»Was mache ich hier eigentlich?« –
vom Laufen

Halbmarathon Königsforst 2012

Nicht aufgegeben …

Es war bei den Bundesjugendspielen, als ich in der zweiten Runde des Tausendmeterlaufes dachte: “Was mache ich hier eigentlich?” und mich nach links aufs Gras fallen ließ, weil es sich in mir so anfühlte, als wolle meine Leber platzen. Ich war zehn oder elf Jahre alt.

Danach lief ich nicht mehr einfach so, nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, beim Fußball oder beim American Football, aber nicht einfach so zum Spaß. Stattdessen wurde ich begeisterter Radfahrer. Etliche zehntausend Kilometer auf Straßen und Waldwegen habe ich zurückgelegt, im Bergischen Land und anderswo. Ein paar kleine Alpenpässe bin ich gefahren. Laufen ist da bloß von Übel – mit den Schuhplatten kommt man eh nicht weit.

Wandern, das ist schon was anderes, das mag ich, in den Bergen, doch das fällt mir in den letzten Jahren immer schwerer. Die Füße sind schwach geworden von der vielen Sitzerei, manche Gelenke streiken, der Rücken macht Ärger, manchmal so schlimm, daß außer Gehen gar nichts mehr geht.

Als meine Frau vor zwei Jahren ernsthaft wieder mit dem Laufen anfing, da zwickte es mir schon aus Mitgefühl in den Knochen, wenn sie abends ächzend auf dem Sofa darniedersank. Aber sie ließ nicht locker, das hat mir imponiert. Und obwohl ich täglich mit dem Rad zur Arbeit fuhr, jeden Tag knappe 30 Kilometer, wußte ich, daß ich nicht schaffen würde, was sie schaffte.

Es war mein ältester Sohn, der mit mir wettete, daß ich es nicht schaffen würde, die einfache Strecke in weniger als zweieinhalb Stunden zurückzulegen. Ich kann rechnen. Das ist strammes Fußgängertempo, das sollte wohl zu schaffen sein. Ich gewann die Wette. Es tat weh und es sah bestimmt sehr lustig aus, wie ich meinen übergewichtigen Büroleib, in enge Radklamotten gezwängt, nach Hause wuchtete, aber ich gewann die Wette. Und ich wiederholte sie und war noch ein wenig schneller.

Ich werde hier keine Zeiten nennen. Sie sind reif für den Besenwagen. Aber seitdem denke ich immer wieder daran, zu laufen. Manchmal laufe ich sogar, sporadisch, und fluche darüber, wie beschwerlich es ist. Den schlimmsten Muskelkater habe ich ausgerechnet am Bauch, aber da ist ja auch das meiste Gewicht – das zerrt.

Laufen ist trotzdem das beherrschende Thema in der Familie, denn Mami läuft, tagaus, tagein, bei jedem Wetter, oft unter Schmerzen, hakt Wettkämpfe ab wie andere Leute Kinobesuche und wird immer schneller. Am letzten Wochenende ist sie in Köln ihren ersten Marathon gelaufen und sie war großartig! Praktisch ist das Laufen auch noch, weil die Auswahl von Geschenken zum Geburtstag und zu Weihnachten plötzlich so leicht fällt: Trinkgurt, Leibchen, Laufbibel, Garmin, Leistungsdiagnostik. Und das Beste ist: Es gibt keine enttäuschenden Geschenke mehr! Männer sollten ihre Frauen zum Laufen schicken, das löst dieses Problem ganz elegant.

Halbmarathon Dresden 2012

Der Hitze getrotzt: halbe Distanz beim Oberelbe-Marathon 2012 geschafft

Bei einigen Wettkämpfen war ich dabei und fieberte mit. Im Königsforst wartete ich ungeduldig, weil sie beim Halbmarathon hinter der Marschtabelle herhing. Ich lief ihr entgegen und da trottete sie, erschöpft, mit schmerzenden Füßen – zu schnell war sie die ersten Hügel hochgestürmt. Und dann ist sie doch weitergelaufen und ich fuhr mit den Kindern auf den Rädern hinterher, locker plaudernd, Getränke reichend, bis ins Ziel.

In Dresden wartete ich eine halbe Stunde lang am Tor des Heinz-Steier-Stadions, um ein Foto von ihr zu ergattern. Ich bekam mein Foto, einen mörderischen Sonnenbrand und einen Rüffel, weil ich sie im Netz herumzeigte, wie sie glücklich lächelnd einlief. Mittlerweile füllt sie ganze Fotogalerien rheinischer Laufveranstaltungen, da muß ich höchstens wegen einer ungünstigen Farbkombination um Erlaubnis fragen, wenn ich ein Bild von ihr posten will. Als sie dann vor ein paar Wochen die 28 Kilometer in Junkersdorf locker in drei Stunden runterjoggte und im Ziel nach kurzer Zeit wieder ganz erholt schien, da wußte ich: Sie ist eine Marathonläuferin.

