Langsamer Dauerlauf
und gewichtige Gedanken

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Sie nannten ihn „der Chantal“

Einige hundert Kilometer später:

Nein, ich neige nicht dazu, sonntags früh aufzustehen, geschweige denn, vor zehn Uhr angezogen zu sein und fertig mit Frühstücken, aber was tut man nicht alles, um die Holde zu unterstützen, die doch heute nach Hilden will, zum Herzlauf, als Krankheitsvertretung einen Halbmarathon laufen, als wäre sie gestern nicht durch den bergischen Dreck gerobbt. Legt euch nicht mit meiner Frau an! Ihr könnt vielleicht schneller sprinten, aber sie hat immer einen Kilometer mehr und haut immer noch einen Wettkampf oben drauf. So möchte ich auch mal sein.

Das in Hilden ist familiär organisiert, es geht ein wenig drunter und drüber, aber fast alle kommen ins Ziel, vor allem die 112 Feuerwehrleute aus aller Welt, die für einen guten Zweck in voller Montur (im Gegenwert von 30 kg) den 5er oder den 10er mitgehen – manche sogar den Halbmarathon, das ist unglaublich! Und auch so hart wäre ich gern mal, aber nachmachen möchte ich das nicht.

Am Ende kommt sogar die Sonne durch, am Ende lächelt die Holde sogar, als sie mit dem Unermüdlichen Klaus ins Ziel läuft, der froh ist, sich endlich eine anstecken zu können. Und ich denke noch: Theoretisch hätte ich hier mitlaufen können, aber ankommen, wenn schon alle Siegerehrungen gelaufen sind, ist nicht das, wovon ich als Kind geträumt habe. Dafür sind Nanis Laufbekanntschaften zufrieden: der eine gewinnt den Halben und sagt ins Mikro etwas von, daß es halt ein bißchen wie Training gewesen sei oder so, der andere ist froh, vor Achim Achilles einzulaufen, der etwas karitativen Glanz nach Hilden bringt. Nur der 10er-Sieger ist nicht ganz happy, weil er von seinen 33 glatt gern noch ein paar Sekunden abgeknapst hätte – warum auch immer. Sie alle sind aber fröhlicher als der etwas verkniffen wirkende Sven Lorig, der ein bißchen so aussieht, als würde er seinen Sonntag gern anders verbringen – dafür läuft er mit 01:33:57 einen flotten Halben!

Etwas später unterstützen auch wir den guten Zweck und kaufen zwei Handvoll Lose bei der Tombola. Und gewinnen einen Haufen Zeug, gespendet von den lokalen Sponsoren! Das erste, das ich bekomme, ist ein Umschlag: ein Gutschein für die Große Serie der Hildener Winterlaufserie. Jippie. »Schatz, das ist ein Zeichen!« jubelt die Holde und stellt mir wintertaugliche Trailrunner in Aussicht, Decken, warmen Tee und natürlich Fahrdienste. Sagt die Frau, die auf jeder Strecke anderthalb bis zwei Minuten schneller ist als ich. Pro Kilometer. Daß ich es mir überlege, sage ich und erwarte innerlich, bei der Heimfahrt Schweine fliegen zu sehen.

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112 schwitzende Feuerwehrleute aus ganz Deutschland, aus Brasilien, den USA und anderswoher

Da ich heute nicht mehr bei Tageslicht in den Wald komme, um meinen langen Lauf zu machen, stecke ich mir eine neue Strecke ab, durch die Stadt, runter zum Rhein, Mülheimer Brücke, am Rhein entlang, Hohenzollernbrücke, Auenweg – die Halbinsel mit den Matschpfützen im Dunkel schenke ich mir ebenso wie den Katzenbuckel – Mülheimer Brücke und an der Bahn entlang zurück nach Hause, 19,4 größtenteils beleuchtete Kilometer, die Wege kenne ich alle, da kann ich den Gehwegplatten Namen geben.

Mein selbstgestecktes Ziel verpasse ich deutlich, ich bleibe 19 Sekunden unter der angepeilten Pace, aber die war auch eine halbe Minute schneller als die der Vorwoche – wohl etwas zu ehrgeizig geplant. Aber ich bin auch fünf Sekunden langsamer als bei der Waldrunde von letzten Sonntag, als ich so schön mit meinem Sohn quatschen konnte. Egal, die Kilometer sind im Sack, das Ziel für nächsten Sonntag habe ich sofort mal korrigiert, um realistisch zu bleiben.

Vielleicht lag’s am Essen? Ich bin kein Low-Carb-Jünger, aber seitdem ich den Plan habe, reduziere ich die einschlägigen Nahrungsmittel doch, um den 15, 20 Kilo, die da runter sollen, an den Kragen zu gehen. Ausgerechnet gestern abend mußte ich an heute denken und daß ich ungern vor lauter Low-Carb verrecken würde, also verspachtelte ich in alter Radlermanier zwei Teller Reis mit Nanis sehr, sehr leckerer Mangosauce. Ende vom Lied: einen Hungerast erlebe ich heute jedenfalls nicht.

Heute morgen, nach dem Frühstück (großer Milchkaffee, zwei Brötchen, Ei) und nach dem, was wir alle danach so tun, watscht mir die Waage erstmal einen: 93,2 kg. Danke, das ist Rekord seit Neubeginn der Aufzeichnungen. In Hilden gibt’s auf den Schreck ’ne kleine Pommes dazu – eine sehr kleine, weil die Tochter unbedingt mitessen will (gieriges Kind!). Von ihrer Waffel gibt sie mir dann nur ein Herzchen ab (weil ich die übrigen ablehne). Zuhause noch ’ne Banane und die 20 Kilometer können kommen. Abgerissen, gedehnt, ein paar Minuten ausgelaufen, hoch, auf die Waage: 90,6 kg. Das sind 2,6 kg weniger, trotz Frühstück, Pommes und dem Liter Schorle, den ich beim Laufen inhaliere. Das kann ich nicht alles ausgeschwitzt, das muß ich ausgeatmet haben. Sofort mal gugeln, wie das möglich ist …

Die gute Nachricht: Zwischendrin, so für 3 oder 4 Kilometer spüre ich dieses Ding, das muß dieser Flow sein, von dem alle reden. Dumm nur, daß mein kaputter Zeh da ständig reinfunkt. Wenn der nicht mag, laufe ich mit Dauerschmerz, aber das ist nunmal nicht zu ändern. Dieses Flow-Ding ist trotzdem eine sehr nette Sache. Gerne wieder!

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