Auf Schienen durch den Winter

Salsa Las Cruces mit Spikereifen

Erstaunlich schlank, aber auf nacktem Asphalt fürchterlich laut: Spikereifen

Manchmal muß man nicht viele Worte machen: Ich liebe jetzt Spikereifen! Von profillosen Rennradpneus bis zu grobstolligen Crossreifen für morastigen Untergrund bin ich im Winter schon alles gefahren. Letztere machen im Wald beim Driften auf Lockerschnee den allermeisten Spaß, aber wenn der Weg zur Arbeit mit Eisplacken gepflastert ist, richten die Stollen auch nichts mehr aus. Dann ist Bahnfahren angesagt, die Form ist dahin, die Gesundheit auch und die Laune gleich mit.

Dabei habe ich schon seit Jahren darüber nachgedacht, Spikereifen zu kaufen. Leider ist die Auswahl nicht sehr groß, zumal in 700C und wenn es maximal 35 mm Breite sein dürfen – da reduziert sich das auf ein einziges Modell, den Marathon Winter von Schwalbe (wenn man nach dieser Winterreifen-Übersicht bei Komponentix geht). 2009 wollte ich sie kaufen, im Herbst, doch da waren sie schon überall vergriffen, genau wie ein Jahr darauf. 2011 war ich klüger und bestellte sie im Sommer, damals für ca. 39 Euro das Stück. Gebraucht habe ich sie dann nicht. Erst jetzt kommen sie endlich zum Einsatz.

Erster Schock: das Gewicht. Die Marathon Winter in 700x35C haben 240 Wolframkarbid-Spikes pro Stück und wiegen je ca. 950 Gramm. Zusammen mit den dickeren Schläuchen macht das ein Mehrgewicht von anderthalb Kilo! Nimmt man den enormen Rollwiderstand, bedingt durch niedrigen Reifendruck und die subjektiv klebrige Gummimischung, dazu, ist das, als würde man eine Wand hochfahren – verglichen mit dem leichtgewichtigen Rennrad-Setup, das ich sonst fahre. Und es ist laut!

Sobald es winterlich wird, nimmt man das alles sehr gern in Kauf: Glätte, Eis, dünner Neuschnee, festgefahrene Schneedecke, Schneematsch oder Kombinationen davon verlieren ihren Schrecken. Man fährt wie auf Schienen. Und egal, was ich versuche, Vollbremsungen, Schlenker, Kurven: ich habe immer Grip! Im hohen Schnee ist dann bald Schluß, denn der Negativanteil des relativ flachen Profils ist nicht sehr groß, da schwänzelt das Rad wie in der Sandgrube. Und auf verharschten Spuren vom Vortag wünscht man sich dann doch grobstollige Geländereifen. Abgesehen davon kann ich den Reifen jedem Ganzjahrespendler empfehlen. Reflexstreifen hat er auch, was will man mehr?

Schwalbe empfiehlt 2,5–6 Bar Druck, ich fahre ihn zur Zeit mit 3 Bar und komme auf frischem Schnee gut zurecht. Mehr Druck würde den Lärm etwas reduzieren, weil die äußeren Spikereihen nicht ständig Bodenkontakt haben – damit hat man bei Frost ohne Neuschnee noch eine Option offen.

Spikereifen

Schwalbe Marathon Winter: in dieser Größe (700x35C) mit 240 Wolframkarbid-Spikes, Reifengewicht: 950 Gramm

Für gemütliche Radler, die darauf verzichten können, größere Schräglagen auf Eis zu fahren, gibt es jetzt den Schwalbe Winter. Der hat nur halb so viele Spikes und es gibt ihn auch mit 30 mm Breite, was ihn 150 Gramm leichter macht. Aber für das Sicherheitsplus nehme ich gern das zusätzliche Kraftausdauertraining in Kauf. Radfahren im Winter macht übrigens Laune, wenn man erstmal alles angezogen hat und die Fuhre rollt. Das wissen nicht nur die Icebiker

P.S.: Ein zweiter Laufradsatz ist eine sinnvolle Investition. Dann kann man morgens schnell zum leichten Satz wechseln, falls es doch mal trocken sein sollte.

