»Erster Erzähler« – Warum ich mich über einen bedeutungslosen Literaturpreis freue …

Erster Erzähler 2012„Erster Erzähler von Magira für ein Jahr“ – das klingt doch großartig! Ein Gänsehaut-Titel, vor allem, wenn man weiß, daß mit „Magira“ eine ganze Welt gemeint ist. „Erster Erzähler der Welt“: der erste, der sich 1973 mit diesem Titel schmücken durfte, war Hubert Straßl, Horrorlesern und Fantasyfreunden der ersten Stunde auch bekannt als Hugh Walker. Nach ihm reihten sich Autoren wie der Tolkien-Experte Helmut W. Pesch oder Elmar H. Wohlrath in die Liste ein. Bekanntere Namen aus den letzten Jahren sind „Perry Rhodan NEO“-Autor Hermann Ritter und „Perry Rhodan“-Chefredakteur Klaus N. Frick. Gute Gesellschaft.

Sie alle haben eins gemeinsam: sie waren oder sind Angehörige von Follow, einer 1966 gegründeten Vereinigung von Freunden der Fantasyliteratur, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Genre im deutschsprachigen Raum zu fördern. Literatur, Spiel und Geselligkeit, das sind die „Drei Säulen“ von Follow. Und obwohl die Geselligkeit in den letzten Jahren an Gewicht zugenommen hat, spielt die Literatur immer noch eine große Rolle. Viermal im Jahr erscheint die Zeitschrift FOLLOW, herausgegeben vom Fantasy Club e.V. in einer kleinen Auflage von zuletzt 250 Exemplaren, ein wahres Pfund an Phantasie, angefüllt mit allem, was den „Fellows“ zur Ausgestaltung der Welt „Magira“ einfällt: Erzählungen, Lieder, Gedichte, Spielberichte, Kulturbeschreibungen, Illustrationen, Rezensionen, oder auch mal ein Kochrezept.

Zu den Höhepunkten beim jährlich stattfindenden Fest der Fantasie, zu dem sich Hunderte von Fellows mit ihren Familien einfinden, zählt die Verkündung der Würdenträger für ein Jahr. Da gibt es Titel in sportlichen Disziplinen wie Lanze, Speer und Bogen zu gewinnen, aber auch Ehrungen für musische Leistungen, Wissenswettbewerbe oder die „Erste Gewandung“. Und es gibt den „Ersten Erzähler“, den Follow-eigenen Literaturpreis. In den ersten Jahrzehnten entschied ein Gremium in geschlossener Sitzung über die Preisträger, auch noch 2001, als ich den Titel für eine Erzählung mit dem Titel „Lawinenmond“ erhielt – das hat dann schon mal ein Gschmäckle, wenn man weiß, daß dieser gut mit jenem kann und dem noch einen Gefallen tun will, und stimmst du für meinen, stimme ich bei einem anderen Preis für deinen …
Heutzutage ist das anders, da darf jeder aus der Leserschaft Nominierungen abgeben. Diese werden dann im „Rat von Magira“, in dem jede Gruppe innerhalb von Follow einen Sitz hat, abgestimmt. Und was soll ich sagen? In diesem Jahr ging der Titel „Erster Erzähler“ beim Fest der Fantasie an mich! Das hat mich sehr gefreut, und ich kann auch erklären, warum.

„Magira“ ist eine „shared world“, ein Produkt der Phantasie einiger junger Männer, die 1966 bei einem Science-Fiction-Con in Wien Follow aus der Taufe hoben: Hubert Straßl und Eduard Lukschandl, zusammen mit dem Wiener Axel Melhardt, der damals das vielbeachtete Fanzine PIONEER herausgab. In den mittlerweile fast fünf Jahrzehnten literarischer Arbeit ist Magira tatsächlich zu einer eigenen Welt herangewachsen, die auch schon mit historischen Methoden erforscht wurde. In einem vorgegebenen Rahmen Lücken zu finden und zu gestalten, ist eine besondere Herausforderung, in Zusammenarbeit mit anderen kann es eine Wissenschaft sein. Nicht immer geht das ohne Brüche und Widersprüche vonstatten.

