Aufgeben ist eine Option … aber doof

Ein Mann mit einer tückischen Tumorerkrankung, die ihn stark pflegebedürftig macht, eine Frau, die an Multipler Sklerose leidet und den Rollstuhl in die Ecke stellt, um Marathon zu laufen, ein Arzt, der an Krebs erkrankt ist und seinen Kampf öffentlich macht – Blogs, Foren und Social Media bringen mir viele Geschichten ganz nahe heran, die mir sagen, daß ich bisher sehr viel Glück gehabt habe. Sie sagen mir aber auch, daß es immer weitergeht, daß man immer weitermachen kann, auch wenn der Kampf am Ende vielleicht mit einer Niederlage endet. Der Kampf selber ist aber ein guter Weg und in jedem Fall besser als wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren und sich ängstlich dem Schicksal auszuliefern.

Ich lese diese Geschichten immer wieder und muß heute an sie denken, als ich im Regen dreimal um den Fühlinger See herumlaufe, auf der Jagd nach einer bedeutungslosen persönlichen Bestzeit. Mein dritter Halbmarathon in meinem ersten Wettkampfjahr und eigentlich habe ich nach elf Wettbewerben und 1.411 Kilometern mehr als genug zusammengerannt, immer knapp vor den Letzten des Feldes, immer mit Quälerei, manchmal aber auch mit Spaß und Hochgefühl – ja, es gibt dieses ominöse Runner’s High wirklich.

Eigentlich war es genug für dieses Jahr. Eigentlich. Aber diese 21,1 Kilometer müssen es noch sein, nur diese noch. Um die ominöse 2-Stunden-Marke zu unterbieten, an die richtige Läufer sowieso nie herankommen, weil sie so langsam gar nicht laufen mögen. Es ist bloß eine Zahl: 2 Stunden, 120 Minuten, 7.200 Sekunden … Ist es nicht egal, ob ich nun 119 Minuten oder 121 Minuten für diese Distanz brauche? In beiden Fällen verbringe ich meinen Sonntagmorgen im Regen, wo andere Menschen vernünftigerweise mit ihren Lieben am Frühstückstisch sitzen oder im Bett Kaffee schlürfen, und quäle mich. Warum also? Was will ich beweisen?

[Testosteron] besitzt eine anabole, das heißt Muskel aufbauende Wirkung. Des Weiteren verstärkt Testosteron die Knorpel- und Knochenneubildung, ähnlich wie Thyroxin. Ein hoher Testosteronspiegel fördert das Entstehen bzw. die Steigerung sexuellen Verlangens (Libido) und generell Antrieb, Ausdauer und „Lebenslust“ sowie dominante und aggressive Verhaltensweisen. Schließlich kommt es durch Testosteronwirkung zu einer Vermehrung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) durch die Stimulation der Freisetzung von Erythropoetin in der Niere und die Aktivierung des Knochenmarks.
- Quelle: Wikipedia

Das also ist der Stoff, der macht, daß Jungs einander jagen und Mammuts erlegen und sich um Frauen prügeln und der dafür sorgt, daß sie das auch können. So wahnsinnig viel dürfte ich davon gar nicht mehr haben, das läßt nämlich ein bißchen nach, wenn man älter wird. Aber die subjektive Schmach, die 2-Stunden-Marke bei einem Wettbewerb vor vier Wochen mit einer Zeit von 2:01:58 verfehlt zu haben, hat tagelang gebohrt, so sehr, daß ich nach diesem Saisonhöhepunkt einfach weitertrainiert habe. Völlig bescheuert.

Jeder erfahrene Läufer hätte mir abgeraten, weil der Körper seine Pausen braucht. Aber ich blendete mich selbst mit tollen Trainingsläufen und sogar das Gewicht ging endlich mal runter, die Pfunde purzelten in wenigen Wochen so schnell, das konnte bloß eine Hammerzeit werden! Jedes Kilo ’ne Minute weniger oder so. Doch wieso werde ich auf einmal leichter, wo ich monatelang auf allen Süßkram und zuviel Alkohol verzichtet und trainiert habe wie ein Blöder, ohne daß man es gesehen hätte? Die Antwort ist möglicherweise ganz einfach: Streß.

