Stealing Beauty – die elektrische
Audrey Hepburn

Electric Audrey

Eine Küstenstraße bei Amalfi. Eine wunderschöne junge Frau ist unterwegs mit dem Bus, sie liebäugelt mit einem Stück leckerer Schokolade, da wird die Fahrt jäh unterbrochen: ein Gemüsehändler hat seine Ladung verloren, nun wird heftig gestritten. Neben dem Bus hält ein gutaussehender junger Mann in einem schicken Cabriolet, lächelt die junge Frau an und läd sie ein, mit ihm zu fahren. Kurzentschlossen willigt sie ein, steigt aus dem Bus, stibitzt dem verblüfften Busfahrer die Dienstmütze, setzt sie dem jungen Mann auf den Kopf und nimmt auf der Rückbank des Cabriolets Platz. Sie fahren los – endlich kann sie ihre Schokolade genießen.

Die junge Frau ist Audrey Hepburn, von uns gegangen im Jahr 1993. Wie ist es möglich, daß sie jetzt Werbung für Schokolade macht?

Die neue, junge Audrey kommt aus dem Computer und das zu erkennen gelingt erst auf den zweiten Blick. Wir wissen längst, daß Animationen nicht gewollt kantig daherkommen müssen wie in „Star Wars: The Clone Wars“ zum Beispiel. Der verjüngte Arnold Schwarzenegger in „Terminator Salvation“ sah schon sehr lebensähnlich aus, doch bei näherem Hinsehen war die Computersimulation noch nicht hundertprozentig überzeugend. Diese Audrey ist es auch nicht: der Teint ist eine Spur zu glatt, die Augen ein bißchen zu groß, feine Nuancen in den Bewegungen fehlen – in der Summe aber ein verblüffend lebensechtes Bild, ein Triumph der Technik. Und doch gibt es beim Betrachten einen schmerzhaften Stich.

Audrey Hepburn hat Millionen verzaubert. Noch im Alter umgab sie ein unantastbarer Nimbus von Würde und Schönheit. Meine erste Begegnung mit ihr war jedoch nicht ihre berühmte Darstellung der Holly Golightly in „Breakfast at Tiffany’s“, sondern die reifere Marian an der Seite von Sean Connery in Lesters „Robin and Marian“ von 1976. Und obwohl mich die sentimentalen Anteile der Geschichte in dieser Zeit mangels Reife eher peinlich berührten, der Aura dieser Darstellung konnte ich mich nicht entziehen.

Wie wunderbar, daß man die jugendliche Audrey mit dem Computer zurück ins Leben holen kann, sagen viele. Endlich kann Audrey auf dem Höhepunkt ihrer Strahlkraft, in voller Schönheit und Anmut gezeigt werden. Stimmt das denn? Und was ist daran wunderbar?

Mal ganz davon abgesehen, daß die Technik eben nicht vollkommen ist und die fraktale Tiefe menschlicher Ausdrucksformen ohne die zugrundeliegende Gefühlswelt nicht überzeugend simuliert werden kann, schafft man auf diesem Weg bloß ein flaches Abziehbild, eine Momentaufnahme, nimmt den flüchtigen Eindruck von Schönheit und rührt damit für ein paar Sekunden an ein Gefühl im Zuschauer, das ihn verletzlich macht. Wer könnte dieser rehäugigen, bezaubernden Elfe etwas abschlagen? Hinter den Kulissen läuft die Imagetransfer-Maschine auf vollen Touren und schaufelt Adel und Anmut ins Markenportfolio.

