Progressiv-prähistorisches Materialschlachten

New Balance M1080 v3

Damit läuft es …

Feldzüge werden ja nicht gewonnen, weil vorne Mel Gibson ohne Unterhose eine Front ängstlicher Schotten abreitet und ihnen Mut zubrülllt, der Sieg wird in der Etappe errungen, bei der Versorgung, mit dem Material. Das muß alles funktionieren, wenn es da nicht stimmt, sind die Bäuche leer und die Büchse versagt und die Soldaten desertieren.

Kurz vor Weihnachten habe ich immer einen Tag frei, den nutze ich für das Fouragieren von Weihnachtspräsenten. Nun, da das Publikum hierzuort leider nicht ganz vertrauenswürdig ist, kann ich beim besten Willen nicht verraten, was auf der Liste der braven Kinder steht. So viel sei verraten: Zum Frühstück – nach dem frühestmorgendlichen Kind-in-die-Schule-Schaukeln – gibt es, neben dem obligatorischen Monstermilchkaffee mit einem halben Kubikdezimeter Milchschaum und insgesamt sicher drei Löffeln Zucker, zwei Scheiben Schwarzbrot (vulgo: langsam gebackenes rheinisches Roggenschrotbrot, mitnichten westfälischer Pumpernickel!) mit dünn was drauf und niedrigem glykämischen Index (ich kann Wörter!). Noch kurz auf Phoenix die neue traurige Realität im Bundestag gecheckt (Opposition findet nicht mehr statt, es lebe die Merkelokratie!), dann ab.

Wie ist das eigentlich, wenn man Laufschuhe kauft? Das ist doch eine hochsensible Angelegenheit. 1.000 Kilometer bleiben die Dinger am Fuß und schützen ihn – oder tun das Gegenteil, wenn’s scheiße läuft. Da braucht es doch fundierte Beratung. Die hatte ich zum Glück, aber wie sieht es im Kaufhaus aus? »Der ist hier [am Heck] also weniger gedämpft und deshalb auch niedriger, er hat keine Stütze [in der Mitte] und ist sehr flexibel …« *verdreh* »… und für normalgewichtige Läufer mit sauberem Laufstil gut geeignet«, sagt der Verkäufer. Schön erklärt. Leider ist sein Gegenüber Ende 60, groß, leicht übergewichtig und eben erst in die Materie eingestiegen: »Ist der denn neutral?« Ich lerne: Verkäuferschulungen sind der erste Schritt, den Kunden betrachten wäre der zweite. Im dritten Schritt könnte man dem Kunden die Schuhe anziehen und ihn auf die Laufbahn schicken, die sich rund durch die Etage zieht. Aber es ist Weihnachtsgeschäft, da stört das nur.

Weihnachtsgeschenke, ja, da war doch was, aber erstmal brauche ich diese Hose, die mich warmhalten soll, wenn ich nach dem Aufwärmen auf den Startschuß warten muß. Irgendwas billiges, Kaufhaus-Eigenmarke – Hauptsache, sie geht über die Schuhe. Etwas später derselbe Gewissensbiß, im Outdoor-Kaufhaus meines Vertrauens, weil ich doch dünne Handschuhe brauche, für den Winter, weil die bisher dünn genannten fürs Laufen zu dick sind. Also flugs den inneren Weihnachtsmann heißen, dortselbst kinderkompatibles zu finden – mission accomplished! – dann weiter.

Der Magen meldet: »Hatte bisher zwei Scheiben Schwarzbrot mit dünn was drauf. Ich verstehe, daß du jetzt voll in dem Sportding drin bist, aber was geht mit Essen?« Ich kontere das mit einem Besuch in der Maultasche, verzehre daselbst eine solche, geschmelzt, in Rinderconsommée, dazu einen herben Riesling von Ellwanger aus Weinstadt-Großheppach. Lecker! Damit hätte ich auch das Verlangen nach Kohlenhydraten in meinem Training Raum gegeben. Es wird Verständnis haben, daß ich mir später ganz rheinisch noch eine fette Mettwurst einverleibe. Die ist gut für meine psychische Regeneration.

