Gnade im Winterlicht

Medaille Winterlaufserie Hilden

Gemessen an der Zahl der Volksläufe und ihrer Teilnehmer stellt das Pokal- und Medaillenbusiness in Deutschland einen respektablen Wirtschaftszweig dar

Die Überschrift täuscht ein wenig: Das Licht mag derzeit an Winter denken lassen, seicht und kristallklar, wie es hereinfällt, aber die Luft ruft: »Frühling!« – die Vögel desgleichen. Das schreit nach sportlichen Höchtleistungen! Um einen berühmten Läufer des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu zitieren:

Bein wird zerschellen, Schuh zersplittern,
Ein Schwert-Tag, ein Blut-Tag, noch ehe die Sonne steigt!

Alles ist gut, alles wird gut werden. Ich bin alt, ich bin verbraucht, aber ich werde heute eine Bestzeit über zehn Kilometer laufen. Das ist keine Kunst, denn es ist mein erster 10-Kilometer-Wettkampf, dritter Lauf der Winterlaufserie Hilden, die im Vorjahr bei minus 10 Grad Kälte stattfand und eigentlich eine winterliche Probe auf Kampfgeist und Härte sein soll, doch heute ist sie ein Frühlingsspaziergang. Warum aber wollen diese Beine nicht sprinten? »Beine, warum sprintet ihr nicht?« Das Einlaufen raubt mir den Nerv; ich brauche ein paar Anläufe, bis ich den Dreh raus habe und die kurzen Sprints auch wirklich schnell sind. Als ich zu dampfen beginne, höre ich auf. Nur noch eine Viertelstunde bis zum Start …

Es ist egal, daß die Uhr im Wald nicht immer die richtige Geschwindigkeit anzeigt, die Tendenz wird stimmen. Lauf die 5:50 auf den Kilometer! Mach kurze, schnelle Schritte an den Anstiegen, hol Luft, und wenn du drüber bist, laß es rollen. Die erste Runde rollt, hörst du? ROLLEN! Nicht mehr! Es funktioniert. Ich laufe erst bei Kilometer 3 auf AK70-Weltmeisterin Bärbel Berghaus auf, die wie ein Uhrwerk die 5:50er Pace hält. Sieht jedenfalls so aus, aber dann lehnt sie sich an die 6:00 an, ich ziehe gleich, wünsche einen guten Morgen und sie sagt: »Ist das nicht ein herrliches Wetter?« Wie recht sie hat.

Die erste Runde ist endlos – fünf Kilometer können lang sein, der Kurs ist unrhythmisch, es ist nicht leicht für mich, das Tempo zu halten, wenn ich nicht permanent überreißen will. Und ich spüre, daß ich das tunlichst lassen sollte, denn ich bin gefühlt bei 95 Prozent meiner Leistungsfähigkeit, manchmal darüber … Mach bloß keinen Scheiß!

Karte Hildener Stadtwald

Zwei Runden im Hildener Stadtwald, aufgezeichnet mit einer GPS-Uhr: in der Ausschreibung sieht das etwas anders aus …


Vereinzeltes Anfeuern bei Start-Ziel, das angereichte kalte Wasser ist herrlich, Nani brüllt was Nettes, keine Ahnung, was, ich trippele den sanften Anstieg hoch und merke schon, daß meine Pace-Genossin weg ist. Jetzt muß ich es alleine machen und ich bin alleine, denn der nächste Pulk ist fast entschwunden, ich bin das dünne Ende des Feldes. Nur nicht Letzter werden, nur nicht Letzter werden! Zu allem Überfluß werde ich überholt: ein älterer Herr, dann ein junges Mädchen. Sie schnauft ganz schön und ich bleibe eine Weile dabei, doch das bringt mich nirgendwo hin, sie zieht nicht durch. Als ich überhole, sagt sie erleichtert »Das ist gut!« und ich darauf »Das wird sich zeigen …«

Außer mir scheinen nur noch Freizeitjogger auf der Strecke zu sein, ich laufe in die Sonne hinein und könnte mich hinwegträumen, wenn da nicht das Ächzen in der Kehle lauerte. Zum Glück machen die Beine mit, kein Zwicken, kein Zwacken, alles da, nur die Pumpe ist am Anschlag, ich möchte mehr Luft holen, mehr, aber da ist nicht mehr … Ein Streckenposten überholt mich auf dem Rad, er sammelt die Kilometerschilder ein und zieht die Tüten von den Markierungen für den Halbmarathon. Scheiße, hoffentlich denken die noch an mich! HE, ICH BIN NOCH UNTERWEGS! IHR MÜSST MICH MITZÄHLEN!!

Scheiß auf die Kosmetik, jetzt wird geächzt. Nach dem letzten Anstieg kommt nur noch eine sanfte Welle, da kann ich drüberächzen – die Pace wird schneller: 5:40, 5:30 – aber da muß doch noch was sein! – 5:25, 5:25, 5:25 … ORRR!! – nur noch ein paar hundert Meter – 5:10, 5:05, 5:00 – Luft … wäre … nett … – 4:55 … 4:54 – LUFT!!! … Medaille … Luft … Luft … Familie … Luft … Tee? … Tee, bitte! … … Tee … … Luft.

9,8 km (+ 1,7 km Einlaufen) 0:57:06 · Pace: 5:49

Damit habe ich meinen ersten Zehner im Sack! Das Anfängerglück ist mir hold: Ich bin unter einer Stunde geblieben. Wie immer weicht die offizielle Streckenmessung von meiner ab, nur die Zeit ist diesmal fast identisch: 10,0 km · 0:57:05 · Pace: 5:43 – damit bin ich bei den Männern 39. von 52 geworden – nicht Letzter! – und 10. von 12 in der M45 – nicht Letzter! – 10. von 11 Startern der M45 in der Serienwertung – nicht Letzter! – und insgesamt 28. von 40 – richtig: NICHT Letzter! Puh …

Die Sonne scheint gnädig über den kleinen Stich im Hinterkopf hinweg: Warum fühlen sich die Beine so prima an? Wieso gibt es nicht das kleinste Problem? Warum hatte ich so wenig Luft? Hätte ich mit mehr schneller sein können? Das bohrt die ganze Heimfahrt über, deshalb gibt es diesmal keine Belohnungstorte. Ich schnüre zuhause das zweite Paar Schuhe, setze die Sonnenbrille auf die Nase – Sonnenbrillenwetter! Ich liebe Sonnenbrillen … – und jogge los, ein paar Kilometer durch ruhiges Fahrwasser, stoisch an sonntagnachmittäglichen Todeskandidaten vom Stamm der Dachshunde vorbei, immer auf der Suche nach dem 135er Puls. Bloß raus mit den zweieinhalb Kilo Carboloading und Mineralwasser, bloß weg damit!

Nach weiteren zehn Kilometern bin ich fertig für heute, die Beine schmerzen ganz leicht, ich fühle mich ein wenig erschöpft und denke nur: Wenn ich das Extra-Brikett noch auf die Strecke hätte bringen können …

Pulskurve

Lebhafter Puls: So sieht das aus, wenn ein Mittvierziger nach einem halben Jahr Training zehn Kilometer auf Zeit rennt

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Laufen und getaggt mit , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>