15,1 km EISERNE RUHR, Tag 7

Eiserne Ruhr ShirtWas bisher geschah:
Der Bochumer Journalist und Triathlet Stefan Thielen trainiert seit 2013 für den Plan, sieben Ironman-Triathlons an sieben Tagen in Folge zu absolvieren, jeden in einer anderen Stadt des Ruhrgebiets. Mit diesem spektakulären Vorhaben will er Spenden für ein Kinderhospiz sammeln. Er schafft drei Langdistanzen in Folge, doch am vierten Tag, in Essen, muß er auf der Laufstrecke kapitulieren – Schmerzen im Knie zwingen ihn zur Aufgabe. So glanzlos darf dieses Abenteuer nicht zu Ende gehen und so verabredet sich eine kleine Schar Unterstützer am 28. Juni 2014 in Duisburg, um die EISERNE RUHR an Tag 7 mit einer Staffel zu beenden …

Samstagmorgen, 5.45 Uhr. Wann bin ich an einem Wochenende zuletzt freiwillig so früh aufgestanden? Hm, anno dunnemals, um früh genug auf dem Gipfel zu stehen? Weiland, als ich unbedingt den Sonnenaufgang auf der A81 bei Sindelfingen sehen wollte, auf der linken Spur, Gasgriff am Anschlag, weil der Tag noch ein paar kurvenreiche Pässe versprach? Oder war’s eher eine dieser Bahnfahrten in den Ferien, die ungebührlich früh begannen, weil die ansprechenderen Verbindungen regelmäßig längst ausgebucht waren?

Eiserne Ruhr ProviantIn aller Stille mache ich mir einen Kaffee. Das Wetter sieht ja noch ganz manierlich aus. Ich gähne noch vier- oder fünfmal. Zähneputzen und los. Warum sind samstags um sieben schon so viele Menschen unterwegs? Ist das immer so? Wo wollen die hin? Haben die kein Zuhause? Drei pünktliche Nahverkehrsmittel später schlendere ich durch einen S-Bahn-Wagen und halte Ausschau nach einem Mann mit spärlichem Haarwuchs. »Ist hier noch frei?« Stefan nickt. Mensch, der sieht ja viel glücklicher aus, als ich dachte. So positiv, allen Schmerzen, allem Unglück und der unmenschlichen Tageszeit zum Trotz. Wahrscheinlich ein gutes Vorbild. Unheimlich.

Gemütlich schlendern wir zum Treffpunkt, unser Triathlet legt alle paar hundert Meter eine Stehpause ein. Ich würde jetzt jaulen, denke ich, doch er faßt sich nur kurz ans Knie, dann geht’s weiter. Daß er überhaupt erscheint, nur weil ein paar Hobbysportler mit Bruchteildistanzen sein siebenfaches Ironman-Experiment würdigen wollen, das finde ich schon bemerkenswert. Und er wird sogar noch laufen müssen, irgendwie, aber das weiß er jetzt noch nicht.

Eiserne Ruhr Stefan

Mehr Fisch als Mann: Stefan Thielen irgendwo zwischen Kilometer 2 und 3 …


Astrids lokales Engagement beschert uns Umkleidemöglichkeit, Toiletten, Duschen, Streckenpläne, Kaffee und Süßigkeiten und das Wetter sieht auch ganz manierlich aus. Nicht lange und die kleine Schar solidarisch Schwitzender ist vollständig, Christiane und Michael schwimmen ungefähr Halbdistanz im Bertasee, begleitet von Stefan, der unauffällig das Wasser teilt, als sei er ein Fisch. Das sieht gut aus! Ich mache derweil meinem Support-Shirt Ehre und stelle mich einer Schar halbstarker Entenküken in den Weg, die sich auf dem Steg in die abgelegten Handtücher verbeißen. Ihnen verbal mit Orangensauce zu drohen, fruchtet jedoch nicht, ich muß schon aufstehen und schimpfen.

Eiserne Ruhr Ente

Drohungen mit Orangensauce fruchten nicht: potentieller Handtuchdieb

Die Radstrecke wird ebenfalls eine Halbdistanz, bei drei Teilnehmern und einer Nachzüglerin kommen da ausrechend Kilometer zusammen. Leider kriegen wir sie kaum zu sehen, obwohl die möglichen Runden mit fünf oder sechs Kilometern ausreichend kurz sind. Michael zu fotografieren ist ohnehin sehr schwer: kaum hat man den schwarz-weißen Schemen in der Ferne entdeckt, zischt er auch schon vorbei – da ist die Kamera noch nicht hochgefahren. Das sieht auch gut aus!

