21,6 km Drogenparty

Mittwoch. Zeit für den Langen. Wieder mal zuwenig geschlafen. Trübes, kühles Wetter, gar keine Lust zu rennen, schon gar nicht, wenn es nur um stundenlanges Zockeln geht. Da maulen dann wieder der fiese Muskel, der kaputte Zeh, der schlappe Rücken und überhaupt habe ich unter dem rechten Fußballen viel dünne, rosige Haut vom Blasenwegmachen – die geht dann bestimmt kaputt! Meh …

Soll: lang & langsam, aber mach’ ja nichts kaputt!

Eigentlich wollte ich heute eine Brücke weiter laufen als letzte Woche: stromaufwärts zur Deutzer, am Ufer zurück zur Mülheimer und nach Osten macht 24 Kilometer, drei mehr als letzten Mittwoch. Vernünftige Steigerung und irgendwann muß ich ja mal dahin, wenn ich im Oktober ein- oder zweimal schön lang durch den goldenen Herbstwald laufen will, so 30 oder 35 Kilometer. Dafür brauche ich ein bißchen mehr Substanz als jetzt.

Heute habe ich die EM Road N2 an, flach wie Bretter, doch längst nicht so hart, keine Federgewichte, aber leicht genug. Wenn ich mir die Blase vom lange laufen in den New Balance geholt habe (wir erinnern uns: der steife Sohlenriegel unter dem Vorfuß), dann sind die Pearl jetzt genau das richtige, Bequem-Therapieschluffen, super! Sonstige Ausrüstung: 1 Liter Elektrolytgetränk, Salztabletten, Notfallgel (werde ich nicht brauchen), Musik (der Kiez-Soundtrack vom Sonntag, eine hervorragende Wahl!). Das Wetter ist vielleicht ein Stimmungskiller, aber für mich jetzt ideal: kühl, nebelfeuchte Luft, Wolken.

Das ist das erste Mal seit langem, daß ich bewußt derartig gebremst laufe, viel mittlere Siebenerpace, sehr wenig Sechserpace, aber ich kann immer Ampelsprints einlegen oder Treppen hochlaufen, das ist gut. Und ich widerlege, daß ich bei so langsamem Tempo keinen vernünftigen Schritt hinkriege: Wenn ich nur darauf achte, das Becken nach vorn zu kippen, ist die Schlurferei nur noch halb so schlimm. Den Takt der schnellen Schritte richte ich spaßeshalber nach der Musik aus – musical fartlek. Fanta Vier ist ganz hervorragend: »Gebt! Uns! Ruhig! Die! Schuld!« BAM! BAM! BAM! Klasse! Da groovt der Arsch ganz von alleine. Besonders viel Spaß macht der Double-Mathers-Schritt: Wenn Eminem in »So much better« mal besonders laid back daherkommt und schließt: »I’m just playin’, bitch. You know I love you …«, dann verdoppelt man einfach den Rhythmus, das gibt schicke schnelle Schrittchen! Böser Song, not for the weak of heart.

Bei Kilometer 10 werfe ich eine Salztablette ein, doch ich schwöre: Ich grinse schon vorher, eigentlich von Anfang an, seit ich spüre, daß der fiese Muskel sich partout nicht meldet und der Lauf richtig rund wird, langsam, aber rund, der Puls geht erst ab Kilometer 10 dauerhaft über 130 … Mannmannmann! Ich grinse die Leute an, will Läufer grüßen (die Stadt ist voll von denen, das Marathon-Wochenende naht), doch die meisten sind von so viel Euphorie total überfordert und schauen weg. Zuviel Sauerstoff im Kopp – Mann, ist mir das egal, ich kann es gar nicht sagen! Ich würde am liebsten jubeln!!! FUCK, YEAH!!

Um gegen Überraschungen gewappnet zu sein, einige ich mich mit meinem Blasenfuß auf folgende Streckenführung: rauf bis zur Severinsbrücke und dann immer an der Bahn entlang nach Osten. Wenn dann was aufreißt, steige ich einfach in die Bahn und hab’ doch 14 Kilometer im Sack. Ne? Gut. Einen Kilometer weiter: große Freude über Lianne La Havas in meinen Ohren: WAS! FÜR! EINE! COOLE! STIMME! Als ich mich darüber freue, nähere ich mich der Messe, ein Rikschafahrer überholt mich, lächelt mich an, wahrscheinlich denkt er, ich werde scherzhaft jammern, daß ich mitgenommen werden will, aber ich grinse bloß von Ohr zu Ohr, er grinst zurück (und denkt vielleicht noch ein paar Minuten über den verrücken alten Mann nach).

Es wird dunkel und dann kann ich nicht anders, ich brülle es einfach raus:

»Scheiße, ist das geil!«

Den Jungs, die da im Dunkeln auf der Bank an der Stegerwaldsiedlung mit Feilschen beschäftigt sind, fällt vor Schreck der Stoff auf den Boden – großes Gefluche, vorsichtshalber beschleunige ich kurz ein wenig, um ihnen die Lust an weiterer Interaktion zu nehmen. Dann betrete ich gewohntes Terrain. Wenn ich schon hier bin, kann nix mehr schiefgehen, laß mal schneller machen, wenigstens ein bißchen. Immer noch gut, immer noch total entspannte Atmung, Puls geht gern wieder auf 135 runter. Ich bin hin und weg, wahrscheinlich ist mir im Gehirn ’ne Drüse geplatzt und ich bin jetzt dran, wie so’n Kokainkurier, dem ein Kondom im Darm kaputtgeht. Tschüß, Müller, nochmal’n schönen Lauf gehabt, das war’s jetzt … Ach was! ACH WAS!

21,6 km · +42/-27 hm · 2:35:07 · Pace: 7:10 · øHF 133 · HFmax 149 · 1563 kcal

Gut, ab Kilometer 20 ist es muskulär kein Spaß mehr, da ist’s mehr Augsburger Puppenkiste als Fliegen, aber der Euphorie tut das keinen Abbruch. Aber, hey! Erst ab Kilometer 20! Das war mal Kilometer 15. Damals …

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