Wo die Wilden Wichtel wohnen

Wichtelhaus 01

„Wie Afrika!“

Es war an einem sonnigen Oktobertag im vorletzten Herbst, an einem Sonntag, einem dieser Tage, da Papa, noch erschöpft von der Woche, auf der Couch herumlümmelte und sich länger als nötig mit seinem – längst kalt gewordenen – Milchkaffee beschäftigte. Einer dieser frühen Nachmittage, da niemandem etwas rechtes einfiel, aber alle etwas machen wollten – außer Papa – und ein unterschwelliges Maulen zu hören war. Da geschah es wieder einmal, daß Papa von der Couch aufsprang, in die Hände klatschte und „So!“ rief.

Das war so eine Sache mit diesem „So!“, denn es schaffte mit zwei Buchstaben und einem Satzzeichen mehrere Dinge auf einmal: Es konstatierte gleichzeitig „genug herumgelümmelt“ und „Herumlümmeln macht dick und blöde“ – worin Papa ein Experte war, denn ihm fielen ja nicht nur die Haare aus, er schleppte ja auch diesen Bauch mit sich herum –, teilte der Brut mit „Ihr geht mir unheimlich auf die Nerven, aber da ihr unfähig seid, euch eine Beschäftigung zu suchen, weil es euch an Phantasie und Initiative mangelt, zeige ich euch mal, wie wir das früher gemacht haben!“, was die Brut regelmäßig mit einem langgezogenen „Och nöö…“ quittierte, und gab in väterlich-stenografischer Kürze den Befehl „Anziehen! Proviant einpacken! Taschentücher nicht vergessen! Jacke/Schuhe an! Los!“, stellte also in gewisser Hinsicht eine Zäsur dar, zwischen dem verdient langatmigen Sonntagsfrühstück und dem sonntagnachmittäglichen Einfangen von Sonnenstrahlen, das ja zuvörderst einen Zweck hatte, nämlich, das schlechte Gewissen zu vertreiben:
„Da hätten wir Sonne gehabt, sind aber nicht rausgegangen, weil …“

Papas „So!“ klang noch eine Weile nach, so lange zumindest, bis alle auf den Rädern saßen und rollten. In diesen Minuten dachte Papa fieberhaft nach, denn die Frage nach dem Ziel der Unternehmung würde unweigerlich gestellt werden. Als dann das erste fragende „Papaa…?“ ertönte, antwortete er wie aus der Pistole geschossen:
„In den Wald! Wir fahren in den Wald.“
„Och nöö…“
„Ruhe jetzt! Los, ihr kennt den Weg, und paßt auf den Verkehr auf!“
Wie immer in solchen Momenten dachte Papa dann an seine Bargeldreserven und zählte im Stillen alle Gelegenheiten auf, diese loszuwerden und einzutauschen gegen kalorienreiche Trostpflaster: Imbißbuden, Eiscafés, Ausflugslokale, Konditoreien – alles war ihm recht, der Brut um so mehr, als sie ihren Anteil erhalten würde. Zuerst aber wechselten sie auf einen Waldweg, kurvten im Slalom um Spaziergänger und Hunde herum und bogen schließlich in einen holperigen Weg ein, der nirgendwo hinführte und sich im Nichts verlor wie ein Bach, der allmählich im Boden versickert. Schwer zu sagen, wo er endete: diesseits sah man noch die Spuren, die die hüttenbauenden und picknickenden Kindergartengruppen wochentags hinterlassen hatten, jenseits davon war nichts zu sehen als irrlichterndes Grün, durchsetzt mit rotgolden glitzerndem Herbstnachmittagslicht, eine raschelnde Wand, unmöglich zu sagen, wie tief sie reichte.

„Schließt die Räder ab, wir gehen zu Fuß weiter.“
Klar, vor allem bei den Omis mit den Walkingstöcken, die den Hauptweg bevölkerten, konnte man nie wissen, was sie im Schilde führten, aber die waren jetzt weit weg und würden sich sicher niemals ins Unterholz verirren …
„Die klaut doch keiner“, sagte der Große.
„Schließt ab! Man kann nie wissen, vor allem hier nicht.“
„Wieso?“ piepst die kleine blonde Prinzessin vom Kindersitz. „Was ist denn hier?“
„Keine Ahnung“, sagte Papa, „aber wir müssen uns in acht nehmen!“
Natürlich widerfuhr weder Papa noch der Brut ein Leid, doch aus unerfindlichen Gründen wagten sie es nicht, laut zu reden, als sie unter tiefhängenden Ästen hindurch tiefer in das Dickicht vordrangen. Flüsternd machten sie sich auf seltsame Entdeckungen aufmerksam: zerfallende Baumstämme, lustig aussehende Pilze, Tierspuren …
„Sehen aus wie Hundepfoten“, meinte der Naseweis.
„Unsinn! Viel zu klein! Das waren Wölfe!“ sagte Papa in dem durchsichtigen Versuch, den Spaziergang etwas stimmungsvoller zu gestalten.
… und natürlich jede Menge Käfer, Hundertfüßler, Schnecken, Maden, Würmer und was sonst noch so unter dem Laub krabbelt und raschelt. Eigentlich eine spannende Sache, doch da sich niemand wirklich damit auskannte, endete jede Frage nach Gattung und Art mit wilden Mutmaßungen oder schlicht einem Schulterzucken.

