Emergency Room Vorstadt

Höllische Rückenschmerzen am Morgen. Ich decke den Frühstückstisch. Jede Bewegung läßt einen Blitz durch meine Wirbel schießen. Wieder die Bandscheibe? Oder doch nur die gewohnte Ischias-Attacke im Winter? Rennradlerschicksal …
Wieder hinlegen, durchatmen. Heute muß jemand anderes den Kaffee machen. Trinken kann ich ihn nicht. Die Tasse steht in Armesreichweite; ich komme nicht dran. Wieder aufstehen, ich muß telefonieren. Viel zu wenig Handgriffe gibt es hier! Die drei Meter bis zum Telefon könnten auch der Grand Canyon sein.
In die Sprechstunde zum Orthopäden schaffe ich es nicht mehr. Entwürdigende Szenen. Ich muß ins Bad. Zum Glück ist gerade kein Kamerateam im Haus … Engelsgeduldig: meine Frau.
Nach Hin-und-her-überlegen mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Den Sanitätern ist ja keine Peinlichkeit fremd, trotzdem: das ist demütigend, finde ich. Dabei sind die beiden wirklich freundlich und fahren extrasanft.
Stell dich nicht so an, sage ich mir, und lasse mich von einer naßforschen Ärztin untersuchen. Ihre tastenden Finger gehen kräftig zu Werke.
„Tut das weh?“
„Nur, wenn sie reinstechen …“
Findet sie nicht komisch. Sarkastische Patienten am Vormittag in einer überfüllten Notaufnahme lassen jede Assistenzärztin einschnappen.
„Bloß ein Hexenschuß.“
Einverstanden.
„Sie kriegen Schmerzmittel.“ Dann geht sie.
Ich freue mich. Sehnsüchtig erwarte ich ihre Rückkehr, träume von der Nierenschale mit der kleinen Spritze und der Ampulle drin. Stattdessen geht die Tür auf, eine Schwester kommt rein und reicht mir einen Becher.
„Und was ist das jetzt?“
„Schmerzmittel.“
Ich zögere.
„Wir können’s auch lassen …“
Ich schlucke das Zeug. Novalgin. Nicht lecker.
Später geht es zum Röntgen.
„Wir müssen ausschließen, daß was gebrochen ist“, sagt die gestresste Ärztin.
Vielleicht, als ich mich am Abend zuvor aufs weiche Sofa gesetzt habe? Ich verziehe die Mundwinkel.
„Zur Sicherheit.“
Na gut.
Die Röntgenassistentin wartet geduldig, bis ich meinen übergewichtigen, schmerzenden Leib auf den Tisch gewuchtet habe. Ganz paßt es ihr noch nicht: hier ein bißchen schubsen, da ein bißchen pieksen. Ich zucke zusammen.
„Locker!“
„Klar.“
„Mein Orthopäde sagt immer: Mädel, mach dich mal locker!“ feixt sie. „Der hat gut lachen.“
Sie hat’s auch am Rücken, sie ist vom Fach. Gnädig verzeihe ich ihr die Piekser.
„Nicht atmen!“ Aufnahme.
Nun muß ich wieder hoch, stütze mich krampfhaft ab.
„Doch nicht so!“
Sie zeigt’s mir: schubst meine Füße runter, ein Stoß an die Schulter, den Arm nach vorn gewischt, schon sitze ich aufrecht. Ein Vollprofi.
Nach der Untersuchung vier Stunden rumsitzen wie mit Dolchen im Rücken. Zum Glück ist meine Frau gekommen, da kann es brennen, wie es will. Wir warten, sehen die Leute kommen und gehen, besorgte Gesichter, der jungen Russin mit den Augenringen und dem zornigen Blick geht’s an die Schilddrüse, die türkische Familie wartet bestimmt auf die Mutter, den ergrauten Vater hält es nicht auf dem Stuhl …
„Schau mal, Schatz, so ein Pullover würde dir auch stehen!“
Der Patriarch ist tadellos gekleidet.
„Ich sehe fett aus in Pullovern!“
„Ach, und in dem, was du da anhast, nicht?“
Ich sehe auch in meinem ausgelatschten Sweatshirt fett aus.
… die junge Frau schwört übers Handy, es sei kein Tumor, sie ist alleine, die alten Herrschaften da drüben wie aus dem Ei gepellt (ich starre auf meine Latschen – nicht mal Schuhe konnte ich anziehen!), er da vor mir mit den Sorgenfalten, ihm geht’s auch nicht gut, seine Begleiterin wirft das Netbook an – als er aufsteht und geht und sie sich Minuten später nach ihm umsieht, bin ich versucht, zu sagen: „Er ist übrigens weg.“ Ich schluck’s runter, sie widmet sich ihren Kontakten. Dort, das junge Paar: sie ist ganz bleich und mager, windet sich kaum merklich vor Schmerzen hinter ihrer modischen Nerdbrille, er versucht, ruhig zu bleiben, sie lächelt dankbar ein dünnes Lächeln, wartet genauso wie ich auf schlagartige Erlösung, doch es kommen nur neue Patienten. Die Nachbarn der türkischen Familie. Noch eine türkische Familie mit zwei knuffigen Kleinkindern; das jüngere quietscht wütend, als es die Legosteine zurücklassen muß, der ältere Bruder reckt stolz die Waffelschnitten in die Höhe, die der Vater ihm aus dem Automaten gezogen hat. Ein magerer Jüngling mit gebrochenem Arm, der stolz gehegte Zopf hängt ihm aufgelöst über den Rücken, seinen gestrengen Eltern ist er wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich spekuliere: Skater, zuviele Jackass-Videos nachgestellt. Da ist eine junge blonde Frau schon seit ’ner halben Stunde wieder weg. Die Glückliche …
Ich justiere alle halbe Minute meine Haltung auf dem wackeligen Gestühl. Kann ich noch aufstehen? Noch aufstehen können ist wichtig. Alleine aufstehen. Nehmt mir meine Papiere weg! Klagt mich wegen Gottlosigkeit an! Schickt mir die Steuerfahndung auf den Hals! Mir doch egal. Hauptsache, ich kann alleine aufstehen. Ich schließe die Augen, atme tief und denke an die Worte von Sensei Klaus: Wenn Schmerz, dann falsch! Und: Kraft kommt! Und daß irgendwo vor dem Bauch eine kleine Sonne entsteht, wenn man alles richtig macht. Rede mit meiner Frau darüber, sie macht Witze. Dabei glaube ich gar nicht an den Mist.
