21,1 Kilometer Herzblut

Tunnelblick

„… ich werde ankommen, ich werde nicht gehen, ich werde nicht jammern …“ · Foto: Klaus Nofftz

Es ist alles gesagt und alles getan. Knapp tausend Kilometer Training, das meiste einsam und müde in der Dunkelheit nach Feierabend, vier Vorbereitungswettkämpfe, hart am Ende des Feldes vorbeigeschrammt, entwürdigende Turnstunden daheim, nur um zu lernen, zu was ein übergewichtiger Leib nicht in der Lage ist. Stundenlang Kenntnisreiches zum Thema Laufen gelesen und dabei über jahrzehntealte Gräben im Meinungsstreit gesprungen. Meine eigene sportliche Erfahrung aus 15 Jahren Radtraining mit neuen Informationen verglichen: Dehnen oder nicht? Dieses oder jenes Getränk? Was soll man essen? Acht Kilo abgenommen, mindestens. Die Strecke mindestens fünfzigmal in Gedanken abgelaufen: langsam hier, vorsichtig Gas geben, Obacht bei den Nord-Süd-Traversen, Gas geben Richtung Westen, den Schmerz bei Kilometer 18 begrüßen wie einen alten Freund: »Na? Auch hier? Komm doch mit! Ist nicht mehr weit!« Startnummer abholen, Tasche packen, Startnummer aufziehen, Chip an den Schuh basteln, schlecht schlafen, Kaffee trinken, pinkeln, was essen, pinkeln, losfahren, parken, noch dreimal pinkeln … Gleich geht er los, der Halbmarathon.

Keine Ahnung, wieviele Menschen in Deutschland wirklich regelmäßig laufen gehen, um ihrer Gesundheit willen, weil’s schön macht, um Leute kennenzulernen, oder aus sportlichem Ehrgeiz. Es müssen Millionen sein. Ich hätte nicht gedacht, daß ich einmal dazugehören würde und das gleich in mehrfacher Hinsicht: wegen der Gesundheit, weil’s schön macht und – jetzt lachen, bitte! – aus sportlichem Ehrgeiz heraus. Aber es ist so.

Der Himmel ist bedeckt, der angekündigte Regen bleibt aus, der Wind glücklicherweise auch. Ich trage ein langes Unterhemd mit kurzem Laufshirt, untendrunter Schwarz, obendrüber Rot, dazu dünne schwarze Dreivierteltights, auf dem Kopf ein giftgrünes Schlauchtuch – die Klamotten werden nicht daran schuld sein, wenn ich einbreche, die sind schon im Stand schnell. Es ist unerwartet warm im Pulk! Meine Sorgen, mich vor dem Start blauzufrieren, erweisen sich als unbegründet. Und wieder ein Anfängerfragezeichen getilgt. Das darf so weitergehen.

Was heißt hier eigentlich Halbmarathon? Schon das Wort ist ein bißchen diskriminierend. Für mich und alle anderen mit den grünen Startnummern ist das ein ganzes Rennen mit eigenem Charakter. Die mit den orangen Nummern, das sind die Marathonläufer, die müssen zwei Runden laufen, die Ärmsten: Wenn kaum noch einer auf der Strecke ist, verteilen sich 200 Unentwegte im noch nicht ergrünten Forst und rennen unerreichbaren Bestzeiten hinterher – für sowas sucht man sich ja keine Runde mit 150 Höhenmetern aus. Aber im Sommer, da ist es schön hier. Jetzt ist es bloß gleichmäßig graubraun und kühl – ideales Langstreckenwetter, sagen alle um mich herum. Na denn …

Plan: Die ersten vier Kilometer gehen wellig bergauf, die rennst du in einer Pace von 6:30 Minuten pro Kilometer, vielleicht etwas schneller, wenn es zwischendrin ein Gefälle gibt. In Wirklichkeit renne ich in 6:05, das Gedränge nervt, auf der Straße nach Forsbach ist es höllengefährlich für die, die vom Radweg auf die Straße treten und weggehupt werden. Ein Läufer stürzt sogar über den Bordstein, kommt aber mit dem Schrecken davon. Um mich herum wird gewitzelt, man kennt sich und labert in einer Tour. Noch ertrage ich das.