Seit bald einem Vierteljahrhundert bestreite ich in dieser oder jener Form mit Werbung meinen Lebensunterhalt. In dieser Zeit sind zwei Überzeugungen in mir herangereift. Erstens: das Streben nach der maximal effizienten Werbung ist eine Verletzung der Zuschauerinteressen und kultureller Flurschaden – lieber den angreifbaren schwarzen Humor anglophoner Werbung als die aufdringliche Langeweile Marke Henkel oder die Schöne Neue Dumme Welt Marke Ferrero. Zweitens: Werbung muß nicht alles machen, was man machen kann, nur weil es cool ist, daß man es kann. Auch Werbung darf Sachen sein lassen und damit Souveränität beweisen. Man muß nicht auch noch die letzte Ikone profanisieren, um schnelles Geld zu machen. Die elektrische Audrey ist bloßer Diebstahl an der Schönheit, billige Ausbeutung eines vielschichtigen Menschenlebens.

Audrey Hepburn ist tot. Wenn ich mir Bilder von ihr anschaue, die sie von ihrer Jugend bis zu ihren letzten Jahren zeigen, höre ich die Stimmen derer, die den Verlust der Schönheit beklagen. Automatisch denke ich an die Milliarden, die mit verjüngender Kosmetik umgesetzt werden und ein wenig bedaure ich das. Wieso soll man das Älterwerden beklagen? Es ist doch eine faszinierende Sache zu beobachten, wie sich das Leben Schicht um Schicht auf die Gesichter legt. August Sanders Portraits der einfachen Leute aus der Zwischenkriegszeit sind wie eine Tür, die sich in die Welt hinaus öffnet. Legt man die Schablonen der normierten Schönheit daneben, die das Gros unserer Bildwelten dominieren, wird offensichtlich, wie sehr das Menschsein verarmt, wenn man seine Darstellung dem editorial design der Magazine und der Werbephotographie überläßt.

Die Bildermacher ignorieren, wieviel Jugend im Alter steckt (wenn sie nicht gerade Bertolli-Spots drehen) und belasten das Bild von der Jugend mit so viel Ignoranz, daß ihre Weisheit, ihr unverstellter Blick oft auf der Strecke bleibt. Und nicht nur das: das Verhehlen des Alterns schürt die Angst davor und macht es unmöglich, die Gewinne zu sehen, die damit verbunden sind.

Audreys Söhne waren einverstanden, daß ihre tote Mutter als Aushängeschild für Schokolade benutzt wird. Diese Grenze hätte nicht überschritten werden dürfen.

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4 Antworten auf Stealing Beauty – die elektrische
Audrey Hepburn

  1. Capta sagt:

    Wieso man das Älterwerden beklagen soll? Diese Frage euphemistisch mit “Es ist doch eine faszinierende Sache zu beobachten, wie sich das Leben Schicht um Schicht auf die Gesichter legt.” zu beantworten, geht an der Sache doch wohl völlig vorbei. Schon Buddha wusste vor 2500 Jahren: Alter ist Leiden.

  2. Kart O'Graph sagt:

    “Meine erste Begegnung mit ihr” – ?

  3. Gemeint ist natürlich eine Begegnung zwischen einem Betrachter und einer Figur auf der Leinwand/auf dem Fernsehschirm.

  4. Fantasio sagt:

    Erst mal vorab muss ich sagen das dies einer der wenigen deutschen Blog Posts ist die ich seit langem zu Ende gelesen habe, ich finde es schade das sich so wenige kritisch mit ihrem Weltbild auseinandersetzen und die Dinge in Frage stellen. Die anderen Kommentatoren die hier Ihren Senf gelassen haben, sind entweder opfer der schönen Markenwelt, oder haben noch nicht ihr eigenes Weltbild entwickelt, von einer eigenen Meinung ganz zu schweigen, aber das sind die Deutschen, eine Mentalität wie Krupp-Stahl, träge Schwer und zu nichts zu gebrauchen…sorry.
    Was den Inhalt angeht, respektiere ich diese Meinung voll und ganz aber denke es wäre in Ordnung gewesen sie “wieder zu beleben”, wenn es sich dabei um einen Niveauvollen Kurzfilm -mit Aussage, handeln würde. So lässt es relativ starke Rückschlüsse auf die finanzielle Situation der Familie zu, die ja wohl nicht ablehnen konnte…

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