Schreiben in einer geteilten Welt –
Steinkreis 232

Steinkreis 232

Von der Höhe des Dyfedpasses aus eröffnete sich ein erster Blick hinunter in das Tiefland Mor th’ Arras – das Kornmeer. Obwohl die Ebene flach aussah, würde man unten oft nur bis zur nächsten Wegbiegung blicken können. Von hier oben betrachtet jedoch erstreckte sich das Mor th’ Arras bis zum Horizont. Weich wellten sich langgestreckte Hügel; lehmbraune Felder und kleine Ansiedlungen wechselten sich mit Flecken von winterkahlem Laubwald ab. Von Est her schob sich breit der Braune Fluss, der Afon Donn, durch die Ebene. Diesem verdankte das Mor th’ Arras seinen fruchtbaren Boden, denn der Fluss brachte jedes Frühjahr neuen gehaltreichen Schlamm aus dem Clynog Fawr. Zum Endlosen Ozean hin hatte der Afon Donn ein breites Delta gebildet. Laufend versandeten die Mündungsarme des Flusses, immer wieder suchten sich die Wasser neue Wege. Im Herbst und Winter fegten Stürme das Meer über die flache Küste bis tief ins Landesinnere. So war das Delta eine salzige Sumpflandschaft, in der sich nur die Einheimischen in flachen Rindenbooten zurechtfanden.

Das Kornmeer werdet ihr auf keiner Landkarte der Erde finden, denn das liegt im Land Tir Thuatha, auf dem Kontinent Ageniron, der wiederum auf der Alten Welt von Magira zu finden ist. Das ist so weit weg, da werden wir niemals hinkommen, und doch liegt es gleich um die Ecke, wenn auch nur in den Köpfen derer, die seit bald 50 Jahren die Phantasiewelt Magira gestalten.
Der Ausschnitt stammt aus der Erzählung „Neun für Nemhedhainn“ von Gudrun Fischer und ist ein ganz typisches Beispiel für die Art Literatur, die bei der Gestaltung einer shared world entsteht: Länder werden ausgeschmückt, Namen erdacht, Figuren modelliert und mit Leben erfüllt.

Schreiben in einer Welt, die man mit anderen teilt, ist etwas ganz Alltägliches, unsere ganze Literatur funktioniert so, Fiktion ist Unterhaltung und Vehikel, Werkzeug und Ausdrucksform, sie dient der Kommunikation und kann Kunst sein. Schreiben in einer erfundenen Welt fügt die Aufgabe hinzu, eine Bühne für die Geschichten zu bauen. Die Autoren von speculative fiction nennen diesen Prozeß „Worldbuilding“ und mittlerweile finden sich im Netz neben den üblichen Schreibratgebern auch solche, die angehenden Literaten beim Weltenbau unter die Arme greifen.

Die „Fellowship Of the Lords of the Lands Of Wonder“, kurz Follow, vereint Hunderte von Weltenbauern unter einem Dach, die seit 1966 eine unschätzbare Menge an Material zusammengetragen haben, originelles und weniger originelles, phantastisches, banales, oberflächliches oder wissenschaftlich fundiertes. „Enzy“ nennen sie es kurz, wenn sie über die detaillierten Kulturbeschreibungen sprechen, die so entstanden sind. Es gibt geschriebene und ungeschriebene Regeln zum Umgang mit Enzy, manche geben sich große Mühe, ältere Entwürfe zu respektieren, andere lassen lange Vergessenes ruhen und fügen eine neue Schicht Farbe hinzu.

Das Stammkönigreich Tir Nemhedhainn wurde schon in den frühen 80er Jahren beschrieben und danach immer wieder. Von jedem Entwurf sind Details und Charakterzüge übriggeblieben, die dem Land am Meer, das man sich ganz grob als feudales Mittelalter mit keltischen Elementen vorstellen kann, ein über Jahrzehnte himweg gewachsenes Gesicht geben. Zur Zeit wird „renoviert“, Gudrun hat die Patenschaft über die Domäne übernommen und beschreibt in einem Mehrteiler, wie aus der Händlerin Cairegwyn schlußendlich die neue Stammkönigin von Tir Nemhedhainn wird. Und während Cairegwyn durchs Land zieht, nutzt Gudrun die Gelegenheit, das kleine Land neu vorzustellen, denn seit einigen Jahren hat sich niemand um die Gestaltung dieses Teils von Magira gekümmert.