Zum Glück läuft meine Frau immer in meiner Nähe. Mit all ihrer Erfahrung ist sie ein echter Ruhepunkt. Gelegentlich sagt sie etwas freundliches, meistens aber läßt sie mich in Ruhe. »Egal, was ich sage, denk dran, daß ich dich liebe!« habe ich ihr gesagt, vorher, als sie mit der spontanen Idee ankam , mich zu begleiten. Ich kenne mich: wenn es an die Substanz geht, mag ich kein Gerede abseits echter Freundschaft und sachdienlicher Hinweise. Gerede gibt es gerade aber mehr als genug. Woher nehmen die alle die Luft? Ich bin schon auf Dreieratmung! Da: Stein im Schuh! Dankbar trabe ich an den Rand und entferne das Übel. Endlich ein bißchen Ruhe …

Die Verpflegungsstellen nehme ich alle mit, erst langsam trabend, dann zügig gehend. Die Dextro-Plörre ist widerlich – zum Glück vertrage ich das Zeug – aber es gibt kein Wasser, was etliche Mitläufer in Rage bringt. Doch was nützt es, dafür die Freiwilligen vom ASB zu beschimpfen? Man rät einander, den Ärger zurück zum TV Refrath zu tragen, dahin, wo er hingehört. Da kann man dann auch gleich mal kritisieren, daß der verspätete Start nicht an den vielen Nachmeldern lag – sagen die wenigen Nachmelder – sondern an der schlecht organisierten Startnummernabholung. Der alte Veranstalter hatte die Startunterlagen noch per Post versandt – den Aufwand haben die Nachfolger gescheut. Kostet ja auch Geld.

Plan: Bei Kilometer 8,5 nach links in den Rennweg einbiegen, das zweite Asphaltstück, wellig am Anfang. Hier nicht ungebremst losdüsen. In der Wirklichkeit muß ich dem lautstarken Vortrag entkommen: Trainingslehre, Trainingspläne, kurzes oder langes Einlaufen, dieses, jenes, anderes, alles wahnsinnig interessant, zwei alte Marathon-Hasen neben mir schmunzeln schon spöttisch und ich weiß: Ich komme nicht weg, ohne unvernünftig zu werden. Genervt presche ich vor, natürlich zu schnell, aber es hilft nicht, dann lasse ich mich zurückfallen, da ist es besser, die Stentor-Stimme wirkt etwas gedämpfter. Nach links in den Rath-Forsbacher Weg hoch – ach so, ja, mir geht es übrigens noch gut – ich kann nicht aufhören, genervt zu sein – anders als auf dem Rad führt Ablenkung hier nicht zu automatisch erleichterter Leistungsabgabe. Da fehlen noch ein paar Jahre Training für …

Schlußendlich sorgt meine Holde für Ruhe. In leisen, höflichen Worten, die ich nicht verstehe, erklärt sie die Lage und schon entschwindet der Enthusiast mit anderen Überdistanzliebhabern in den nachmittäglichen Dunst. Gut, daß sie da ist, ich hätte das nicht so diplomatisch gelöst, so fokussiert bin ich auf meine Beine und das, was sie tun sollen.

Die Warnmeldung ereilt mich verfrüht: Schon bei Kilometer 13 melden meine Muskeln Beanspruchung. »Ihr Komiker! Was dachtet ihr denn? Ist ja nicht der Club Med hier! Klappe halten und weiterrennen!« Ich fasse es nicht. Die Kilometerzeiten schwanken ordentlich auf diesem Kurs: Von 6:25 bis 5:42 ist da alles dabei, gerade habe ich eine 5:56 hinter mir, jetzt ernte ich eine demoralisierende 6:18. Davon kriege ich aber wenig mit, weil ich nur gelegentlich auf die Uhr schaue. Was jetzt? Disziplin!

Bei Kilometer 15 treffe ich eine sehr weise Entscheidung: Ich erhöhe die Schrittfrequenz ganz erheblich. Bloß nicht übersäuern! Keine langen Schritte, lieber schnell trippeln, weich bleiben. Prompt sind die nächsten drei Kilometer wohltuend gleichmäßig und wir überholen einen Trupp nach dem anderen, darunter so mancher erschöpfte Geher und laut scharrende Schwertreter. So darf das bleiben, aber ich weiß ja, daß es das nicht wird. Da ist ja mein Freund, der Redner, wieder. Wir verständigen uns auf ein paar Schweigekilometer und gegenseitige Sympathie und laufen Seite an Seite weiter.

