Wetterfest – Notizen vom 40. Fest der Fantasie

Logo 40. Fest der FantasieAls ich meiner vierjährigen Tochter im Frühjahr eröffnete, daß wir zusammen das Fest der Fantasie besuchen würden, verstand sie erst nicht, worum es ging. Eine Woche Camping, das fand sie furchtbar aufregend, und wir würden uns verkleiden – da war sie Feuer und Flamme! Ihre Mutter prophezeite, daß ich die frühe Eröffnung bereuen würde. Ab sofort löcherte mich die Kleine jeden Morgen: wieviel mal schlafen, bis es soweit sei, wie die anderen Kinder hießen, die das Fest besuchen würden, ob es einen Spielplatz gebe? Ich behielt die Nerven, machte mich an die Gewandungsschneiderei und suchte zusammen, was man für eine Festwoche so alles braucht.

Beate und Jörg

In Festgewandung werden Beate und Jörg zu Onoma und Armurél Dratar

Früher war das einfacher, da war Follow – die 1966 gegründete Fellowship Of the Lords of the Lands Of Wonder – ein nahezu kinderfreies Hobby, für manche die Möglichkeit, ein Wochenende oder eben eine ganze Woche mit Freunden abzuhängen und große Mengen Alkohol zu vertilgen, ohne Rücksicht auf eine Familie oder gar den eigenen guten Ruf. Das hat sich geändert. Follow ist nicht nur eine Art Ersatzfamilie, es ist Familiensache geworden. Die vereinzelten Stimmen von vor 20 Jahren, man möge doch überlegen, ein Mindestalter für die Teilnahme am Fest der Fantasie festzusetzen, sind längst verstummt, ebenso wie jene, die vorhersagten, Follow würde sich überleben und aussterben. Mittlerweile schickt sich die zweite und dritte Generation an, Follow zu übernehmen, das Konzept „gelebte Fantasy“ weiterzuführen.

320 Besucher versammelten sich in der ersten Augustwoche 2011 im Heiligenhof in Bad Kissingen zum 40. Fest der Fantasie. Vier Follow-Clans organisierten das Spektakel: der Drachenorden (in diesem Jahr leider ohne Dieter Steinseifer), die Träumer, die Tafelrunde des Bären und das Volk der Schlange. Die Jugendherberge, getragen von der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, bietet neben einem komfortablen Haus mit über 200 Betten ein weitläufiges Terrassengelände direkt am Waldrand, das von den Followern mit Zelten jeder Bauart belegt wurde. Im Zentrum des Geschehens standen die sogenannten „Enzyzelte“ – so bezeichnet der Followjargon alles, was mit ein wenig Deko zur altertümlichen Lagerromantik beiträgt: mit Fellen ausstaffierte Gruppenzelte, Landsknechtzelte im Multicolor-Look, aber auch eine aufwendig gebaute Jurtenburg mit Feuerstelle und gemütlichem Stuhlkreis in der Mitte.

Zwischen Rhön und Ranabar

Der Tochter zu erklären, daß wir zwar in einen Kurort in der Rhön, gleichzeitig aber auch in einen fiktiven Ort namens Upzabab in Ranabar fahren würden, war müßig, weil für sie die Rhön genauso real ist wie Ranabar. Es wäre wohl einfacher, einem Kind das Konzept eines Live-Rollenspiels nahezubringen: ankommen, eintauchen, spielen, auftauchen. Follow ist komplizierter, aber auch zwangloser. Eine durchgehende Rahmenhandlung gibt es nicht, lediglich eine lose Klammer aus einzelnen Auftritten. In diesem Fall terrorisierte ein aus einem Schattentheater entflohener Schatten die Gäste des Kurortes Upzabab, und das auch nur sehr verhalten, denn es gibt kein fortlaufendes Spiel, an dem man teilnehmen muß, lediglich einzelne Ereignisse, die es erlauben, die Grenze in eine andere Welt zu übertreten.
Diese andere Welt heißt Magira. So richtig Gestalt angenommen hat sie 1968, als die Follow-Gründer Hubert Straßl und Eduard Lukschandl zusammen mit ein paar Freunden die erste Partie „Armageddon“ spielten. Das war der Beginn einer Kampagne, die seitdem ununterbrochen läuft und das „Ewige Spiel“ genannt wird. Die ersten drei Tage jedes Festes sind dem Spiel gewidmet – Nichtspieler vergnügen sich derweil mit Workshops, Vorträgen, Filmen, bei Clanabenden, Lesungen oder einfach an der Bar.

Wann wir denn jemand anderes wären, fragte mich die Kleine und meinte, wann wir uns denn verkleiden würden. Schwer zu sagen, eigentlich handhabt das jeder Festbesucher nach Lust und Laune – es gibt jedoch feste Programmpunkte, wo das 
Tragen einer Gewandung obligatorisch ist.

