8,6 km Entspannung vom Brotjob

Man muß sich das so vorstellen: Großraumbüro, stickig, nicht allzu sauber, Mäuse gibt’s auch, acht Stunden am Bildschirm, Streß, Vibrationen, Lärm, manchmal unangenehme Gerüche, Sicherheitskontrollen, Inhalte, hinter denen man nicht immer steht, klassischer Brotjob eben. Die Sitzerei drückt die Eingeweide zusammen, Beine und Rücken leiden. Wenn ich dran denke, renne ich ins Treppenhaus, ein paar Etagen rauf und runter hüpfen, das rückt alles wieder an seinen Platz.

Ab drei am Nachmittag wird’s kritisch, da geht die Laune in den Keller, manchmal kommt noch was Dummes dazu, dann fragt man sich: Kann ich das jetzt nicht verknusen, weil ich müde bin? Stimmt was nicht mit meinem Blutzucker? Ist es, weil ich den Job leid bin? Oder sind die Kollegen doof? Test: Banane essen. Da ist Zucker drin, und Serotonin, das hellt die Stimmung auf, hab’ ich gehört. Essen, warten. Die Laune ist immer noch im Keller? Dann sind bestimmt die Kollegen schuld. Die Ärmsten können natürlich nichts dafür, aber ich hab’ ja jetzt gelernt: Laufen vertreibt die schlechte Laune, nur der Angang ist schwierig.

Ich habe brav Ratgeber gelesen: Nach einem Marathon soll man ruhig ein paar Wochen regenerieren. Ich hab’ hier eine zuhause, die wollte zwei Tage danach schon wieder loslaufen. Verrückt. Mit Mühe kann ich sie davon überzeugen, bis heute zu warten. Da würden wir zusammen laufen können: sie ein bißchen zur Regeneration und ich eben so, wie ich es hinkriege. Jaja, sie wird langsam laufen, verspricht sie, ganz bestimmt.

Am späten Nachmittag jagt ein Schauer den nächsten, das Wasser steht auf der Straße, doch am Abend macht der Regen eine Pause; wir traben los. Nein, man merkt ihr nichts an; der Köln-Marathon könnte genausogut vor einem halben Jahr gewesen sein. Ich hingegen versuche mich an den kurzen, federnden Schritt von gestern zu erinnern – klappt mäßig, aber es geht.

Nach einer kurzen Gehminute raus ins Dunkle, über die Felder, heute aber nur Asphalt, wegen der randvoll gefüllten Pfützen. Ich komme zurecht, Luft ist da – muß sie auch, weil die Holde mir ein Gespräch aufzwingt, natürlich, damit ich nicht zu sehr aufdrehe. Schlau von ihr! Klappt auch ganz gut.

Nach drei Vierteln der Strecke meldet sich der linke Schenkelbeuger: Die ständige Kontrolle meiner selbst verhindert, daß ich die Unterschenkel locker pendeln lasse. Stattdessen sind die Muskeln immer beteiligt, obwohl das gar nicht nötig wäre. So jedenfalls die Theorie. Praktisch mag er eine Pause haben. Und ich mag nach Hause. Mit Reden ist jetzt nichts mehr.

Irgendwann kann ich den kurzen Schritt nicht mehr unverkrampft machen, da falle ich für ein paar hundert Meter in einen wohltuend weichen, langen Schritt, natürlich viel zu schnell, aber der Muskel entspannt sich.

8,6 km, 1 Gehpause, behäbig

Das letzte Stückchen traben wir locker bis zur Haustür – einer der langsamsten Läufe, die ich bisher hatte. Die Frau hat nicht geschwitzt.

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