Der Wanderer

Hohenzollernring A

Ostern 1991

Unter trübem Himmel einen grauen Stein in die trübe Donau werfen und sehen, wie sie den Wirbel rasch verschlingt, sich umdrehen und die grauen Häuser betrachten, wie sie dastehen, aus dem Vollen gemeißelt, halbfertige Skulpturen, stehengelassen hundert Jahre zuvor, nun ohne endgültige Form und ohne Farbe, nur groß und breit. Durch die Straßen laufen und mit der Bahn fahren, mit Bedacht ganz stumm, in dem Wissen, daß allein die Sprache schon ein Brandmal ist, als hätten ihre Großeltern ’38 nicht gejubelt. Schlimmer dran sein als der kamerabehängte Fremdsprachige, der in seinem Nichtverstehen ruhen kann wie in einer schützenden Höhle, lächelnd, begeistert oder gleichgültig, ganz nach Belieben.

Mich nach Wien geschickt zu haben könnte ich einem anlasten, wenn es ihn gäbe, fortgeschickt vom Leben und alldem, fort von Freude und Tränen und Hoffnung, gepeinigt und dann fortgeschickt, mit abgeschnittener Zunge und das Blut voll Drogen und Tinkturen, die aus jedem Lächeln eine Grimasse, aus jeder Geste ein hilfloses Zucken, aus jedem Wort eine Parodie machen. Mich verbannt, mich Berge zu schauen geheißen, auf daß ich wahre Größe erkennen lerne. Mich denken geheißen, mich in die Kälte geschickt. Die Augen brennend vom Weiß der Gipfel, der Körper geschüttelt von der Heimtücke des Nebels, und Schnee im Gesicht, den Schnee, den nassen, das Leichentuch, das taube.

Aufwachen. Mühsam aufwachen, die Schmerzen der Expedition im Kreuz und keine Pläne im Sinn, ausgenommen den Blick in eine verhüllte Zukunft.

Hohenzollernring B

Der Wanderer bin ich, einer jener gewöhnlichen Menschen, die ein unauffälliges Leben führen und sich von Pilzen und Bucheckern ernähren, wenn sie auf ihre ziellosen Reisen gehen, wenn sich alles erschöpft hat. Ein Geständnis, daß ich dann einfach stehenbleibe und die Menschen mit zusammengekniffenen Augen betrachte, als seien sie unfaßbar fremdartige Gemälde oder Fotografien eines mutigern Kriegsberichters.

Stehe ich also irgendwo in den verwinkelten Gegenden Österreichs auf einem Parkplatz an der Autobahn, schüttele die durchfrorenen Glieder in der Ledermontur und genieße die aufkommende Dämmerung, die hinter schneeschwangeren Wolken hervorlugt, wissend, daß ich in eine eisige Nacht fahren werde. Neben mir ein champagnerfarbener Rolls aus Augsburg – ganz kurzes Kennzeichen: A irgendwas eins. Ob’s nicht kalt sei? fragt der vom Wohlstand aufgeschwemmte Fahrer, brillantverzierten Goldrand auf der Nase, den Wanst halb in karierten Golfhosen versteckt. Wo denn die zweiradfahrenden Kollegen seien? will er noch wissen. Sind nicht hart genug, antworte ich. Nutze den Augenblick seines Respektes vor der eisenfressenden Jugend und kassiere Trinkgeld für heißen Kaffee.

Hohenzollernring C

Die Träume von Zypressen, von Abendkühle über norditalienischen Ebenen, die Hitze vergessend, die tags alles umfängt. Dann habe ich Geheimnisse im Kopf, die selbst ich nicht enträtseln kann, Rätsel, die ich schmerzlich liebe, so sehr, daß ich meine Hände schützend über sie halte, damit der Staub, der sie bedeckt, nicht fortgeblasen wird. Letzte Kleinodien. Dreck, der weniger stinkt als anderer Dreck.

Das, das wehtut während der Wanderschaft: die Rückkehr von den Traumpfaden auf die nassen Straßen, wo man sich die Knie wundschlägt, wenn man hinfällt und das Blut ist echtes Blut. Und der Wind in den Augen, kein hehres Fauchen, sondern schneidendscharf, daß es mir Tränen in die Augen treibt. Wie es eben ist.

Der Marsch ist lang, der Straßen sind es viele. Darf ich dann endlich heimwärts fahren, wird’s ein Hasten und ein Rennen, einzig das Ziel im Kopf und kaum ein Blick für das, das neben der Straße liegt. In die Nacht hinein, nach Stern und Mond, der nachts zuvor noch voll war und ziellos zieht an jedem Knochen. Den letzten Hügel überwunden, von Heimatklängen heimgesucht, der erste Blick auf die leuchtende Stadt, den großen, alten Dom: im Lampenlicht ein grünlich schimmerndender Koloß, ergrauter Großvater inmitten seiner Nachkommen, Patron und Protektor, stark und schwach. Und ich versammle mich um ihn, bin nicht mehr Blatt im Wind, bin wieder Mauerstein.

Hohenzollernring D

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Journal und getaggt mit , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>