„Und das ist für Dich!“ – Sehhilfe

Augenfisch„Das hab’ ich für Dich gemacht!“ ––– Wenn Du jetzt ’ne Gänsehaut kriegst, weil Du befürchtest, es könnte wieder was unglaublich nutzloses Selbstgebasteltes in dem Paketchen sein, dann entspann’ Dich jetzt mal und denk zurück an die Zeit, als Du zu jedem Festtag jeden Deiner Lieben mit selbstgemalten Bildern und selbstgetöpferten Aschenbechern beglückt hast! (Ja, es gab eine Zeit, da haben Kinder für ihre Eltern Aschenbecher getöpfert, damals, kurz nach dem Krieg, als es noch nichts gab und das Rauchen in der Wohnung Teil des nationalen Bettwanzenvernichtungsprogramms war, also nicht wundern …) Weißt Du noch?

Als Du schon rechnen konntest, warst Du immer so unglaublich froh, Dein Taschengeld für sinnvolle Dinge sparen zu können (wie Sammelbildchen von Helmut Schöns Jungs zum Beispiel, oder die neue BRAVO mit dem Bikini-Foto von Desiree Nosbusch), darum gingen Dir diese Arbeiten so leicht von der Hand. Mit einem ganzen Konvolut von zusammengerolltem Selbstgemaltem mit Schleifchen drumherum und unförmig verpackten Keramikklumpen im Kaufhalle-Plastikbeutel ging es dann auf den Zug durch die Verwandtschaft, von dem Du heiter zurückkehrtest, gut ausgestattet mit Schlafanzügen, zerbrechlichen Armbanduhren mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von zwei Tagen und Umschlägen voller Bargeld („Ich weiß ja nicht, was er so mag …“). Erinnerst Du Dich? Ja? Gut, dann hör jetzt auf zu stöhnen.

Zu den unbeschreiblich schönen Dingen auf dieser Welt gehören Stimmen, die voller Liebe höchste Genüsse versprechen. Ganz oben auf der Liste steht das glockenhelle „Schatz, ich habe hier einen Kaffee für Dich!“, in steter Konkurrenz zum blütenelfengleich in die letzte REM-Phase hineingeklingelten „Guten Morgen, Papa, darf ich KiKa gucken?“ – Verzeihung, es heißt natürlich „Guten Morgen, Papa, das hab’ ich für Dich gemacht!“
„Das ist aber lieb! Was ist es denn? … Och, ein Haaase! Süüß!“ (Nicht gelogen, seht selbst!)
„Und das ist hier ist auch für Dich.“
Hm, flach, knubbelig, schwer, verpackt in mein rationiertes Druckerpapier, verklebt mit jenem wie selbstvernichtenden Tesafilm, von dem man kaufen kann, soviel man will – sein Vorkommen in diesem Haushalt schwindet stets reziprok zur Anzahl der bastelwütigen Kinder. Zerbrechlich fühlt es sich an …
„Da will ich mal ganz vorsichtig sein beim Auspacken …“
„Ja.“
Überraschung! Es hat Augen! Viele Augen! Ich bin aufrichtig entzückt.
„Das ist ja toll! Wo hast Du denn die schönen Augen her?“
„Davon haben wir im Kindergarten ganz viele.“
Sie hat die Ressource konsequent genutzt. Und die selbstgebastelten Monster der anderen Kinder fristen ihr Dasein mit Blindenbinde.
Triumphierend halte ich meinen neuen Freund in die Höhe und schwenke ihn in alle Richtungen.
„Ha! Damit kann ich um die Ecke gucken! Jetzt hab’ ich endlich meinen eigenen Spion!“
Mola mola mag größere Flossen haben, dafür ist mein Exemplar die deutlich bessere Sehhilfe.
Vatertag. Ich genieße den frischen Kaffee und das Strahlen in den Augen meiner Tochter.
Mission erfüllt!

Hasenflunder

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