Spätestens bei Kilometer 18 habe ich allen unrealistischen Kleine-Jungs-Phantasien vom Debüt in Fabelzeit Adieu gesagt. Ich merke, wie ich beginne, eine Wand hochzulaufen. Dabei steigt der Weg nur leicht an, doch das ist es nicht: Ich werde ankommen, ich bin auf Kurs, es ist alles gut, aber es fühlt sich wirklich, wirklich nicht toll an. Es ist mühsam, es ist anstrengend, es ist entwürdigend, aber ich werde ankommen, ich werde nicht gehen, ich werde nicht jammern.

Kilometer 19: Ich liebe meine Frau. Sagte ich das schon? Ganz leise sagt sie aufbauende Dinge und sieht dabei aus wie das blühende Leben. Ich bewundere sie.

Kilometer 20: »Wieso fotografieren Sie mich?« Kein Atem, um die Frage laut zu stellen. Die Holde macht sogar noch Platz und geht aus dem Bild. Warum nur, warum?

Kilometer 21,1: »Halbmarathon? Zum Ziel bitte links und jeder nur ein …« Nein, es gibt nichts im Ziel, außer, daß ich da bin. Bitte? Ich bin im Ziel. Wirklich jetzt? Wirklich. … Okay.

Pacetabelle Königsforst-Halbmarathon

21,1 km · +154/-150 hm · 2:08:19 · Pace: 6:04 (Soll: 6:10) · øHF 158 · HFmax 173 · 2074 kcal

offiziell: 2:08:19 · Platz 376 · Altersklasse M45 Platz 83 von 87

Das Bild mit der Pacetabelle auf meinem Arm täuscht. Ganze zwei Mal habe ich da drauf geschaut. Überhaupt habe ich bloß etwas zur Orientierung gesucht, um das, was ich tatsächlich laufe, mit den Empfehlungen der Experten um mich herum zu vergleichen. Rein rechnerisch soll ich auf diese Distanz eine Pace von 6:05 laufen können? Gut, drucke ich mir das mal aus und klebe es mir auf den Arm. Eine Punktlandung ist das jedoch nicht, bloß Zufall, obwohl ich gestehen muß, daß ich wirklich nur sehr ungern langsamer gewesen wäre.

Herr Müller ist jetzt also ein Läufer. Von Null auf Halbmarathon in etwas mehr als einem halben Jahr, das geht nicht einfach so. Mein großes Vorbild habe ich täglich im Arm: Ich habe die Hartnäckigkeit, mit der meine Holde für den Marathon und die vielen anderen Wettbewerbe trainiert, immer sehr bewundert. Von ihr habe ich das meiste gelernt. Ich habe ihre schlauen Bücher gelesen und nicht zuletzt habe ich mein Training den Blicken eines lauferfahrenen Internetforums ausgesetzt, dessen User mir tagtäglich Rückmeldung gegeben habe zu dem, was ich da tue. Das ist hartes Brot, denn das sind alles Experten, denen sagt man nichts Neues, die kennen jeden Sonderfall und jede Ausrede. Denen kann man nichts vormachen. Und sie loben dich noch für den letzten lächerlich geringen Erfolg – Hauptsache, du gibst dir Mühe und bist mit Herzblut bei der Sache! Kann ich nur empfehlen.

Jetzt sitze ich hier und schlürfe mein Bier und denke: Nun bist du angekommen. Oder? Nein, denn es geht immer weiter, immer ein Schritt vor den anderen setzen, nie stehenbleiben. Vielleicht laufe ich ja mal einen Marathon, aber Hauptsache, es geht immer weiter, denn Stillstand ist Tod.

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4 Antworten auf 21,1 Kilometer Herzblut

  1. Michael sagt:

    Sehr sehr cool. Sehr coole Leistung. Von Null auf Halbmarathon in wenigen Monaten.
    Respekt, Alda. Toll. Glückwunsch. Super.

  2. Sascha sagt:

    Na Glückwunsch zum Finish!

    Das “blöde” am Langstreckenlauf ist dass man irgendwie nie so richtig ins Ziel kommt….Man steht eigentlich immer am nächsten Start wenn man einmal damit angefangen hat ;)

    Ergo; auf die nächsten Kilometer!

  3. ad sagt:

    Schön geschrieben!

    Der aufgeklebte Zettel mit den Zeiten ist ja der Hammer. Mensch, das hat man doch im Blut! ;)

  4. Herzlichen Dank für die Glückwünsche!

    Klar, das passende Tempo hat man im Blut. So nach drei bis fünf Jahren. Aber nicht nach ’nem halben Jahr Training, das zur Hälfte darin bestand, herauszufinden, wie schnell man als Anfänger in dem Alter überhaupt ist und sein kann.

    Versprochen: den nächsten lauf’ ich ohne.

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