19,5 km ganz schön schnell langsam!

Das Gute an jener Übung, ein Protokoll über die aufgenommene Nahrung anzufertigen, ist, daß man niemals darüber im Zweifel sein kann, warum die Waage jeden Tag neue lustige Zahlen anzeigt, mal ganz kleine und dann wieder lustige große, die, längst vergessen geglaubt, die Nahrungsaufnahme vom Tag zuvor in ein neues, fahles und tristes Licht tauchen, während sie an jenem Tag zuvor, in schillernden Farben gemalt, das Leben bunter und lebenswerter erscheinen ließen. Verfressener Hund.

Ich bin ja schon aufgefallen mit dem Spruch, daß ich, ausreichende Erholung vorausgesetzt, jederzeit einen 25er raushauen könnte. Wenn ich wollte. 20 gehen also immer und Nani läuft mit mir. Da kommt es gelegen, daß mein Pace-Ziel für heute eine moderate 7 ist, nicht schnell, aber deutlich schneller als alles, was ich bisher über eine solche Strecke erreicht habe – einer von diesen kleinen Rekorden mit Ansage also, billige Motivationsübung, wohlfeil. Aber ich freu’ mich drauf und das zählt.

Die Sonne strahlt. Der Festtagseinkauf wird in aller Ruhe erledigt. Vor dem Supermarkt treffen wir den gesündesten Behinderten, den ich je gesehen habe: jung, schlank, top frisiert, schick angezogen, blonde, sorgfältig gestylte Begleiterin auf dem Beifahrersitz seines knallroten Audi TT – die Behinderung kann keine äußerliche sein, muß aber so ernst sein, daß der junge Mann dadurch genötigt wird, einen Behindertenparkplatz zu belegen. Armer Kerl. Das Weihnachtsmenü wird übrigens vegetarisch – hatten wir auch noch nicht.

Am Nachmittag endlich unter der Mülheimer Brücke, es pfeift ein kräftiger Wind von Süden, nicht zu kalt, aber wenn man verschwitzt ist, kommt man schon ins Frösteln. Da bin ich froh über meine langen Radklamotten mit Windschutz. Auf langen Strecken gibt es kaum was ekligeres als ausgekühlte Knie, habe ich leidvoll gelernt.

Es dauert eine Weile, bis ich auf Touren komme. Gelegentlich gibt Nani Rückmeldung: mal bin ich zu schnell, mal krieche ich. Zefix! Der direkte Weg zum Ufer wird immer noch vom Hafenweihnachtsmarkt blockiert, also bis zum Ende des Rheinauhafens entlang der Straße – da zum Glück windgeschützt – und erst hinter den Kranhäusern auf die Promenade. Prompt ist der Gegenwind wieder da und zerrt an der Windweste. Nur noch 2 Kilometer bis Rückenwind …

Kilometer 8: Nani meldet Pace-Probleme: 7:41, das kann sie kaum laufen, so langsam ist das für sie. Ich beschleunige und als sie Besserung meldet, merke ich mir den Schritt. Fühlt sich machbar an.

Ein Stück weiter ein Mann mit Hund, graues Haar, nachdenkliche, trübe Miene: Wolfgang Niedecken beim Nachmittagsspaziergang. Nani freut sich einen Ast ab. Aber warum schaut er so mürrisch? Vielleicht, weil ihn niemand anspricht? Da hat er sich so viele Jahre lang abgemüht und dann wollen die blöden Jogger nicht mal ein Autogramm …

Kilometer 10: Rodenkirchen, über die Brücke, endlich Rückenwind. Kilometer 11: Am Ufer wimmelt es von Hunden, aber sie sind alle guter Dinge. Über die Wiesen zu laufen ist eine nette Abwechslung, nur die ausgetretenen Spuren mit ihren Kanten nerven mich. Dann doch lieber ein Stück auf dem Weg … zuviel Betrieb, also zurück auf die Wiese. Die Poller Wiesen muß man sich eben mit vielen Menschen teilen, auch im Winter.

Kilometer 12: Ich bin guter Dinge, Nanis beständiger Schritt ist eine prima Orientierung. Meine Muskeln geben allmählich Rückmeldung, ich rechne mit Problemen ab Kilometer 15, doch noch rührt sich nichts – vielleicht tut das Getränk seine Wirkung: Maltodextrin einerseits, isotonisch andererseits, leider wie alles mit künstlichen Aromen, viel zu viel Ascorbinsäure und Farbstoffen. Aber ich vertrage es, das ist die Hauptsache (einen halben Liter werde ich am Ende verbrauchen, eigentlich zuwenig). Trotzdem werde ich mich auf die Sache nach den geschmacksneutralen Getränkepulvern begeben, die ich beim Radtraining benutzt habe. Die waren zwar langweilig, nicht bunt und schmeckten fad, aber sie haben funktioniert.

Kilometer 14: Es wird zäh, ich bemühe mich bewußt um sauberen Abdruck und einen federnden Schritt. Funktioniert, aber immer nur kurze Zeit von allein, dann braucht es wieder bewußte Kontrolle. Bei Kilometer 16 wird es langsam richtig dunkel, der Rheinpark ist fast leer. Hinter Kilometer 17 wechseln wir vom Ufer- auf den Dammweg – die Spur auf der Landzunge ist zerfurcht und voller Pfützen und ohne Lampe kein Spaß.

Kilometer 18,5: der Katzenbuckel, eine fiese kleine Bogenbrücke, eigentlich wie gemacht für knackige Steigungssprints, aber jetzt, an diesem Punkt, ist das Ding eine Herausforderung, auf die ich gern verzichten würde. Mit mächtigem Armeinsatz und kurzen Schritten komme ich trotzdem flüssig hoch.

Kurz vor dem Ende denke ich noch: Das war wohl nix. Das Pace-Ziel verfehle ich wohl und erreiche auch hier die Grenze, wie bei den Intervallen. Aber ich irre mich: Ich bleibe 17 Sekunden unter dem Soll! Wohlfeiler Rekord, sag’ ich doch! Und die Zahl auf der Waage ist wieder da, wo sie hingehört, doch nach dem Laufen wiegen ist für Sissys, deshalb warten wir mal ab, was morgen früh zu Buche steht.

Eins aber ist klar: Ohne die aufmunternden Gespräche mit der Holden und ihr gutes Beispiel wäre das nichts geworden. Und da wir viel zu selten Danke sagen, sag’ ich einfach mal: Danke, Nani! <3

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