Salsa Las Cruces im Schnee

Commuter’s Delight

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Radfahren und getaggt mit , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten auf Auf Schienen durch den Winter

  1. Andreas sagt:

    Das liest sich ja wirklich interessant. Ich dachte, man dürfte mit Spikes gar nicht im Straßenverkehr unterwegs sein?

    Wie schützt du eigentlich, ohne Schutzbleche u.a. deine Kette und dein Getriebe vor dem Salz und dem Schnee?

  2. Das Spike-Verbot bezieht sich nur auf motorgetriebene Fahrzeuge. Ein Pedelec z.B. dürfte noch Spikereifen haben, ein E-Bike mit Versicherungskennzeichen schon nicht mehr.

    Den Antrieb spüle ich regelmäßig ab und die Kette muß halt gut gefettet werden. Siehe auch hier: „10.000 km später…“

  3. Andreas sagt:

    Mit dem Kettenschutz schein ich auf Kriegsfuss zu stehen. Und mit dem säubern auch. :)

    Man hat mir eine Kettenschutzflüssigkeit verkauft, die die Kette umfassend schützen soll. Kleines Fläschchen, 7 Euro. Zwei Tage später war die Kette wieder trocken und rostig. :(

  4. In der warmen Jahreszeit kann man nach dem Reinigen und Entfetten synthetische Kettenschmierstoffe verwenden, die nach dem Ablüften eine trockene Oberfläche haben. Da bleibt wenig Schmutz haften. Läßt sich im Laden super präsentieren! Damit kann man den Kunden ganz schnell das Geld aus der Tasche ziehen …

    Im Winter taugt so ein Kettenwachs gar nichts, das wird ratzfatz runtergewaschen und -geschmirgelt. Da braucht man ein hochviskoses Kettenöl, das an der Kette klebenbleibt. Natürlich muß man da öfter putzen, aber das zahlt sich aus. Dauert morgens zwei Minuten: Kette durch ein Küchentuch laufen lassen, dann Öl auftragen, ein bißchen durchdrehen, überschüssiges Öl mit Küchentuch abwischen, fertig.

    Ich verwende zur Zeit Finish Line Keramik-Kettenöl im Winter und Keramik-Wachsschmiermittel im Sommer, aber es gibt zahlreiche andere, die was taugen.

    Wichtig ist, daß Du gelegentlich den Sand rausholst. Ich bin da gnadenlos und halte von oben den Hochdruckreiniger drauf und drehe immer ein Stück weiter. Danach mit ’ner ollen Bürste Entfetter einreiben und nochmal die Düse draufhalten. Trocknen und neu fetten.

    Wenn Du nichts mehr hörst beim Fahren, hast Du’s richtig gemacht.

  5. Andreas sagt:

    Ich befürchte, ich bin da ein Schlumel. Bei mir rostet die Kette (3/4Jahr alt) bereits vor sich hin. Täglich erneuern??? Das war mir gar nicht so bewusst.
    Leider habe ich keinen Hochdruckreiniger. Aber das sollte man sich wohl als Fahrradfahrer anschaffen, was?
    Das Kettenöl besorge ich mir. Im Moment rattert es die ganze Zeit… das liegt aber auch daran, dass ich nicht die Geduld hatte, die Gangschaltung fein einzustellen, nachdem ich den Zug erneuert hatte … naja.

  6. Täglich muß nicht sein, aber bei Nässe und Dreck im Winter ist gelegentliches Abwischen und Nachschmieren schon ein Muß. Mein Hochdruckreiniger steht übrigens an der Tankstelle um die Ecke …

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>