Keine Fehlstellungen, sakrazefix!

Wie kann man nur so aufgeregt sein wegen ein paar Kilometer Laufen? Gestern war schon schlimm: den ganzen Tag über hibbelig und unzufrieden, weil der Plan montags Ruhe vorsieht. Da hätte ich doch … Nein, Ruhe! Sakra!

Heute geht das schon morgens so weiter. Auf dem Klo lese ich ein Kapitel über Laufschuhe und vergleiche typische Sohlenabriebbilder mit dem Abrieb meiner Schuhe: typischer Abrieb eines Läufers ohne Fehlstellungen. Keine Fehlstellungen! ES IST ALLES IN ORDNUNG! KANN ICH JETZT BITTE LOSLAUFEN? Erst muß das Kind in die Schule und weil ich über dem Sohlenabrieb die Zeit vergessen habe, kommt das Kind fünf Minuten zu spät, die Lehrerin interessiert das nicht, aber das Kind meldet das Versäumnis brav der Mutter und die nimmt mich nach Feierabend ins Kreuzverhör. KEINE FEHLSTELLUNGEN! Zählt das denn gar nichts?

Gut, ich könnte stabiler sein, die Rumpfmuskulatur braucht mehr Aufmerksamkeit. Und das Gewicht muß runter. Nach mehreren Wochen des Protokollierens kann ich sagen: Der Speiseplan ist nicht schlecht, aber in jeder kleinen Mahlzeit steckt irgendwas, das wegkann. In der Summe wird das der Hemmschuh sein, der bisher das Abnehmen unmöglich macht: etwas zuviel Zucker hier, weißes Mehl da, unnötige Beilagen, lecker zuviel Butter, die gute fette Wurst etwas zu dick – nur etwas, aber das eben immer … Zwei Portionen, wo eine gelangt hätte, Sahnehering statt Matjesfilet … Das läßt sich fortsetzen.

Die Treppensprints sind ein probates Mittel gegen die Unruhe vor dem Bildschirm, und sie machen wach. Das Arbeitspensum ist so kurz vor dem Fest nicht mehr hoch, das wenige schaufele ich weg, wir können früher frei machen. Dann fahre ich in die Stadt, um (–ZENSIERT–), bin noch vor der Holden zuhause und immer noch aufgeregt. Warum denn bloß? KEINE FEHLSTELLUNGEN! Deswegen? Nein, weil heute die Schallmauer fällt.

Es ist lecker warm draußen, sieben Grad, die lange Hose bleibt am Haken, das dicke Unterhemd und die Windweste auch, Mütze und Handschuhe ebenso. Keine Musik, die stört nur – ich will meine Schritte und meinen Atem hören. Noch stört der Bauch in dem Langarmtrikot das Gleichmaß, aber es ist dunkel draußen und ich werde einfach nicht in die entlarvenden Schaufenster schauen. Die Holde kommt heim, ich hüpfe im Wohnzimmer auf und ab, das muß lustig aussehen. Aber sie hat Verständnis für seltsame Übungen, da muß ich mir gar keine Sorgen machen.

Kurzes Antraben vor dem Haus, ein Mini-Lauf-ABC, lockern, Uhr starten und los! Drei zügige Schläge, dazwischen zwei kurze Trabstücke, und immer schön alles auf Spannung halten, sauber abdrücken, tief atmen. Bevor es doll in der Lunge brennt, nehme ich immer etwas zurück, halte die Frequenz und verkürze nur etwas den Schritt. Wird die Atmung ruhiger, beschleunige ich wieder. Alles fließt, bis auf die üblichen zwei Ampeln und die Bahnschranke, die ich zweimal kreuzen muß und die natürlich zweimal geschlossen ist. Aber egal, da kann ich halt mehr Luft holen.

Ein wenig bin ich schon stolz, daß ich ganz ohne Technik die Belastung steigern und meine Leistung so zügeln kann, daß ich nicht überpace. Mit technischer Hilfe wäre alles sicher ein wenig effektiver, perfekt getimt und austariert. Noch im August war ich auf solchen Strecken um die Hälfte langsamer und habe jedesmal mit Muskelkater für die Hybris bezahlt, ein Läufer sein zu wollen. Und nun? KEINE FEHLSTELLUNGEN! Ruhig, Brauner … Nicht nur das: Ziehe ich Ampeln und Bahnschranken ab, ist das eine Pace mit einer 5 vor dem Komma. EINER FÜNF!! Virtuell zumindest, aber ich weiß, daß sie da ist – wieder einer dieser winzigkleinen persönlichen Rekorde, die mich bei der Stange halten.

Im Plan steht nun: Pace 24 Sekunden schneller als geplant, 19 Sekunden besser als in der Vorwoche, 13 Sekunden besser als die bisher schnellste von vor 14 Tagen. Das darf so weitergehen, ich bin noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Eigentlich habe ich eben erst begonnen, daran hochzuklettern. Keine Ahnung, wie hoch das Ding ist …

6,4 km Tempo entlang der Fahnenstange

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