Wenn sie ’ne moderate Sechser-Pace mitgehen würde, wäre sie herzlich eingeladen, hatte ich Nani tags zuvor gesagt. Also ziehen wir gemeinsam los am Abend, fünf Kilometer zwischen Mülheimer Brücke und Malakoff-Turm und zurück, wie letzte Woche schon. Diesmal jedoch habe ich an meinen Füßen tolle neue Schuhe, gekauft nach geduldiger Beratung beim „Dauerlauf“ in Köln, und die hat sie mir geschenkt! Und was soll ich sagen? Die sind großartig! Die wollten schon beim Anprobieren nicht mehr runter und die machen jetzt aus dem Stand zehn lockere Kilometer mit. (Auch wenn ich als Gestalter dem Hang zum Schlichten fröne, finde ich Sportprodukte in überdreht dynamischer Optik immer wieder anbetungswürdig. Damit kann ich sicher mal zum Arzt gehen.)

Wir laufen heute übrigens elektrosmogfrei. Madame haben ihren Forerunner zuhause gelassen. Und das funktioniert super! Sie bleibt einfach bei mir, geht ihren Metronom-Schritt, ich folge dem oder lege nach, wenn irgendwas bei mir nachläßt oder der innere Drill Sergeant was korrigieren muß. An der Rampe auf den Dammweg schiebt sie hoch, als wolle sie was jagen, ich begnüge mich damit, hochzukommen, ohne langsamer zu werden, es folgt die Brücke, mein kleines, eitles Treppenhopsen, die letzten 500 Meter, still bei ihr, schnaufend bei mir, dann die Feststellung: Es gibt keine Zeitmessung …

KEINE ZEITMESSUNG!! Was ist geschehen? Meine Stoppuhr ist ein olles Nokia-Handy von 2003. Es sieht nicht mehr so toll aus, aber es telefoniert halt noch und ich hab’ monatliche Handyrechnungen im einstelligen Bereich, so zwei, drei Euro. Also warum was neues anschaffen? Ja, so ’ne 310xt wär’ toll, oder ’ne 610, oder auch ein Lottogewinn und eine Suunto Ambit 2S. Aber: KEINE ZEITMESSUNG! Wie konnte das geschehen?

Zu allem Unglück geht unser Gefühl auseinander. Nani vermutet was Legeres, ich eher eine Verbesserung. Seitdem ich das hier mache und messe, habe ich in Sachen Pace nur einmal danebengelegen, aber was soll’s: Es gibt nichts Meßbares, mein Jungsherz blutet, aber ich weiß, das es in Ordnung ist. Echt! Wir fahren los und als es nach einer ganzen Weile rumpelt, frage ich mich noch, wie das sein kann, daß da gerade eine Radkappe abhebt, wo der Wagen doch Leichtmetallfelgen hat? Und es war nicht der stets ausreichend vorhandene Trinkvorrat im Gepäckabteil, der da gerumpelt hat, es war die kleine Nathan-Pulle, die ich beim Dehnen auf dem Autodach abgestellt hatte. Zum Glück diskutieren wir das erst, als wir zuhause sind, da müssen wir nicht anhalten – oder gar zurückfahren! – und suchen.

Zuhause wartet Meister Kneipp auf mich, da messe ich warm und kalt, recht eindeutig, wenn man nach der Geräuschkulisse beim Duschen geht. Und dann finde ich doch noch was zum Messen: ausziehen und auf die Waage stellen und ich lese die erste 8 auf der ersten Stelle seit zehn Jahren, so! (Natürlich hält die nicht lange, wegen Abendessen und so, aber ihr müßt das verstehen …)

Der Salat hat wieder Radicchio und Romana, nun aber eher Hirten-Style mit Gurke, Paprika, Tomate und Schafskäse, wieder Sesam – dafür ausnahmsweise mal nix zwiebelartiges, weil der Schubeffekt durch Blähungen kaum Vorteile bringt – und als Dressing Olivenöl und Zitrone mit Pfeffer, Korianderpulver, Kreuzkümmel, Chili und Honig. Für mich noch etwas Schwarzbrot mit Aioli dazu, bitte – Feldzüge werden eben in der Etappe gewonnen …

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