Irgendwann wird Cairegwyn mit ihren Nachbarn in Berührung kommen, wie mit denen aus Tir Cladhainn, einem Hochland voller ungezähmter Stammeskrieger, unserem Schottland nicht unähnlich, einem Flickenteppich von Kulturen und kleinen, untereinander zerstrittenen Fürstentümern, berüchtigt für die Plünderzüge, die von dort immer wieder ausgehen. Das ist meine Spielwiese. Dann beginnt der spannende Teil der Magira-Simulation: die Interaktion. Denn es ist eine Sache, im stillen Kämmerlein ein Bild zu malen, eine ganz andere jedoch, das Bild mit anderen gemeinsam zu erschaffen.

Wildes, furchteinflößendes Geheul kündete vom Kommen der Geisterreiter, lange zu hören, bevor Griseldis sie zu Gesicht bekam. Zu gern hätte sie den windumtosten Platz verlassen und wäre ins Tal zurückgekehrt. Doch sie war die Witwe des Toten und ihr Platz war an diesem Frühlingsabend hier oben, an der Seite des Toten, die eisige Ortela im Rücken, die silberschwangeren Talschaften von Taufers um sie herum. Verstohlen sah sie nach rechts, wo mit unbewegter Miene Vater Eginhard stand, Landmeister der Verkündung und jüngster Bruder des Verstorbenen.

Halb hatte sie erwartet, er würde sich gegen das unheilige Treiben aussprechen, doch er hatte den ganzen Tag über kein Wort gesagt. Zur Linken wartete die übrige Familie, ein weiterer Bruder und zwei der drei Schwestern des toten Grafen, samt ihren erwachsenen Kindern und einigen halbwüchsigen Enkeln. Als das Heulen näherkam, wurde auch das Geklapper der eisenbeschlagenen Hufe hörbar, der knirschende Schotter und das helle Schlagen, wenn die Rösser auf Fels traten. Starr blickte Griseldis den Weg entlang, den sie heraufkommen würden. Feuerkörbe säumten ihn zu beiden Seiten; der Wind riß Funken von den brennenden Scheiten und ließ sie wild umeinander in den dunkelnden Himmel stieben. Hinter sich wußte sie die übrige Trauergesellschaft, die Großen der Tauferer, Edle aus den Tälern, die stolzen Silberherren der Bergmannsgilde, freie Bauern und dahinter, auf erhöhtem Sitz, das Gefolge des Herzogs, auf den Ehrenplätzen neben dem alten Brun und seinen ergrauten Geschwistern. Sie hatte man auf wärmende Polster gesetzt, gehüllt in dicke wollene Mäntel, während sie hier im schlichten Trauergewand zitterte.
Auch ihr Sohn Walthar zitterte. Griseldis spürte es an ihrer Hand, die der schmächtige Junge fest umklammert hielt. Sicher vor Kälte, vielleicht auch vor Angst. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen verharrte er neben ihr, die Lippen zu einem Strich zusammengepreßt. Noch auf dem Weg hinauf hatte er sie mit furchtsamen Fragen bedrängt – „Was erwartet uns auf dem Berg, Mutter?“ – doch als er sie genauso ahnungslos fand wie sich selbst, war er in Schweigen verfallen. Sie war die Witwe und man hatte ihr gesagt, was ihre Aufgabe sein würde, doch das war auch schon alles. „Wir übergeben deinen Vater den Flammen“, war alles, was sie hatte antworten können.

Die Reiter trugen Fackeln, die ihre Fratzen unheilvoll erleuchteten. Schon sah man die ersten auf den Platz reiten, heulend manche, andere heiser brüllend, die Fangzähne gebleckt, die dunklen Höhlen ihrer roten Augen von wallenden Mähnen umrahmt, aus denen geschraubte Bockshörner ragten. Noch einmal gaben sie ihren Tieren die Sporen, sprengten dicht an den Wartenden entlang, die Fackeln schwingend, drohend die Fäuste schüttelnd, als ginge es darum, denen, die gekommen waren, ihren Herrn zu verabschieden, Angst einzujagen. Als die Geisterreiter endlich vollzählig waren, sah Griseldis, daß sie ganz auf alte Art angetan waren, in grobe, zottelige Gewänder gehüllt, von schweren Fibeln gehalten, mit reichem Silberschmuck versehen, der Nacken, Arme und Gürtel zierte. Auf den Rücken hatten sie Rundschilde geschnallt, lange Schwerter mit edelsteinverzierten Knäufen hingen an ihren Hüften und an die Sättel waren Spieße gebunden, die sie zur Hand nahmen, als sie sich im Rund aufstellten, zum letzten Geleit des Toten, der dort in der Mitte auf einem übermannshohen Scheiterhaufen lag, überreich angetan mit allem, was sein Leben geschmückt hatte.

