo Rolladen heben, drum öffne ich das Küchenfenster. Ganz beschlagen ist es noch vom Backen. Ziehe den Fensterflügel ganz auf und lasse den Duft des frischen Brotes ins Freie.

Es ist ein Hund. Das Geräusch. Nicht der kleine Kläffer der Sängerin, der irgendwann einmal ein unrühmliches Ende unter einem geworfenen Stein finden wird. Nein, einer aus den Häusern weiter auswärts, wohl ein genervter Bewacher, der unter Liebesentzug leidet. Und die armen Tölen aus dem nahen Tierheim stimmen eifrig ein.

Sonst nur Autobahn gehört, etwas A4, reichlich A3. Idiotenrekord: jeder Kilometer Fahrbahn in kürzerer Zeit kaputtgefahren als für den Bau benötigt wurde. Kaum Frachtflieger am Himmel – läßt nach neuerdings, wie alles nachläßt oder anschwillt, das irgendwie mit New York und dem World Trade Center zu tun hat und der Wunde, die dem Babel der Neuen Welt geschlagen wurde.

Kein Porno heute nacht. Oder? Nein, nichts zu hören. Hätte das Stöhnen damals beinahe – und staunend vor Ehrfurcht ob Ausdauer und Stimmgewalt – für echt gehalten, doch als der unbekannte Pornofreund zurückspulte, um seine Lieblingsszene noch einmal abzuspielen, wurde mir klar, daß ich einer Konserve zuhörte. Höre ich seitdem öfter, letztens sogar mal nachmittags. Kam aus dem Nachbarhaus. Einer von denen soll mal einen Sexshop gehabt haben. Ging vielleicht pleite, hat vielleicht den Lieblingsfilm übrigbehalten. Oder ist es ein exquisites Tonband?

Links, der helle, könnte wohl der Polarstern sein. Steht aber zu tief. Kann mir das nie merken. Aber geradeaus: Orion (wieso einer einen Sexshop „Orion“ nennt …?). Orion: Gürtel, Rumpf, Schwert, darin der berühmte Nebel, 25.000 Jahre jung, der, seit kurzem gebärend, ein paar neue Sterne hervorbringt. Zuletzt sah ich das irgendwo auf dem Land, fern jeder Lichterflut, bei klarem Himmel, mit bloßem Auge, wenn auch mühsam. Lange her.

Des Sohnes Lieblingsfrau kehrte zurück, schmaler denn je, dem Tod von der Schippe gesprungen. Natürlich aus Dummheit der Pneumonie anheimgefallen, stets ans Rauchen denkend (weil ihr das bleibe, sagt sie) und natürlich an die Arbeit und ans Gebrauchtwerden. Nichts ist so wichtig, daß es nicht beiseite rücken könnte. Niemand. Sage aber nur ich. Jetzt lacht sie wieder, kann weiterkämpfen, und vielleicht mal was essen …

Orion, der Kämpfer. Habe dem Sohn versprochen, ein Fernrohr zu kaufen, zur Großmutter aufs Land zu fahren und Sterne anzuschauen. Wenn er wüßte, wie mir da das Herz hüpft! Weiß er nicht, hab’s ihm aber gesagt.

Noch ein Blick in die klare, kühle Nachtluft hinaus: Die Sterne flimmern. Hier unten. Da oben sind sie ruhig, groß, mächtig, der strahlende Staub der Welt, für kurze Zeit aufflammende Wirklichkeit, die erlischt, um der nachfolgenden Platz zu machen.

Habe das lange nicht getan. Weil es mich ablenkt, zurück auf den hohen Gedankenpfad, den brüchigen Steig der Erkenntnis. Das und das und das auch: unwichtig. Ich habe Orion gesehen, sollte mir stets Leitbild sein, habe mich vor ihm versteckt, wo ich doch kämpfen wollte.

Tief durchgeatmet, dann erinnere ich mich daran, daß Orion eine Konstellation ist, kein Geist, daß dies alles Metaphysik für Arme ist, ungefähr so wichtig wie die Farben der Sterne.

Orion-Sternkarte

Orion-Sternkarte“ von Marc Layer at de.wikipedia – erstellt mit pp3 1.3. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

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