Diesen Sommer mußte ich eine Radfahrpause einlegen. Ein dummer Sturz bescherte mir große Schürfwunden, das Geld für die teuren Ersatzteile sitzt auch nicht mehr so locker, aber ohne Sport geht es eben nicht. Also lief ich im Dresdner Sommer ein paar Runden durch den Wald und zusammen mit meiner Frau zur Eröffnung über die Waldschlößchenbrücke. Mir platzte fast der Schädel und sie schwitzte nicht einmal. Das konnte so nicht weitergehen.

Seitdem versuche ich, regelmäßig zu laufen, kurz, mittel, lang, Dauerlauf, Tempoläufe, ein bißchen Technik. Die Gehpausen werden weniger, ich hasse die ersten Kilometer, aber ich liebe es, wenn die Kraft für die langen, runden Schritte reicht, die mir wenigstens die Illusion von Geschwindigkeit bescheren – auf dem Rad bin ich schnell woanders, beim Laufen bleibt alles ganz lange gleich, das ist nicht lustig.

Aber ich bin vorletzten Sonntag zwanzig Kilometer am Stück durch den Wald gelaufen, ohne Pause, einfach mal so, das Wetter war großartig und die letzten fünf Kilometer eine einzige Frage: “Was mache ich hier eigentlich?” Antwort: ankommen.

Und der Montag war nicht schlimm.

Köln-Marathon 2013

Köln 2013, im Ziel: Das Plakat auf der Brust sagt: „Mein 1. Marathon“ (das ihres Begleiters in der blauen Jacke hat dort „Mein 111. Marathon“ …)

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10 Antworten auf »Was mache ich hier eigentlich?« –
vom Laufen

  1. rollinger sagt:

    Oh kenne ich alles. Das Problem ich habe seit meiner Jugend und Hockeysport Knieprobleme . Irgendwie durch zu viel laufen oder so. Jetzt habe ich zu hohes Gewicht und beim Laufen verkrampfe ich mich um nicht zu hart aufzutreten. Dann macht mein Rücken Ärger. Ein Teufelskreis.
    Wandern..kann ich endlos. Höhenmeter und immer weiter. Jede Woche im Wald macht sich positiv bemerkbar. Aber so oft ich das mit dem Laufen versuche, ich habe hinterher Ärger.
    Außer jetzt am Wochenende. Das Schwitzen und doch schon Kälte und dann war ich dran mit Baby in der Kraxe. Abends taubes Gefühl im Oberschenkel und dann rasende Schmerzen. Bis sich ein Lendenwirbel wieder richtig schob. Scheiße wenn man alt wird..ist.
    Aber ich geb da nicht auf. Zu gerne wandere ich mit Freunden und Kinder auf die Hütten :-)
    Kinder halten so verdammt jung!

  2. Am Ende ist es immer der Kopf, der entscheidet. Positiv denken halt. Was ich mir vom Laufen auch erhoffe, ist, daß meine Füße sich erholen und ich länger wandern kann. Es gibt Schäden, die können nicht mehr besser werden, aber diese Schmerzen kann man mit einem gelassenen Fatalismus ertragen. Keine längeren Touren im Gebirge gehen zu können, das wäre allerdings eine Strafe. Da käme ich auch mit positivem Denken nicht nach.
    Zwei Sachen habe ich in der kurzen Zeit übers Laufen schon gelernt: Man kann sich mit etwas Konzentration auf saubere Technik viel Ärger ersparen. Und es wird irgendwann Spaß machen. Ich weiß nur nicht, wie lange das dauern wird.

  3. Michael sagt:

    20 km … super, prima, toll. Echt. Na also. Aber, und das frage ich mich … warum macht es dir keinen Spaß? Das muss doch Spaß machen, das Endorphin fließt doch. Ich weiß noch, wie ich das allererste Mal wirklich gelaufen bin. So ernsthaft mit guten Schuhen und Vorsatz. Es waren bestimmt nicht mehr als fünf Kilometer oder so. Aber bereits nach 20 Minuten wusste ich: Damit, Junge, hörst du nie mehr auf. Das ist bis heute so. Ich habe das immer auf die Hormon-Ausschüttung geschoben, aber dann … wo liegt der Unterschied? Weil, wenn es nach 20 km keinen Spaß macht, wann dann?!

  4. rollinger sagt:

    WIe gesagt ich habe es viele Monat probiert und landete dann bei der Krankengmynastik und manuelle Therapie. Hab mir richtig gute Schuhe gekauft und alles hat nichts genützt. Ich verkrampfe mic hscheinbar beim Laufen um andere Schmerzen abzudämpfen. Ich lief als Teenager schon Halbmarathon als ich noch Hockey (Jugend für Olympia) spielte.Ich bin so ein Konditionsmensch und kämpfen macht mir nichts. Die zweitägige Wanderung durch die Vogesen war mein Ding. Aber sobald das Laufen beginnt sind es eben Schmerzen und so richtig Bock macht Laufen auch mir nicht mehr. Es ist mir unterwegs einfach zu langweilig.
    Ich unterscheide:
    Es gibt Menschen die fragt man nach einer Radtour “Und was habt ihr so gesehen” und die erzählen dir nur von Kilometer und Steigungen und wann sie gegessen haben.
    Mir reicht das nicht. Ich muss laufen, stehen schauen fotografieren und so.
    Also nur Laufen um zu laufen. Das macht mir keinen Spaß. Das ist wie Motorradfahrer im Schwarzwald die nur wegen den Kurven dort sind und sonst nichts mitnehmen von diesem Trip.
    Ich muss was erleben.

