Heimat

Heimat
Heimat. Wo soll das sein? Hier in dem klammen, kleinen Bächeland, wo links und rechts die Moose dampfen im schwarzen, schlafenden Wald? Hier in dem Wellenland von Hügeln, durchzogen von Schächten und Stollen aus Jahrtausenden harter Bergmannsarbeit, verteidigt von unzählbaren Wällen und Gräben und Festungen von damals, als der Rhein noch gefährlich und der Mauspfad noch nicht mautpflichtig war und am Ufer des Stromes entlangführte, zeitweise, wenn er es so wollte? Hier, im Bergischen, das zwar keine Berge hat, einst aber gierige Grafen dieses Namens besaß? Oder in der großen Stadt gegenüber, überquellend von rheinischer Bräsigkeit, radelnden Studierenden, herausgeputzten Liebenden und allerlei Gemeinden und Grüppchen, Völkern und Völkchen? Oder mehr östlich, in dem Dorf, in dem ich aufwuchs und das so sehr geschrumpft ist, obwohl es unaufhörlich wächst und sich schon lange Stadt nennt? Oder doch in der Stadt, am Ort meiner Geburt, Sülz genannt, abgestellt in Hinterhöfen, Werkstätten und dreckigen Sandkisten, mitgeschleift über Dächer, durch Dachböden und verrauchte Wohnzimmer, abgesetzt im gellenden Gelächter der Schenken, dort im Kindereckchen ruhiggestellt „met enem Limonädsche“ und einem Leberwurstbrötchen mit Gurkenscheibe drauf?

Kann das Heimat sein, wenn es mich nicht mehr birgt? Ist Heimat nicht eine Anziehung? Ein Versprechen? Ein fernes Land, ein Traumland? Das Gebirge, die sturmumtoste Düneninsel, die Blaue Küste, die Cinque Terre, die Bretagne, der Brandung trotzend, die nebelfeuchte Melancholie Irlands, die schwindenden Waldweiten am Yukon, die jammernde Taiga, das ferne Neuseeland?

Ein paar Bilder weiter spüre ich Verlust, den Verlust der Heimat, ewig drohend, längst geschehen. Heimat ist ein schöner, warmer Ort, ein Nest, eine Burg, aber da ein solcher Ort vergänglich ist, muß ich daran bauen, mich festklammern am Haus, am Baum, am Land mit Grün und Wasser. Und wenn das Lebensrad dann weiterdreht, wird die Heimat mir entrissen, mir vernichtet.

Dabei liebe ich Häuser, alte Häuser, groß oder klein, fest oder baufällig. Alte Häuser enthüllen Dir ihre Geschichte nur, wenn Du Dich um sie bemühst. Das zieht mich hin zu ihnen. Und ich könnte all meine Kraft darauf verwenden, sie aufzurichten und zu erhalten. Steckte meine Kraft aber erst einmal darin, wie könnte ich sie noch anders verwenden? Ich wäre gebunden, dem drohenden Verlust ausgesetzt, gefesselt an Dinge.

Die Angst, Dinge zu verlieren, kann leicht geheilt werden: Besitze nichts und Du bist frei! Weine nicht der Heimat nach, dann quält sie Dich auch nicht mit ihrem Lockruf.

Den Kindern sei ein schöner Platz gegönnt, doch brauchen sie den nur, um ihn dereinst zu verlassen. Und brauchen sie ihn später noch, um nicht verloren zu sein, so sollen sie ihn sich selbst erhalten.

Gebunden durch den schönen Ort leb’ ich nicht mal hundertfünfzig Jahr’: Schon in den Gedanken der Enkel verblasse ich, wenn ich gegangen bin. Nein, kein Ort soll mir Heimat sein. Will in den Gedanken der Menschen wohnen, möchte heimisch in Ideen sein. Mit wenig Besitz belastet, den Blick auf die Welt und ihre Menschen richten, sie aufnehmen und wiedergeben, gleich wie. Beitragen zu dem Schatz an Gedanken aus Jahrtausenden, in den wir eintauchen oder der uns verschlossen bleibt (was ein kleiner Tod ist und das Urteil, unbeseelt zu leben). Da, das soll meine Heimat sein.

Und ein Herz, in das ich fallen und das ich fangen kann, wenn es wankt.

Das und das. Das ist Heimat.

(Januar 2003)

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2 Antworten auf Heimat

  1. rollinger sagt:

    Gefällt mir hier. Berge mögen, Fahrräder, Werkzeug und Riesling.
    Geschichten über die Heimat ..ein Thema das in mir brennt und ich vor lauter Begeisterung über “meine” Pfalz kaum in Worte fassen kann.

    Ich schau mich um

  2. Tu das! Es ist ja sehr überschaubar hier. Heimatgeschichten im direkten Sinn wirst Du jedoch keine finden, darum ging’s mir ja, als ich den Text verfaßt habe. Ich hoffe, ich kann Dich trotzdem gut unterhalten!

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