Seit Mitte der 90er Jahre schreibe ich Geschichten über das fiktive Königreich Clanthon – zu Beginn war das die Domäne von Axel Melhardt, seit Mitte der 80er Jahre ist es der Sandkasten von Hermann Ritter. Ganz besonders interessiert mich, wie man widersprüchliche Entwürfe, die von achtlosen Autoren in dieselben Zeiträume der fiktiven Geschichte plaziert wurden, miteinander versöhnen kann, ohne einen Entwurf zu streichen. Diese Facette meines Hobbys begann mit endlos nervenden Fragen und Bohren in dramaturgischen Schwachstellen, setzte sich fort mit quasi-wissenschaftlichen Essays voller häretischer Schlußfolgerungen (dokumentiert im Web unter calan.de) und mündete schließlich 1998 in einem Roman, der eine riesige Lücke schließen wollte und nichts weniger präsentierte als die Gründungsgeschichte von Clanthon, das sicher eine der prototypischen Kulturen von Magira darstellt.

Daß nur wenige davon jemals auch nur eine Zeile gesehen haben, lag einzig und allein an meiner Angst, nicht alle Beteiligten könnten meinem Entwurf zustimmen. Rückwirkende Definitionen tragen immer das Risiko überraschender Nebenwirkungen in sich, doch während ein Serienautor nur auf sich selbst Rücksicht nehmen und das Genöle enttäuschter Nerds ertragen muß, hatte ich es potentiell mit zig Mitautoren zu tun, deren Ausarbeitungen ich unweigerlich berührt hätte. Der Entwurf wanderte in die Schublade.

Steinkreis 226

Der erste Teil des Romans erschien im Juni 2011 in Steinkreis 226 (in FOLLOW 411)

Im vorigen Jahr beschloß ich dann doch, den Roman in Fortsetzungen in FOLLOW zu veröffentlichen. Mittlerweile wurde der Gründungsmythos von Clanthon mit ersten Prosastücken ausgekleidet. Da mochte ich nicht zurückstehen, öffnete die Schublade und stellte fest, daß sich seit 1998 viel geändert hatte. In der vorliegenden Form war an eine Veröffentlichung nicht zu denken, der Text mußte erweitert und überarbeitet werden – eine Arbeit, die noch andauert. Schließlich erhielt das Kind einen neuen Namen – „Der Klang der Welt“ – und im Juni 2011 erschienen die ersten Kapitel.

Mittlerweile sind sieben Teile erschienen, ich arbeite am achten, neunten und zehnten, und ich freue mich jedesmal über die Resonanz, die ich bekomme, E-Mails, Forenbeiträge, persönliche Anerkennung. Ich weiß nicht, wieviele Leser ich habe. Viele können es nicht sein, denn die Auflage ist gering, aber ich kenne jeden einzelnen, der sich bei mir meldet, persönlich. Als im Frühjahr die Nominierungsrunde für den „Ersten Erzähler“ begann, tat es unheimlich gut, zu sehen, daß „Der Klang der Welt“ es auf die Liste schaffte. Obwohl in eine Schublade verbannt, lag mir die Geschichte jahrelang quer im Magen, ich faßte kaum etwas anderes an, schrieb lediglich ein paar Erzählungen, nichts von Bedeutung. Jetzt kann das Ding raus, es wird gelesen, ich erhalte die Gelegenheit, darüber nachzudenken, es einem größeren Publikum außerhalb von Follow vorzustellen und es ist völlig egal, ob ich damit erfolgreich sein werde, weil die Geschichte da angekommen ist, wo sie hingehört: im Kreise derer, die Magira mitgestalten.

Ich hatte längst vergessen, wie das ist, wenn man gemütlich mit einem Bier dasitzt und auf einmal auf die Bühne gerufen wird. Und diesmal wußte ich ja, daß ich nominiert war, hatte also Grund, gespannt zu sein. Es ist trotzdem ein außergewöhnlicher Moment, selbst in einer geschlossenen Gesellschaft wie Follow. Man blinzelt ins Licht, nimmt Glückwünsche entgegen und erhält einen Preis – da haben wir schon alles gesehen: Steine, Medaillen, Amulette, Hölzernes, Ledernes, Urkunden … diesmal gab es riesige selbstgebackene Lebkuchen mit symbolischer Verzierung. Diesen werde ich jedenfalls nicht essen. Und eine stimmungsvollere Preisverleihung gibt es in der ganzen deutschsprachigen Phantastikszene nicht!