Mehr als einen Halbmarathon werden wir im Laufteil nicht absolvieren, soviel ist sicher. Ob ich den heute schaffe? Zur Sicherheit breche ich zu einer Aufwärmrunde auf, locker natürlich, nur nicht übertreiben! Und ich schiebe vorher sogar etwas Gymnastik und ein kleines Lauf-ABC ein – nur keinen Unsinn machen. Der kommt nämlich ganz von alleine, weil ich, immer noch ohne Uhr, viel zu schnell unterwegs bin. Da, dieser dünne Läufer vor mir, der mit dem gemütlichen Schritt, der sieht wie ein guter Pacemacher aus, da bleibe ich dran. Bloß nicht überholen! Warum ist das so anstrengend? Als ich näherkomme, stelle ich fest, daß der Schlenderschritt täuscht: Der Mann ist gute zwei Meter groß, was so gemütlich ausschaut, ist trotzdem eine Fünfer-Pace …

5,0 km · 22 hm · 29:57 · Pace: 5:57

Während die Radler weiter ihre Runden drehen, dehne ich mich erstmal durch, dann suchen wir Fußgänger uns ein nettes Plätzchen auf der Seeterrasse und sind froh über das Dach über dem Kopf, als es zu regnen beginnt. Nur ein kleiner Schauer. Gut, jetzt wird es etwas mehr. Wo bleibt eigentlich meine Frau? »Stau wegen Unwetter«, sagt ihre SMS, irgendwo zwischen Köln und Duisburg. Derweil ist um uns einiges geboten, zoologisch – Stockenten, Mandarinenten, Bläßhühner, Haubentaucher, Wildgänse sehe ich, nebst jeder Menge Minifröschen – und sportlich: nebenan auf der Regattabahn werden gerade die Landesmeisterschaften der Kanutenjugend abgehalten, die Echos des Sprechers machen gut Atmosphäre, im Rahmenprogramm finden Kinderläufe statt, das paßt.

Dann steht da Christiane und bittet um Wasser. 25 Kilometer liegen noch vor ihr. Sie lächelt entspannt, der Regen kann ihr nichts anhaben. Eine Dreiviertelstunde später ist sie fertig, wir stellen uns für ein Foto an den Start – meine Familie ist mittlerweile eingetroffen – und los geht’s! 6:30 bis 7:00 will sie laufen, hat sie gesagt, da kann ich mich bedenkenlos an ihr orientieren und den Halben schaffen. Die anderen haben sich einen Zehner vorgenommen und sind bald nicht mehr zu sehen, da komme ich nicht mit. Es zieht im Bein, aber das kriege ich hin. Die Luft ist warm, den angenehmen Duscheffekt müßte man als Brause fürs Bad teuer bezahlen, hier gibt’s ihn umsonst. Irgendwie scheint der Regen zu beflügeln – die Pace schwanke zwischen 5:50 und 6:10, kriege ich zu hören, wieder zu schnell. Nach der ersten Runde wirft Nani mir eine frisch gefüllte Pulle zu und ich laufe weiter, doch meine Begleiterin ist mir abhanden gekommen. Wahrscheinlich ist sie »im Tunnel«, da wolle sie hin, hat sie gesagt, also laufe ich allein weiter.

Das linke Bein fühlt sich nicht mehr so toll an, ich ärgere ich ein wenig über die unangenehmen Schotterpassagen, aber es bleibt eine idyllische Regenrunde, das sollte nicht so schwer werden. Ich beende die zweite Runde und will, bewaffnet mit einer vollen Pulle, die nächste angehen, da höre ich, daß Christiane es bei zehn Kilometern belassen wird. Ich wäre dann der letzte Läufer und würde die im Regen Wartenden für eine weitere Stunde warten lassen, mindestens. Ach, das muß nicht sein …

10,1 km · 44 hm · 1:03:04 · Pace: 6:16

Eiserne Ruhr Zieleinlauf

Die letzten Meter muß er alleine schaffen …


Duschen, umziehen, dann versammeln wir uns mit Stefan und seiner Familie fürs Finale. gestützt von seinen Lieben legt unser Held die letzten Meter zurück, seine Nichten entrollen das von Astrid organisierte Zielband und mit einem versöhnlichen Moment beendet Stefan die EISERNE RUHR. Vom Himmel strömt es ruhig weiter. Und wie das Wasser der Ruhr weiterfließt, so wird es immer neue Kilometer geben, die er zurücklegen kann – er weiß ja jetzt, daß er nicht alles alleine schaffen muß.

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