Reprise: Die Grauen Herren

Klaus Schwab

Klaus Schwab in Davos, 2008 (Foto: World Economic Forum, Remy Steinegger, CC BY-SA 2.0)


1. Februar 2002:
Dieser Tage treffen sich die Reichen und Mächtigen dieser Welt, um über das weitere Schicksal ihrer Geschäfte zu beraten. Sie nennen es Weltwirtschaftsforum und eigentlich feiern sie sich alljährlich im winterlich geschmückten Davos. Doch wir leben in der Zeit nach dem 11. September 2001; da versammelt sich die wirtschaftliche Elite in New York, wo sie und ihre Symbole im Herzen getroffen wurden.

Initiator der finanzstarken Herrenrunde ist der 63jährige Klaus Martin Schwab, über den seit der Gründung des Forums im Jahre 1971 die widersprüchlichsten Einschätzungen kursieren: „Chefideologe des Turbokapitalismus“ ist er in den Augen der Globalisierungsgegner von ATTAC, ein „sozial engagierter Professor, der das Weltwirtschaftsforum gründete, um den Zustand der Welt zu verbessern“ sei er, sagen seine Pressesprecher. Was aber sagt er selbst?

„Never loose time!“ ist sein atemloser Wahlspruch. Deshalb muß sogar sein Frühsport mehrfachen Nutzen bringen: eine halbe Stunde schwimmt er morgens auf der Stelle in einem Strömungsbecken und sieht dabei fern, vorzugsweise CNN. Abgetrocknet bietet er dieses Bild: Glatze, Anzug, mürrischer Blick. Männer dieser Anmutung, mit diesem Wahlspruch auf den Lippen hat der 1995 verstorbene Michael Ende gemeint, als er 1972 „Momo“ schrieb, die Parabel vom unschuldigen Kind, das gegen die zahllosen Agenten der „Zeitsparkasse“ antritt, gegen die Grauen Herren.

Der Graue Herr Schwab ist unter seinesgleichen so beliebt, daß noch kaum jemand seine Einladungen abgelehnt hat. Woran liegt das? Der Greenpeace-Mann Thilo Bode wird so zitiert: „Eine UN-Vollversammlung ähnelt im Vergleich zu Davos einem Gemeindeparlament.“ Das Weltwirtschaftsforum kann kaum verhehlen, die realen Machtverhältnisse abzubilden: Mitglied werden Unternehmen ab einem Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar; sie treffen sich mit Konkurrenten oder bilden Kartelle. Politiker sind dankbar, diese diskrete Bühne mit nutzen zu dürfen: Arafat traf sich mit Peres, Kohl verhandelte mit Modrow, und der Russe Primakow diskutierte das Schicksal des Kurdenführers Öcalan gar mit Vertretern des Öl-Multis Chevron.

Euro, Dollar, FrankenMichael Endes Graue Herren versprachen den Menschen eine goldene Zukunft, wenn sie nur in der Gegenwart keine Zeit verschwenden würden. Zeitverschwendung ist alles, was nicht dem Geschäft dient. Das sieht Klaus „Never loose time!“ Schwab genauso und mit ihm ein Heer von Anzugträgern, das Bataillon der Globalisierung. Ihnen gegenüber stehen keine Kinder, sondern das unbotmäßige Jungvolk der Nichtregierungs-Organisationen, versammelt unter dem Dach von ATTAC, „Globalisierungsgegner“ in der Diktion der Medien, „Chaoten“, „Krawallmacher“ oder „Störer“ für Schwab und die Seinen. In New York werden sie schon aus Pietätsgründen still und brav bleiben, hofft man dort. Sicherheitshalber wurde das ohnehin gigantische Polizeiaufgebot verstärkt. Offen erklärte Zielsetzung: „möglichst viele Verhaftungen vornehmen“.

Die Welt hat es in Michael Endes Geschichte leichter: dort genügen die Macht der Phantasie und die Liebe des zerlumpten Straßenkindes Momo, die Herrschaft der Grauen Herren zu beenden. Solange sich die Menschen nicht vorstellen können, daß jeder von ihnen ein Stück dieser Macht in sich trägt, werden sie verharren und weiter auf Erlösung warten.

(Zur Zeit findet in Davos das Weltwirtschaftsforum 2013 statt. Als ich mich anschickte, meine Meinung dazu niederzuschreiben, stellte ich fest, daß sich meine diesbezüglichen Gedanken seit 2002 nicht geändert haben. Darum präsentiere ich diesen Text erneut, der 2002 auf meiner damaligen Webseite veröffentlicht wurde – eine gute Gelegenheit, einen Fehler zu korrigieren: irrtümlicherweise hatte ich Klaus Schwab damals Charles genannt. Soweit ich weiß, ist der US-Milliardär Schwab jedoch nicht mit dem deutschen Wirtschaftsprofessor Schwab verwandt.)

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Eine Antwort auf Reprise: Die Grauen Herren

  1. Andreas sagt:

    Danke für den aufschlussreichen Text. :)
    Jetzt habe ich aber keine Zeit mehr, ich muss rumgammeln.

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