Ganz am Ende des Zuges führten sie ein reiterloses Streitroß, ein prächtiges Tier, gekleidet in eine Decke mit den Farben von Rambachtal, blaue Wellen auf Silber: das war Arias, der Hengst des Toten, unwillig schnaubend, als ahnte er sein Schicksal.

Dieser Ausschnitt aus meiner Erzählung „Die Erben des Krieges“ beschreibt das Begräbnis eines unbedeutenden Landadeligen, dem nur die reichen Silberbergwerke in seinem Tal zu Macht und Bedeutung verholfen haben. Seine Frau hat er schlecht behandelt und sie wird einen schweren Stand haben, doch sie hat sich fest vorgenommen, sich nicht beseiteschieben zu lassen, allein schon, um das Leben ihres Sohnes zu retten, der als Erbe den Brüdern des Toten im Weg ist. Sie wendet sich um Hilfe an den Landesherrn, den Herzog, der auch der Stammkönig von Tir Cladhainn ist.

Magira ist eine Fantasywelt, einst erdacht von dem Linzer Hubert Straßl aka. Hugh Walker. Er ist der Urheber dieser Welt, hat in den 70er Jahren mit einigen Romanen die Bühne grob skizziert. Seitdem haben Hunderte Autoren aus der Skizze eine detaillierte Welt gemacht, Dilettanten einträchtig neben professionellen Schriftstellern und Künstlern. Das Genre ist dabei nicht neu erfunden worden und manchmal muß man lange suchen, um noch ein phantastisches Element zu entdecken – zu alltäglich ist das Leben der fiktiven Figuren in einer Welt voller Zauberer und Drachen, lebendiger Götter und wundersamer Fabelwesen. Wir haben uns einfach zu sehr daran gewöhnt, das worldbuilding mit seinem Hang zur Plausibilität so weit getrieben, daß das Phantastische sich manchmal zu verstecken scheint. Dabei muß man manchmal nur einen Schritt zurücktreten, um es zu sehen. Hier ein Ausschnitt aus der Einleitung von „Die Erben des Krieges“:

„Orm.“
Einem sanften Grollen gleich begrüßte ihn die Stimme des Königs.
Nun sah der Schmied, daß der Herr der Unterwelt dort auf dem Thron saß, wo vorher – er hätte es beschwören können – bloß ein sanftes silbernes Schimmern gewesen war. In der schwer beringten Hand hielt der Alte, dessen hüftlanger Bart von Brillantstaub erstrahlte, einen Blutstein. Als er den Blick hob, um Orm zu begrüßen, bedeckte er den Stein mit der Rechten.
„Majestät.“ Der Schmied ließ sich auf ein Knie nieder und beugte das Haupt mit dem sorgsam geflochtenen schwarzen Haar. „Ihr ließet mich rufen. Hier bin ich, zu Euren Diensten.“
„Erhebe dich, Schmied.“ Wie fernes Poltern großer Steine rollte es, als der König sprach. „Du wirst für Uns zu den Menschen gehen. Du sollst Unser Auge, Unser Ohr und Unsere Stimme sein.“
„Was wünscht Ihr, das ich für Euch tue, Majestät?“
„Der Stein spricht zu mir von vielen Dingen. Das Leben der Menschen ist kurz, hastig ist ihr Sinnen. Viele vergessen uns und das Ältere Recht. Sie streben nach dem vergänglichen Ruhm eines Lebensalters. Sie sagen: ,Unser Reich! Unser Land!‘ und vergessen, daß sie bloß Teil eines alten Bundes sind, daß ihre Füße den Leib der Schöpfung treten.“ Der König hielt inne und atmete tief ein. „Als ihre jungen Krieger geboren wurden, haben sie das Herz des Drachen geweckt; nun schlägt es wieder.“
„Ich spüre es unter meiner Esse. Nie zuvor war das Feuer so mächtig, Herr! Mein Arm wird prächtige Waffen schaffen, die ich Euch zum Geschenk machen werde.“
„So wird es sein, Orm. Deine Waffen werden große Macht in sich bergen!“

Die hier zitierten Ausschnitte erscheinen Anfang 2013 in FOLLOW 417. FOLLOW ist das vierteljährlich erscheinende Sammelmagazin der Fellowship, in dem die verschiedenen Kulturgruppen ihre „Clanletter“ veröffentlichen können. Der Beitrag des Volkes von Tir Thuatha erscheint darin als STEINKREIS Nr. 232, den ihr hier kostenlos herunterladen könnt. Viel Spaß beim Lesen!

-> STEINKREIS 232 kostenlos herunterladen

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