Herzlichen Dank an Achim, Christoph, Felix, Hans-Peter, Hermann, Jens, Jörg, Manfred, Marion, Martin, Peter, Rabea, Uwe und Uwe, von denen ich weiß, daß sie verfolgen, was ich da tue. Und meine Bitte um Verzeihung an jene, die auch in diese Aufzählung gehören – mein Gedächtnis könnte besser sein. Die Küsse aber gehen an meine Nani, die das abendliche Geklapper, das ich beim Schreiben produziere, manchmal nicht mehr hören kann.

Des Königs Herz

Mitten im Land steht das Reich der Riesen

Stein ist ihr Rücken, Wind ihr Odem

Gurgelnde Wasser ihr tückisches Blut



Tief unter ihnen ruht Feuer im Herzen

Gewaltige Drachen, Im eisigen Mantel

Alles verbrennende furchtbare Glut



Goldene Lieder erfüllen die Binge

Hämmern die Zwerge, Erz und Gemmen

Ewige Schätze belohnen den Mut



Ziehen die Menschen auf uralten Wegen

Nach Alm und Acker, Burg und Tal

Finden sie Zuflucht vor Krieg und Wut



Da liegt ein Land im Herzen der Länder

Grün seine Wälder, silbernes Eis

Die Wehr in den Bergen schützt unser Gut



Calan heißt das Land der Ahnen

Trutzige Feste im Ewigen Streit

Stolz bewahren wir Clanthons Erbe

Des Königs Herz für alle Zeit

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6 Antworten auf »Erster Erzähler« – Warum ich mich über einen bedeutungslosen Literaturpreis freue …

  1. Uwe Vitz sagt:

    Hallo Manfred,

    ” Der Klang der Welt ” schafft es die Vergangenheit von Magira zu neuen, sehr spannenden Leben zu erwecken.
    Doch dabei beschreibst Du auch noch echte Menschen, deren Gefühle, Fehler und Missgeschicke den Leser wirklich berühren.

    Grüße aus der Würfelwelt

  2. Herzlichen Dank!

    Siehst Du, jetzt kann ich gleich noch einen Uwe einbauen …

  3. Jens Kosch sagt:

    Was mich beindruckt, ist, neben der geschichtlichen Relevanz und dem meiner Meinug nach ganz guten Spannungbogen, sowie der vielen Anspielungen (sowohl auf Reales als auch auf die Geschichte Agenirons), das gute Gleichgewicht zwischen Epik und der Normalität Magiras (auch in der Vergangenheit).

    Gut zusammengefasst wird das durch folgenden Text zur internen Nominerung beim Reich des Feuers für den 1. Erzähler, den ich am 03.05.2012 an den Legi-Verteiler schickte:
    1. Alle bisher erschienenen Teile (bisher 1-5) von “Der Klang der Welt” von Manfred Müller, Teil 1: Steinkreis 226, Follow 411 S.177-207; Teil 2: Steinkreis 227, Follow 412 S. 311-323 ; Teil 3: Follow 412 S. 483-500 ; Teil 4: Steinkreis 228, Follow 413 S. 103-115 ; Teil 5: Follow S. 228-238
    Die Suche des jungen, aber schwer belasteten Starkhand von Calan als Hüter einer uralten Magie, die tief mit der Geschichte Agenirons verwoben ist, führt ihn buchstäblich tief in die Vergangenheit, in die Zeit des legendären Martell, den manche als Schöpfer Clanthons bezeichnen.
    Die Mischung aus Epik und Einfühlungsvermögen, sowohl in geschichtliche Zeiträume als auch in die Spiritualität Zenralagenirons, speziell Calans, macht für mich einen großen Reiz an diesem großen, und bisher nicht abgeschlossenen Zyklus aus.

    Aber in einem stimme ich dir nicht zu:
    Man ist nur für ein Jahr und einen Tag Erster Magiras. Ich werde meinen Preis im nächsten Jahr feierlich verspeisen …

  4. Jens, Du bist wirklich sehr großzügig! Danke dir!

    (Und ich möchte deine herausgefallenen Zähne fotografieren, wenn du deinen Preis verspeist …)

  5. Uwe Gehrke sagt:

    Da kann ich meinen Vorrednern nur zustimmen. Allein die Vorstellung einen Roman 10 Jahre lang in der Schublade zu haben überrascht mich bei Dir am wenigsten. Die bisherigen Kapitel machen Appetit auf mehr.

  6. Danke, Uwe. Mehr ist in der Mache.

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