Gestützt auf einen Rollator ein weiterer Patient, wirklich nicht gut zu Fuß. Man möchte hinstürzen und ihm helfen. Geht aber nicht, brauche selbst einen Rollator.
Warten. Der mit den Sorgenfalten kommt zurück, seine Begleitung öffnet erneut das Netbook. Die junge Frau wird laufend aufgerufen und wieder zurückgeschickt. Das magere Mädchen windet sich. Der Patriarch kommt zurück, immer wenn er den Raum betritt, erhebt sich sein stiernackiger Sohn vom Stuhl – Respekt vor den Eltern, lebenslang. Die zornäugige Russin verschwindet zur Untersuchung; sie läßt die Blätter mit der Patientenunterrichtung liegen: beunruhigende Schnittzeichnungen menschlicher Kehlen grinsen herüber. Ein Patient im Rollstuhl wird hereingebracht, Opfer der Klinikbürokratie: raus aus dem Zimmer, pro forma entlassen, um wieder aufgenommen zu werden. Soll mal einer verstehen. Gequältes Lachen.
Ich beschließe, zu gehen. Meine Frau telefoniert mit der Orthopädiepraxis: endlich geht jemand ran.
„Morgen um elf ist einer ausgefallen!“
Ich nehme den Termin.
Freundlich mache ich den Damen an der Theke klar, daß ich jetzt gehen werde. Ob sie wohl so freundlich wären, die Aufnahme herauszurücken?
„Sie wurden doch schon dreimal aufgerufen! … Der Arzt kommt gleich.“
Ich sage meiner Frau Bescheid, gebe zum Besten, was man mir gesagt hat. Die Leute um mich herum schütteln den Kopf – so ein Quatsch! Der einzige Müller, der aufgerufen worden war, ist ein besorgter Ehemann. Dem haben sie die Brille seiner frisch operierten Gattin in die Hand gedrückt. Die Ärmste liegt in einem Bett, abgestellt irgendwo im Korridor. Jetzt kann er endlich zu ihr, beugt sich über sie, flüstert.
Ein alter Herr wird hereingerollt, sein Arm ist verletzt, seine Lippen zusammengepreßt. Fürsorglich stützt ein Sanitäter die Ehefrau. Sie ist den Tränen nah, weicht nicht von der Trage, will nicht einen Meter weg von ihrem Mann. Der Helfer beruhigt sie, da ruft auch schon der Sohn an, fragt, ob der Vater eingeliefert worden sei.
„Hören Sie? Das ist Ihr Sohn! Alles wird gut.“
Die alte Dame unterbricht ihre Klage, schluchzt nur noch leise.
Da hat der Arzt plötzlich Zeit für mich. Ich setze mich in ein Behandlungszimmer – vorfinaler Schritt in der Wartekette, nächster Halt: Heilung.
Eilige Schritte nähern sich.
„Wer sitzt da drin? … Müller?“ brüllt es draußen. „Der war doch weg! … Da ist erst ein anderer … Was?“
Der Weißkittel hastet ins Zimmer.
„Ich hab’ sie schon dreimal aufgerufen!“
Von wegen. Müßig, das zu erörtern. Draußen sitzen zwanzig Zeugen. Egal.
„Wat hamse denn?“
Guck auf den Bildschirm, du Experte, da steht’s! Aber: falsches Geburtsdatum, falsche Adresse – das bin ich nicht. Wildes Rumgeklicke quittiert der Computer mit einem Piepen. Gebrüll quer über den Flur:
„Eh, Susanne!“
Klick. Piep.
„Mach mal die Akte zu!“
Klick. Piep.
„Immer noch offen!“
Klick. Piep.
„IMMER NOCH OFFEN!!“
Klick. Piep.
„IMMER NOCH OFFEN!!“
Klick. Piep.
Klick. Piep.
Klick. Piep.
„Wenn’s noch schneller piept, haben wir ’ne Flatline“, sage ich trocken.
Er versteht den Witz nicht. Hat wohl nie „Emergency Room“ gesehen.
Die Akte geht auf, mein Röntgenbild geistert auf den Bildschirm.
„Also … So ’ne Wirbelsäule hätt’ ich auch gern.“
Wovon redet der?
„Hier … Sehen’se? Nicht? Genau. Da is’ nix! Alles tip-top! So’n leichter Schlag … naja, haben wir doch alle, so’n Schlag, dat is’ normal.“
Sagt er zu mir, der ich vor Jahresfrist wochenlang auf allen Vieren gekrochen bin. Etwas später gab’s ein teures hochaufgelöstes Bild von der Misere: Bildschirmarbeit + Rennradfahren – Rückenschule (da geschwänzt) = Bandscheibenvorfall. Danke schön, jetzt bin ich alt, habe ich damals gedacht. Und die Augen machen auch nicht mehr mit.
Eigentlich brauche ich bloß eine örtliche Betäubung. Ein bißchen gnädiges Lidocain subkutan, schön in Reih und Glied über den unteren Rücken verteilt. Ein paar Minuten warten, durchschnaufen, Ruhe. Das wünsche ich mir jetzt.
„Hat ein Orthopäde damals auch so gemacht.“
Er schüttelt bloß verächtlich den Kopf.
„Ich bin Chirurg, da halten wir nichts von.“
Aha, und was empfiehlt er stattdessen?
„Schön warmhalten, ’ne Schmerztablette, das langt.“ Tut es nicht. „Und machen Sie den verdammten Rückenkurs! Die Kasse würd’s nicht zahlen, wenn’s nicht wirkt!“
Ich überlege drei Sekunden und beschließe, ihn seiner Susanne und den offenen Akten zu überlassen. Morgen habe ich einen Termin beim Fachmann.
„Hier ham’se’s Schwarz auf Weiß.“ Er zeigt mir den Arztbrief. „Da: ,keine degenerativen Veränderungen‘. Gesehen? Wenn einer wat will: ich schick’ dem dat Röntgenbild. Schönen Tach noch!“
Du mich auch.
Ich nehme den Schamanismus des geschriebenen Wortes zur Kenntnis und gehe. Vor der Tür hat sich der Freund des mageren Mädchens in Stellung gebracht. Sie leidet sichtlich, die Empfangsdame wagt den Versuch, den jungen Ritter abzuwimmeln. Ich kriege nicht mehr mit, ob er siegreich bleibt.

