Krankengedanken

Teebeutel»Mai: 0 km« – die Signatur, die immer unter meinen Beiträgen im Laufforum erscheint, bereitet mir keine Freude. Null Kilometer. Eigentlich sollten da schon 57 Kilometer stehen, 57 schweißgetränkte, hart erarbeitete, stolzbeladene Kilometer auf dem Weg zu neuen – natürlich völlig irrelevanten – Bestzeiten. Aber: nichts. Es soll, es darf nicht sein, denn ich bin krank, ich habe einen Infekt und wer sich da belastet, riskiert Schlimmeres, schlimmere Erkrankungen, Komplikationen, eine lange Pause. Lieber die Füße stillhalten, Beine hochlegen, Ruhe halten, Kamillentee trinken, entspannen, gesund werden. Ommm…

Hat es mich jetzt also auch mal erwischt. Meine Läuferkarriere ist noch jung, kein Jahr ist es her, daß ich mich aufgemacht habe. Einmal habe ich in dieser Zeit eine verschnupfte Herbstwoche lang ausgesetzt, aber da hatte ich auch noch keinen Trainingsplan mit selbstgesteckten Zielen, da bin ich bloß ein paarmal in der Woche herumgejoggt. Nun also die erste richtige Zwangspause, eingeläutet von Halsschmerzen und einem trockenen Reizhusten und, damit man es so richtig auskosten kann, gekrönt von einer ordentlich verrotzten Erkältung, Typ Tödliche Männergrippe. Treppensteigen wird zum Dampflok-Soundtrack, kleine Besorgungen auf kurzen Wegen mutieren zu Expeditionen in die arktische Wildnis, weil mir der Mai noch ein bißchen Aprilwetter ins Gesicht bläst.

Schon steigt die Runalyze-Stress-Balance ruhebedingt auf das Allzeithoch von +29, was rein numerisch bedeutet, daß ich heute eine Everest-Besteigung in Angriff nehmen sollte. Allein. Ohne zusätzlichen Sauerstoff. Im Laufschritt. Dabei schaffe ich jetzt gerade mal ein paar lahmarschige Stabilitätsübungen auf dem Wackelkissen. Alles, was den Puls hochtreibt oder mich zum Schnaufen bringt, ist schlecht, Kopfschmerzen und Katarrh die Folge. Hallo? Ich bin doch jetzt Sportler! Hier wird gerade eine Karriere ruiniert!

Die Forumskollegen sparen nicht mit gut gemeinten Besserungswünschen. Und sie haben natürlich recht: So eine Pause ist gar nicht schlimm. Es dauert nur wenige Tage, bis man den Formrückstand aufgeholt hat. Abgesehen davon, daß zu dem einen Extrem, der persönlichen Bestleistung, auch das andere gehört: Ruhe, Entspannung, den ganzen Zauber mal sein lassen, sich nicht verrückt machen, Durchtamen. Schließlich ist Laufen bloß ein Hobby, bloß Freizeitsport. Wie lächerlich ist es da, sich so zu gebärden, als stünde die nächste Olympiateilnahme auf dem Spiel? Komm mal wieder runter …

Insgeheim visualisiere ich schon wieder Tempoläufe, jage durch den Wald und genieße das trockene Getrommel der Laufschuhe auf der Tartanbahn, völlig vergessend, wie ekelhaft die ersten Kilometer manchmal sind, wie wenige Sekunden es braucht, um dieses zusammengeträumte Hochgefühl zu zerstäuben. Und wie oft kommt es vor, daß sich die frohgemuten Rekonvaleszenten übernehmen, einen Fabellauf raushauen, nur um dann für Wochen mit einem Bein im Krankenlager zu hängen? Nein, das soll mir nicht passieren. Ich werde vernünftig sein! Ganz bestimmt!

Derweil klopft ein vernachlässigter Teil meiner selbst schüchtern an und fragt, ob wir denn jetzt endlich mal diese DVD-Box vom Regal holen können, die da seit Monaten vor sich hin staubt, um diese preisgekrönte Fernsehserie zu schauen? Jetzt wäre doch Zeit dafür … Ach, ich weiß nicht. Ich muß noch meinen Trainingsplan umbauen. Nächste Woche geht’s ja wieder los! Hoffentlich. Erstmal noch einen Kamillentee trinken, dann sehen wir weiter.

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