Drei Stunden Dauerregen

Da hatten sich die Mädchen den ganzen Sonntagmittag über bei einer Tanzaufführung abgemüht. Wäre doch zu schade, wenn ausgerechnet ich das nicht mit ein paar Schweißtropfen gewürdigt hätte. Wind und Regen machen nachmittags eine kleine Pause, das will ich nutzen. Natürlich setzt der Regen wieder ein, als ich loslaufe, aber das ist mir egal. Ich laufe schön langsam, versuche, saubere Technik durchzuhalten, und ab geht’s in den Königsforst, immer schön bergauf.

Da gibt es diese eine Steigung am Brück-Forsbacher Weg, nichts Dramatisches, aber als ich vor 15 Jahren da zum ersten Mal mit dem Rad hochfahren wollte, mußte ich hechelnd absteigen und meine weingemästeten 110 Kilo zu Fuß hochwuchten. Da trippel’ ich jetzt schwungvoll hoch, fühlt sich gut an, nur der biceps femoris rechts macht wieder mal Ärger. Ich beschließe, ihn zu ignorieren.

Von Kilometer 7 bis 9 geht’s in schönen Wellen hoch, das macht Laune, sogar mir – ich glaube, so langsam kann ich den Finger an den Laufspaß legen. Das Tempo ist zwar nervig langsam, dafür gleichmäßig, und mit ordentlich Baß von Depeche Mode, DJ Dag und Sven Väth auf dem Ohr ist das ’ne richtige Meditation.

Der Wolfsweg geht erst runter, dann steil hoch, alles schon gleichmäßig, es ist noch Schub im Bein, das gefällt mir. Dann der Steinbruchsweg, zwei Kilometer bergab in langen Schlägen. Immer wieder prasseln Regenschauer herunter, ich laufe noch in Windweste, mir ist ja warm.

An der Kreuzung zum Schieferhauweg biege ich rechts ein – beim letzten Mal war ich noch über Rath und Brück heimgelaufen, um zur Not in den Bus umsteigen zu können. Das muß heute nicht sein. Kilometer 12 bis 14 sind ein richtiges Vergnügen. Als ein wirklich eisiger Wolkenbruch runterkommt, halte ich zum Umziehen nicht an, aus Angst, die Muskeln könnten sofort zu krampfen beginnen. Trinkrucksack runter, Weste aus, Jacke zwischen die Zähne, Weste einpacken, Jacke anziehen, Rucksack drauf, Stöpsel zurück in die Ohren und warm geht’s weiter. Nur die Beine sind kalt, die Gore-Kniehose hat nicht mal Windstopper, da brauche ich was anderes. Ein Gutes hat die Kälte: alles ist taub, da schmerzt nichts.

Ab jetzt wird’s dunkler. Und mühsam. Das Hochgefühl ist weg, jetzt geht’s nur mit Disziplin voran. Fortwährende Kontrolle, Schub gibt’s nur noch mit Konzentration. Luft ist genug da. Um Kilometer 18 stellt sich ein seltsames Gefühl ein: Es ist, als säße ich auf einer Bank und schaute bloß zu. Witzig.

Den Martinszug zur Linken nehme ich noch wahr – die armen Kinder werden patschnaß, die Laternen sehen traurig aus in ihren nassen Plastiktüten. Jetzt wird’s zäh. Bis Kilometer 21 muß ich immer wieder nachsehen, ob ich noch laufe, danach fühlt es sich an, als würde ich die Füße nicht mehr vom Boden kriegen. Die rechte Wade möchte krampfen – f*** dich! – aber durch Krämpfe durchfahren kenne ich vom Radfahren, das ist okay. Dafür ist der Beuger links wieder völlig weich.

Bei einem Wettkampf wäre der Besenwagen die ganze Zeit dicht hinter mir gewesen, habe ich mal ausgerechnet. Unglaublich, schon so alt zu sein. Aber der soll mich jetzt nicht mehr kriegen! Der Regen wird stärker und ich kann auch noch ein Körnchen zulegen. Bis zur Haustür, Kilometer 23,5.

Drei Stunden im Dauerregen. Hätte noch vor einiger Zeit nicht gedacht, daß ich länger als ein paar Minuten laufen könnte. Und jetzt sowas. Gut, auf dem Rad kann ich doppelt so lange durchhalten, aber da tut mir dann dermaßen der Hintern weh, das ist kaum auszuhalten – von den übrigen Konsequenzen ganz zu schweigen.

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