10,7 km Freirennen

Es wurde gefragt, ob man hier mehr über Drogen lesen könne. Kann man. Genügt eine lauffreie Woche mit 100 Zigaretten und fünf Flaschen Wein? Erleichtert um weiteres Gewicht und ein Paar Schmuckstücke beschließe ich, daß heute gelaufen würde, langsam, ruhig, bedächtig, begleitet von gedankentiefer Musik, beflügelt von jener angenehmen Leere, die entsteht, wenn man eine Woche von minimalen Mahlzeiten, Säften verschiedener Provenienz und sonst nichts gelebt hat.

Mir ist klar, daß ich nichts erwarten darf, wenn die Lungen belastet sind und die Beine nichts zu verzehren haben. Trabe los und bin überrascht, wie leicht es vonstatten geht, unbelastet, als könne ich sofort losstürmen – da hatte ich schlimmste Befürchtungen, die sich nun als grundlos herausstellen. Bin wohl doch ein Läufer geworden.

Hinein in den Wald, immer kleine, schnelle Schritte machen, doch dann melden sich die üblichen Problemstellen und ich weiß: wenn ich jetzt anziehe, kann ich sie betäuben. Also ziehe ich an und laufe schneller. Habe sowieso keinen Plan. Ich kann laufen, was ich will, wohin ich will. Die Leichtigkeit ist betörend, alles scheint machbar (natürlich weiß ich, daß ich auf Reserve laufe und mache mir keine Illusionen). Je weiter die Runde fortschreitet, immer rundherum ums Viertel, in dem seit zwei Tagen ein Straßenfest mit schlechter Musik tobt, desto mehr spüre ich, daß ich sehr schnell an Grenzen stoßen könnte. Die Speicher sind halt leer …

Das letzte Stück, ein Rest Sonnenuntergang auf der bösen Ausfallstraße, ich werde schneller, ich will das so. Fünferpaces in Serie, kein Gedanke mehr an lockeres Traben, nur noch lange, kraftvolle Schritte. Ich kann das, ich will das! Leckt mich! Nähere mich der Straßenfestkreuzung, spurte drüber, vorbei an dem Laden mit dem Bodybuilderbedarf, stehen da just ein paar Schränke herum, einer torkelt besoffen auf den Radweg, auf dem ich laufe. Ich touchiere ihn, weil ich nicht bremsen will, er brüllt mich an, droht mir Schlimmes an, ich kommuniziere nicht, beschleunige bloß, Viererpaces, fühlt sich großartig an! Krieg mich doch! Bloß rennen! Weiter, weiter!

10,7 km · 1:06:26 · Pace: 6:13 · Spitze: 4:38

Die Waage nähert sich der magischen 80. Nicht mehr lange und ich bin dran. Aufpassen! Auch das ist eine Droge und wer da nicht rechtzeitig auf die Bremse tritt, verliert. Noch ist alles im grünen Bereich, noch sind wir auf GO …

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2 Antworten auf 10,7 km Freirennen

  1. Michael sagt:

    mhm … ich weiß nix, also sag ich nix. Aber wer sich nackelig öffentlich macht, der bekommt natürlich manchmal auch so halbgare Kommentare wie meine.
    Und mein Kommentar ist … mhm.
    Auch zum Vogelfutter.
    Alles Gute.
    Und guck vielleicht mal hier vorbei:
    https://www.youtube.com/user/schooloflifechannel

  2. Ein sehr adäquater Kommentar, würde ich sagen.

    Danke für den Tip. Den kenne ich schon und ich habe da sehr Erbauliches gefunden.

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