Die Freisetzung von Adrenalin aus der Nebenniere führt zu einer Mobilisierung von körpereigenen Energieträgern durch Steigerung des Fettabbaus (Lipolyse). Diese Lipolyse wird durch eine β-Adrenozeptor-vermittelte (vorwiegend β3-Adrenozeptoren) Aktivierung der hormonsensitiven Lipase katalysiert. Ebenso führt ein Anstieg des Adrenalinspiegels zu einer Freisetzung und Neubildung von Glucose und damit zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels (β2-Adrenozeptoren). Dieser Effekt wird durch α2-Adrenozeptor-vermittelte Hemmung der Insulinproduktionen und die β-Adrenozeptor-vermittelte Freisetzung von Glucagon verstärkt. Im Muskel kommt es durch Adrenalin zu verstärkter Glucose-Aufnahme. Adrenalin führt ebenfalls zu einer Erhöhung des Energieumsatzes (vorwiegend β2-Adrenozeptoren).
- Quelle: Wikipedia

Bis Kilometer 10 läuft alles super. Ich pendele um meine Zielgeschwindigkeit herum und denke: Ja, das kann was werden. Mittlerweile weiß ich ein bißchen, wie dieses Laufen geht und was ich so zu mir nehmen sollte, ich habe meine kapitalen Fehler schon gemacht, ich kann zwischendurch hochschauen und es genießen, mal ein paar Worte mit den Menschen um mich herum wechseln … Anstrengend ist es und es wird schwerer, als sei meine Energie erschöpft. Das sollte nicht sein, denn ich habe am Vorabend ausreichend gegessen.

Ein Teufelszeug, dieses Adrenalin. Wenn es zu lange frei im Körper kursiert, tut es Dinge, die es nicht soll. Ich stehe seit Wochen unter Strom, obwohl keine Büffelherde um die Ecke biegt, kein Waldbrand unser Dorf bedroht und die Feinde nicht vor den Toren stehen. Kein Wunder, daß meine Fettreserven dahinschmelzen wie Butter in der Sonne. Und die kostbare Energie, die ich gespeichert zu haben glaube, ist schneller verbraucht, als gedacht. Bei Kilometer 16 ist der Ofen jedenfalls aus: Krämpfe, ich bin erschöpft, ich will aufgeben.

Um weiter laienhaft in Hormonen zu denken: Anstatt mich mit Testosteron und Adrenalin abzugeben, hätte ich mich wohl besser mal mit Melatonin und Oxytocin beschäftigt, für mehr Schlaf und Zärtlichkeit gesorgt, anstatt unbedingt einer weiteren bedeutungslosen Ansammlung von Sekunden hinterherzujagen. Da ist sie wohl wieder, die Midlife Crisis, über die ich an anderer Stelle schon nachgedacht habe.

»Gib auf! Bleib stehen! Es reicht!«
Ich mag nicht mehr. Ich mag auf die Stimmen hören und stehenbleiben, mich im Regen auf eine der Bänke am Seeufer setzen und einfach nichts mehr tun, mein erstes DNF – »Did Not Finish« – in einer Ergebnisliste hinnehmen …
»Nein.«
»Was?«
»Nein. Du wirst dich jetzt nicht benehmen wie ein Waschlappen.«
»Wie bitte?«
Mein innerer Kommentator, ein gnadenloser Genosse:
»Was ist das denn schon? Du läufst ein paar Kilometer, es tut ein bißchen weh, es wird nicht so heldenhaft enden, wie du es dir gewünscht hast. Aber mal ehrlich: Was ist denn heldenhaft daran? Die, die es wirklich drauf haben, die haben längst geduscht und trinken ihr erstes Bier, also hör’ auf, hier den tragischen Helden zu geben und reiß dich zusammen. Daß du dich hier bewegen kannst, das ist keine Leistung, das ist ein Privileg. Also tu nicht so, als seist du in Schwierigkeiten!«
Da hat er recht. Und ich denke an Alex und Georg, der bestimmt gern auch mal einfach so rumlaufen würde, an Angela und das Damoklesschwert, das ihre Gesundheit bedroht, und an Doktor Freakout, der sicher viel lieber ein bißchen rumjoggen würde, anstatt daß man ihm eine Chemodosis nach der anderen durch den Körper jagt.