Jetzt liege ich hier und warte, daß der magische Arztbrief seine Wirkung tut. Die Zutaten habe ich zur Hand: Wärmflasche im Rücken, Schmerzmittel auf dem Nachttisch. Doch die nichtvorhandenen degenerativen Veränderungen halten nichts von derlei Esoterik. Morgen sehen wir weiter …

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6 Antworten auf Emergency Room Vorstadt

  1. PhantaNews sagt:

    Hauerha! Gute Besserung Alter!

  2. Danke, Du, der Du im Jungbrunnen gebadet hast!

  3. PhantaNews sagt:

    Von wegen, ich hab das alles in ähnlicher Form auch schon schon hinter mir. Allerdings waren die Ärzte in Wuppertal weniger kafkaesk… Aber das liegt wahrscheinlich an den Getränken bei euch da… (d&r) :)

  4. Mit unseren Getränken ist alles in Ordnung, mein Herr!

    Dat Wasser vun Kölle ess joot – zumindest rechtsrheinisch, da ist es nämlich ebensolches Talsperrenwasser, wie ihr das sauft. Im Linksrheinischen allerdings kannst du den Dingen beim Verkalken zuschauen.

  5. Stephan Fleischhauer sagt:

    Jau, besser Dich… Und als häufig Betroffener. ER-Witze sind NICHT wirklich witzig…. Und immer auf den Doktor hören.
    Danke für einen kurzen Einblick in die Realsatire Krankenhaus aus der anderen Richtung.

  6. Wenn ich immer auf meine Frau hören würde, wäre ich nicht in dieser Lage, sondern würde längst Jedermannrennen gewinnen. Ob ich allerdings auf jeden Arzt hören sollte …

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