  5. Michael sagt:

    Erleben? Na klar. Laufen ist nur zum Laufen, da lauf ich am Winterabend auch ganz stumpf den Gürtel hoch und runter. Podcast auf dem Kopfhörer, da lauf ich eh im Autopilot. Im Sommer morgens im frühen Licht eines bald warmen Tages oder – ganz besonders toll – an einem kalten klaren Wintertag, wenn der Frost Bäume und Gräser verziert, das ist schon mindblowing. Aber trotzdem, es ist Laufen zum Laufen. Nicht Erleben. Zum Erleben wander ich, guck ich, mach ich. Zum Beispiel dies Jahr: Kanufahren in Schweden und Holzhütte. 6 Stunden am Tag erleben im Megapack mit Kind und Frau. Und Abends dann, vor der Sauna und dem Kamin, eine Stunde laufen. Laufen halt, um zu laufen. Geht beides.
    Aber ich glaube, der Punkt ist ein anderer, und das hast du ja geschrieben. Der Punkt heißt Gelenke, Bänder, Sehnen. Ich hatte dies Jahr zwei Monate, in denen ich eine leichte Sportverletzung (die nicht vom Laufen kam) im linken Fuß auskurieren musste, das war schon eine Krise für mich. Ich habe mich gefragt, was würde ich machen, wenn ich nicht mehr laufen könnte? Nach einer Weile Geheule würde ich mir wohl was anderes suchen. Fahrrad vielleicht, wie Manfred. Oder schwimmen, oder Studio … was weiß ich. Im Grunde geht es auch um die Erkenntnis, dass unser Glück aus Geist und Körper besteht. Wer eines von beidem vernachlässigt, dem fehlt wirklich etwas, auch wenn er es vielleicht nicht weiß.

  6. rollinger sagt:

    Da muss ich wohl zustimmen.

  7. Andreas sagt:

    Respekt Manfred!

  8. KathysSong sagt:

    Ich kann dir nur meinen tiefsten Respekt zollen und deiner Frau sowieso. Persönlich habe ich wohl nicht die nötige Disziplin, um einen übergewichtigen Körper mit ausreichend Sport zu unterstützen und Laufen war für mich schon in der Grundschule der blanke Horror. 800m bei den Bundesjugendspielen lief ich nie unter 4:30 Minuten, ein blankes Armutszeugnis.

    Theoretisch habe ich mich mit dem Thema Laufen oft genug auseinander gesetzt, aber praktisch…. hm, wer weiß. Vielleicht müsst ihr mir noch oft genug vom Laufen erzählen und ich werde den ersten ernsthaften Versuch starten. So mit 20 Sekunden leicht trotten, zusammenbrechen und dann rasch gehen….

  9. Das Missionarische ist mir fern. Was ich aber auf dem Rad gelernt habe, ist, daß man sich selbst überraschen kann, aber auch, daß ordentlich Geduld dazugehört.

    Es gibt im Königsforst, das ist ein großes Waldgebiet bei uns in der Nähe, ein paar Steigungen, die mich 1998, als ich, genervt von meinem beklagenswerten Zustand, den Entschluß gefaßt hatte, radzufahren, noch zum Absteigen zwangen. Du würdest lachen, wenn du es sähest, und als ich damals abstieg, habe ich mich so geschämt, das kann ich dir gar nicht beschreiben.

    Heute schalte ich dort beim Radeln einen Gang runter, das ist alles. Und als ich kürzlich dieselbe Strecke entlanglief, habe ich einfach etwas mehr Armarbeit gemacht, um Schwung zu holen. Kein Ding. Ich hab’ geschnauft wie ein Walroß, aber der Anstieg war kein Hindernis. Er war einfach da. Und ich drüber weg. Fertig.

    So darf das weitergehen.

  10. rollinger sagt:

    Also ich empfehle dem “joggen” zu hart ist, fangt mit dem Wandern an. Sucht euch jemand der mit geht und dann geht es los.
    Bei uns sind das mittlerweile schon einige Leute die immer wieder in anderer Besetzung dabei sind.
    Wandert auf eine Hütte, das ist eine gute Motivation.Und es ist gut dosierbar. Man erlebt Natur und hat Gespräche wenn man will.
    Sagen wir so. Mein Junior war 4 Jahre und lief dann schon 10km mit 400 Höhenmeter. Heute ist er 6 Jahre und 15 km sind für ihn kein Ding.
    Ok die Rieslingschorlen auf der Hütte und das deftige Essen muss sein, aber warum auch nicht?
    Mir hilft es seit Jahren ohne Medikamenten (Diabetes II) zu sein. Ein Hba1 Wert unter 6, hat nicht mal jeder Gesunde :-)
    All diese Ischiasprobleme sind seit 20 Jahren verschwunden. Ich werde kein 100m Läufer aber ich lauf Dir 30km über Stock und Stein.

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