Waldwichtel 02

Bloß ein Baumstumpf

Daß sie das Wichtelhaus an diesem Nachmittag überhaupt fanden, war der kleinen blonden Prinzessin zu verdanken, die unvermittelt nach vorne zeigte und fragte:
„Wer wohnt da?“
Die übrigen sahen nichts. So sehr sie sich auch bemühten, in der Richtung, in die die Prinzessin zeigte, lag bloß ein verrottender Baumstumpf. Da drehte Papa mehrmals den Kopf, verdrehte die Augen und machte komische Geräusche.
„Papa? Was machst Du?“ fragte der Große.
Papa knurrte bloß und zog einen kleinen Fotoapparat aus der Tasche.
„Damit erwische ich sie!“ zischte er, drehte den Kopf weg von dem Baumstumpf und hielt stattdessen den Fotoapparat in die Richtung. Neugierig drängten sich alle an ihn heran, um einen Blick auf das Display zu erhaschen, und wirklich: da war etwas zu sehen, ein dunkler Schemen, der wesentlich größer war als der Baumstumpf.
„Wie Afrika!“ rief der Naseweis.
„Kinder“, sagte Papa in diesem Ton, den er immer auflegt, wenn er etwas ganz besonders wichtiges verkünden möchte. „Kinder, da ist was! Ich hab’ es erst nicht gesehen, aber ich glaube, ich weiß, was wir tun müssen, um es zu sehen!“
„Was denn?“ fragte der Große nölend und langgezogen.
„Wir müssen daran vorbeisehen! Also fast, dann können wir es sehen“, sagte Papa eifrig. „Probiert es mal aus!“
Er hatte recht: Als sie langsam auf den Baumstumpf zu stapften und immer ein wenig an ihm vorbeisahen, schälte sich langsam ein Bild aus dem Grün und Braun heraus, das sie in ihren Augenwinkeln sahen. Es war klein, sehr klein, doch ihnen wurde klar, daß es etwas besonderes sein mußte, denn jemand hatte einen Zaun darum herum gebaut und wer baut schon einen Zaun um einen Baumstumpf?
„Es ist keiner zuhause“, sagte die kleine blonde Prinzessin enttäuscht.

Waldwichtel 03

Da war doch dieser Zaun …

Es war ein Wichtelhaus. Was sollte es sonst sein? Papa zählte an den Fingern die in Frage kommenden Bewohner ab und schloß sie aus, weil sie allesamt zu groß waren – Zwerge, Hobbits, Kobolde, Rumpelwichte – und blieb schließlich bei den Waldwichteln hängen.
„Was sind Waldwichtel?“ fragte die kleine blonde Prinzessin.
„Waldwichtel, äh … leben im Wald und kümmern sich um alles“, antwortete Papa. „Sie sind sehr klein – siehst Du ja an dem Haus – und sie können Menschen nicht leiden, weil … Menschen machen Lärm und alles kaputt.“
Und wirklich: Jetzt, da sie genauer hinsehen konnten, sah das Wichtelhaus in der Tat ziemlich ramponiert aus, als sei jemand darüber gestolpert – es schien tatsächlich bloß ein Baumstumpf zu sein. Aber, nein, sie hatten doch den Zaun gesehen, also …
„Wir können es doch heile machen!“ sagte der Naseweis.
„Hm …“ machte Papa. „Ich denke, das können wir.“
Also gingen sie daran, das Wichtelhaus wieder herzurichten. Schließlich war es schon Oktober, bald würde der Winter kommen und da mußte doch alles gerichtet sein …

Waldwichtel 04

Die Sonnenterrasse

Waldwichtel 05

Blick über den Zaun

Waldwichtel 06

Waldwichtelsolarpanels

Waldwichtel 07

Luxuriöses Schlafzimmer

Langsam wurde es Abend, letzte Sonnenstrahlen tasteten sich durch das lichter werdende Blätterdach und lösten die Konturen des Waldes in huschende Schemen auf.
„Wir sollten nach Hause gehen“, sagte Papa, „sie kommen sicher bald zurück.“
Zufrieden klopfte sich der Große den Dreck von den Händen – er hatte einen Bannkreis gegen Hunde gezogen –, der Naseweis rückte noch ein paar Bauteile zurecht und Papa wußte mittlerweile, was er tun mußte, um ein einigermaßen scharfes Foto von dem Wichtelhaus zu machen. Nur die kleine blonde Prinzessin war traurig.
„Aber was ist im Winter? Geht dann nicht alles kaputt, wenn so viel Schnee draufliegt?“
„Keine Sorge, mein Schatz“, sagte Papa, „die Wichtel sind viel kräftiger als sie aussehen, die bringen das wieder in Ordnung, wenn mal was umfällt.“
„Woher weißt du das?“
„Hallo? Wenn sie nicht so kräftig wären, könnten sie sich schließlich nicht um einen ganzen Wald kümmern, oder?“
Das war logisch und die kleine blonde Prinzessin willigte nun ein, nach Hause zu fahren.
Nur eine Sache ließ Papa keine Ruhe: Was machten die Wichtel wohl mit den Eicheln hinter ihrem Haus? Und woher hatten sie die Muscheln, die vor ihrem Schlafzimmer lagen? Das würden sie ein anderes Mal herausfinden müssen.

Waldwichtel 08

Was machen die Waldwichtel mit den Eicheln?

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Journal und getaggt mit , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Wo die Wilden Wichtel wohnen

  1. Kyr sagt:

    „Wir müssen daran vorbeisehen! Also fast, dann können wir es sehen.“

    Das sind keine Waldwichtel. Die Dinger sind irgendwann schon mal von Alan Dean Foster beschrieben worden. Man sieht sie immer nur als kleine schwarze Dinger, gerade am Rande des Sichtfeldes. IIRC nannte er sie (in der dt. Übersetzung) Gnitchies.

  2. Brigitte sagt:

    Hm, es ist ja jetzt Frühling (theoretisch, außer in Berlin…) da kann man sicher vorbei und nachschauen, ob die Wichtel den Winter gut überstanden haben ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>