Premierenfieber – Herr Müller hat Kreislauf

Strecke Winterlaufserie Hilden

Man würde häufig auf die Toilette rennen, haben sie gesagt. Das sei sehr nervig, haben sie gesagt. Und hektisch sei es obendrein. Ich zähle mit: Viermal gehe ich pinkeln, bevor der Startschuß fällt, zweimal zuhause – das ist ja völlig normal – und zweimal vor Ort. Damit kann ich leben. Glücklicherweise bin ich mit allem schon fertig, bevor der große Nachmeldeansturm beginnt, da läßt mich das alles kalt. Aber was das geben soll, da auf der Strecke, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Am Morgen bin ich sehr gut gelaunt: Die Waage zeigt 90,1 kg – sehr akzeptabel nach dem monströsen Mahl vom Vorabend. Der Kaffee tut, was er soll, alle sind pünktlich fertig, ich sitze in meinem Hinterkopf auf dem Beobachterplatz und nehme interessiert zur Kenntnis, wie der Adrenalinspiegel steigt. Warum tut er das? Weil ich ein Rennen laufen werde!

Na, jetzt mal halblang, früher nannten wir sowas einen Volkslauf und das ist es ja wohl auch, und ein kurzer noch dazu: 5 Kilometer bei der Winterlaufserie in Hilden, in einem Forst mit schlammigen Wegen. Warum also die Aufregung? Ich könnte alle Anfängerfehler auf einmal begehen! Meine Beine könnten sich als irreparabel beschädigt herausstellen! Ich könnte einen Kreislaufkollaps erleiden und müßte vor den Augen aller ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, gar abtransportiert werden! Liegend! Aha, soso … Ich mache mir innerlich ein paar Notizen für die spätere Analyse.

Schon das Einlaufen ist ein Problem: Ich bin SOFORT auf Betriebstemperatur, Puls 150 bei lockerem Trab. An Lauf-ABC ist gar nicht zu denken, ein paar kurze Sprints treiben den Puls sofort auf … 153? Das war’s, höher geht es nicht mehr, ich trabe zum Start. Ich werde also im Traktorentempo am Ende des Feldes dahinkriechen und mir die stromlinienförmigen Leiber der zahlreichen Triathleten von hinten betrachten – die streichholzdünnen Läufer werde ich ja schon beim Start nicht zu Gesicht kriegen, weil ich ganz hinten stehe, naja fast, schlauerweise vor den Walkern mit ihren tödlichen Stöcken.

Und da geht es auch schon los … Halt! Meine Uhr … und … was machen die da? Au Backe, jetzt stehen die alle rum … JETZT LAUFT! … Okay … He! NICHT SO SCHNELL! Was mache ich hier eigentlich? … Ich sehe schon, ich muß meinen bequemen Platz im Hinterkopf verlassen und die Dinge in die Hand nehmen: „Ruhe jetzt! Nimm dir einen Keks und setzt dich ins Eckchen. Ich mach’ das hier …“ Prompt wird es still, ich sortiere mich flink an einigen Hindernissen vorbei und habe nach 300 Metern ein etwa achtjähriges Mädchen vor mir. „Schau hin! Da hängen wir uns jetzt dran. Unsere Pace ist 5:50, wir werden in 29 Minuten und 10 Sekunden im Ziel sein und damit den Tempolauf aus Woche 4 des dritten Mesozyklus abgehakt haben. Verstanden?“ Leider zieht das Kind jetzt an, als ich dann mitgehe, fällt es bald zurück und ich suche mir neue Hinterteile – schade, auf ihrem stand „Langsam ist für’n Arsch“, das war mir sympathisch.

Eine Dame in den 30ern ist mein Anker bis Kilometer 2. Dort angekommen bin ich sehr überrascht, weil es sich gefühlt um Kilometer 3 handelt, soll heißen: Es wäre schön, wenn das jetzt Kilometer 3 wäre. Ist es aber nicht. Dieser kleine Hauch Verzweiflung lenkt mich kurz ab von den zahlreichen Pfützen und Schlammfurchen, die einen Trailrunner sicher zum Gähnen animierten – ich meide die glitschigen Canyons, bloß nicht hinlegen! Die Uhr zeigt fröhlich irgendwelche 5er Paces; ich habe mir extra eine reduzierte Anzeige zusammengeklickt, alternierend im Fünfsekundentakt sehe ich Pace, Zeit, Distanz und Durchschnittspace. Natürlich überfordert mich das, aber ich weiß immerhin, daß ich alles richtig mache. Wunder wird es heute nicht geben.