Aufgeben ist immer eine Option, einfach sich fallenlassen und die Dinge geschehen lassen, die man vermutlich sowieso nicht ändern kann. Aufgeben ist eine Option, aber eine doofe, denn solange man irgendetwas versuchen kann, ist man am Leben. Wenn das nicht mehr geht, ja, dann hat man ein Problem. Aber erst dann …

26. Lauf Rund um den Fühlinger See
21,1 km · 2:05:32 · Platz 205/228 · Altersklasse M45 Platz 44/45

Links

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Journal und getaggt mit , , , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Aufgeben ist eine Option … aber doof

  1. Alex sagt:

    Da wird man hier persönlich erwähnt und entdeckt es erst gefühlte Gezeiten später. *hust*

    Was nun echt witzig ist: Georgs Hobby war, als wir uns 2006 kennenlernten, auch das Laufen. Einmal waren wir morgens auf und nahe dem Ulmer Karlsplatz (ein Park in Münsternähe) laufen, er geriet dabei ins Straucheln und wurde dann von einigen bereits dezent betrunkenen Obdachlosen ausgelacht, die vermutlich ohne Hilfe das Aufstehen nicht mehr geschafft hätten. xD

    Schön jedenfalls, dass du den Abwärtsvergleich wagst – das macht einfach insgesamt viel zufriedener und dankbarer. Und der würde bei den meisten Menschen funktionieren – wir hatten z.B. in der Büroausbildung ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit im Jahrgang. Komplett verwachsener Körper, auch der Mund-und-Kieferbereich, E-Rollstuhl, das volle Programm. Da meinte Georg immer, im Direktvergleich zu ihr habe er es noch wirklich gut getroffen, während sie selbst wiederum im Grunde auch meist positiv eingestellt war.

    »Aufgeben ist eine Option, aber eine doofe, denn solange man irgendetwas versuchen kann, ist man am Leben. Wenn das nicht mehr geht, ja, dann hat man ein Problem. Aber erst dann …« – dein Fazit gefällt mir/uns wirklich gut. :)

  2. Abwärtsvergleich … daß man nicht gleich alles als mangelhaft ansieht, wenn es in Wahrheit voller Möglichkeiten ist.

    Wie oft ertappe ich mich oder die Kollegen, wie wir uns beschweren über vermeintlich Unzumutbares und dabei kann man da so einfach rausgehen. Das ist wirklich schwach und ich habe mir schon vor längerem vorgenommen, damit aufzuhören.

    Vor ein paar Wochen habe ich einen halbseitig gelähmten Triathleten gesehen, der seinen Wettkampf lächelnd und in aller Ruhe durchzog, obwohl er nichts anderes als Letzter werden konnte. Man sah ihm an, wie hart es war, aber er zog es seriös durch und wurde gebührend gefeiert. Das ist ein Maß an Lebensqualität, das muß jemand Normalgesundes mit Anspruchshaltung erstmal erreichen – gar nicht so einfach, wenn nichterfüllte Erwartungen einen immer wieder unzufrieden stimmen.

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Grüße und Respekt an Georg!

  3. Alex sagt:

    Die, die oft genervt ist, wenn Leute »This.« schreiben, schreibt jetzt einfach mal: This.

    Objektiv betrachtet gibt es (fast) immer jemanden, der unter wesentlich schlechteren Bedingungen lebt als man selbst. Das ist häufig auch nicht wegzudiskutieren, gerade wenn so Dinge wie Chemo etc. im Spiel sind. Aber jeder Mensch ist ein Mikrokosmos, und in dem kann so viel mehr möglich sein, als man sich das vom sachlichen Standpunkt aus ausmalt.

    Das Jammern über »Kleinigkeiten« (in Anführungszeichen, weil jeder ja auch eine andere Schmerzgrenze hat) ist, denke ich, aber trotzdem menschlich und normal. Hauptsache, man ertrinkt nicht darin.

    Danke und Grüße von Georg zurück! (Der übrigens jammert, dass ich hier tippe, statt ihm Kaffee nachzuschenken. *gg*)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>