Dann kommt Bärbel. Ihren Namen erfahre ich erst später, als ihre Freunde sie vom Streckenrand mit trockenen Sprüchen anfeuern. Bärbel ist eine hagere Läuferin im mittleren Alter aus Solingen – sagt ihr Trikot. Ich bin ungefähr zwei Bärbels und weil Bärbel nahezu lautlos und absolut beständig dahinschwebt, gebe ich mir die allergrößte Mühe, nicht laut zu ächzen – mein Schnaufen in Zweieratmung muß für Bärbel schon eine unheimliche Lärmbelästigung sein und ich kann sie von hier aus nur um Verzeihung bitten, aber ich kann nicht widerstehen, ich muß an ihr dranbleiben, weil … ja, weil ich ab Kilometer 3 Kreislauf habe. So fühlt es sich jedenfalls an und Nani wird sagen: „Dein Teint war leicht fahl.“

Nach dem vierten oder fünften Anstieg habe ich die Faxen fast dicke, aber Bärbel ist mein Anker. Liebe Hildener, 10 Höhenmeter soll die Runde haben? Niemals! Meine Uhr sagt, daß es 40 sind, gefühlt sind es 100. Nach Kilometer 4 ist aber Schuß, es geht bergab. „Bärbel, den Alten da holst du dir aber noch!“ ruft ein Mann vom Wegesrand. „Klar“, sagt Bärbel trocken. Vor uns taucht ein Schnellstarter auf, ein Berg von einem Mann, nun mühsam gehend. Den kriege ich auch noch. Dann poltere ich an Nani vorbei, mein Kind winkt, ich nehme die letzte Kurve, ich möchte nicht schneller, ich habe Kreislauf. Das soll gesund sein? Müller ist vor mir, sagt der Streckensprecher. Ich bin doch Müller! Ah, noch ein Müller. „Tach, Herr Müller!“ „Angenehm, Müller.“ Puh …

Nein, ich muß nicht kotzen. Nein, ich hole bestimmt nicht das letzte Korn heraus. Ja, ich bin froh, als ich ins Ziel patsche. Ja, ich bin zufrieden: unverletzt, nicht überzogen, Vorgabe fast exakt getroffen. Leider weiß ich nicht genau, wie die Zeit ist – meiner eigenen Messung fehlen 50 Meter, zu spät gestoppt habe ich auch und es gibt keine Nettozeit. Egal. Ich hab’ jetzt ’ne Startnummer, ich bin im Ziel, Nani lobt mich, später kriege ich Eierlikör-Marzipan-Torte von Brehmer’s … Geil.

In vierzehn Tagen geht es wieder in den Hildener Stadtwald, dann gilt es, 7,6 km zu schaffen. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: „Herr Müller hat Kreislauf …“

Offizielle Zeit: 0:28:29,0 – Pace 5:42

P.S.: Ich kannte Bärbel nicht. Läuft in der W70 und sah nicht so aus, als hätte sie sich heute besonders anstrengen müssen – kein Wunder, schließlich war sie sogar mal Weltmeisterin. Respekt!

P.P.S.: Ach, und ich bin wenigstens nicht Letzter geworden! 12. von 13 in der M45 (40. von 59 bei den Männern) – gerade nochmal davongekommen …

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Laufen und getaggt mit , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Premierenfieber – Herr Müller hat Kreislauf

  1. Andreas sagt:

    Respektable Zeit, Herr Müller!

  2. rollinger sagt:

    So ähnlich geht es mir jede Woche beim Hockeytraining. Ich bin so aufgeregt und dann dieses Sternchen sehen nach 10 Minuten. :-)

  3. Meine Restbesorgnis konzentriert sich derzeit auf die ständig wachsenden Distanzen der Wettkämpfe. Demnächst habe ich 21 Kilometer Zeit zu zweifeln, dabei würde es ja genügen, ein paar Runden um den Sportplatz zu drehen, um Vorletzter zu werden …

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>