Marsch, Markt, Magirafeier

Gewandungspflicht gibt es beim Marsch, den man Außenstehenden gern als Schnitzeljagd verkauft. Deren gab es diesmal drei: einen für Kinder, mit Highlights wie Wasserraketenschießen und Seifenmatschen, einen für Senioren (bei dem die Marschgruppen, betreut von fürsorglichen Krankenschwestern, sitzen bleiben durften und die Posten laufen mußten – eine großartige Show, muß man gesehen haben!), und einen für alle, von meiner Tochter kurzerhand „Allemarsch“ getauft: bunt gekleidete Gruppen schlendern durch den Wald (= den Kurpark von Upzabab), gelegentlich neugierig beäugt von Spaziergängern und Mountainbikern, und nehmen sich der Probleme der dort umherirrenden Irren an, die die Begegnung mit dem entflohenen Schatten die 
geistige Gesundheit gekostet hat. Die schauspielerischen Leistungen der Posten waren bemerkenswert, das zugrundeliegende Spielprinzip jedoch etwas reizlos – wer sich durch Psychodrama nicht zum Mitspielen animieren läßt, war diesmal chancenlos.

Ein Tag ist traditionell dem Markt und den Endkämpfen im Lanzenstechen und Speerwerfen gewidmet. Da hat schon mancher gelächelt, dem die martialischen Bezeichnungen Respekt eingeflößt hatten, bevor 
er die Klosauger auf den Spitzen der Bambusstangen zu Gesicht bekam. Und wie schnell ist das Lächeln verschwunden, wenn man selbst mal versucht, auf einer kleinen Holzwippe zu stehen, während der Gegner einem den Klosauger auf den Balg pfeffert …

Das Marktangebot ist niemals gleich: man kann sich sattessen und spielen und neu einkleiden und trinken und essen und sich massieren lassen und noch was trinken. Besonderer Anziehungspunkt seit kurzem ist der kulinarisch hochinteressante und kunsthandwerklich ganz außergewöhnliche Stand der Wantler, wie ein Mitglied aus Österreich seine Gruppe genannt hat. Da ist das alpenländische Flair kein Klischee, sondern ganz realer, besonders reizvoller Irrsinn. Und wer glaubt, das gehe nicht mit Fantasy zusammen, der lausche dem Wantler, wenn er einem vom Leben in der Wand erzählt und von den launischen Göttern und den alltäglichen Ritualen und alldem … Außergewöhnlich! Für das dazugehörige Schriftgut hat der Betreffende bereits 2009 einen der Follow-„Awards“ eingeheimst: den Ersten Erzähler.

Den gleichen Titel gewann in diesem Jahr ein guter Bekannter: Klaus N. Frick erhielt den Preis für die Erzählung „Am Meer der Blitze“, erschienen in MAGIRA 2010. Er war leider nicht erschienen, die anderen Preisträger nahmen ihre Plaketten beim Höhepunkt des Festes, dem Zeremonienabend, persönlich entgegen. Diesem Abend fiebert ganz Follow ein Jahr lang entgegen, manche reisen nur dafür an, um die Show nicht zu verpassen. Das unbeständige Wetter zwang die Gesellschaft in ein geräumiges Festzelt, in dem man sich gemeinsam durch vier Stunden vielfältiger Unterhaltung schwitzte: wir sahen kulturspezifische Beiträge, improvisiertes Slapstick-Theater, würdevolle Zeremonien und Ehrungen. Meine Tochter, die immer erst Sterne sehen wollte, bevor sie ins Bett ging, bot irgendwann an, freiwillig schlafen zu gehen, doch auf sie wartete noch eine Auszeichnung. Als sie dann mit einer Plakette für die schönste Gewandung davonschwebte, hatte ich sie wohl für mein Hobby gewonnen.

Um das 45jährige Bestehen von Follow wurde während der ganzen Zeit kein großes Aufheben gemacht, es genügte ein gemeinsames Geburtstagsständchen aus über 300 Kehlen und ein Seitenblick auf den ergriffen dreinblickenden Mitgründer Lord Edbald, um zu wissen, daß es etwas Besonderes zu feiern gab.

Substanz von Mhjin

Die Mitglieder der „Substanz von Mhjin“, einer der knapp 80 Magiragruppen

Der letzte Tag

Der letzte Tag des Festes ist schwer zu beschreiben: Auflösungserscheinungen allerorten, vieles wird schon abgebaut, um am Sonntag früh abreisen zu können. Es gibt noch einen Flohmarkt mit Bücherständen und den allgegenwärtigen Kartons des Robert Vogel. Für die Mitglieder des Fantasy Club e. V. gilt es die jährliche Mitgliederversammlung durchzustehen – bei knapper Beschlußfähigkeit wurde dieser Punkt in einer Stunde absolviert: die Finanzen sind in Ordnung, die Publikationen gesichert, MAGIRA arbeitet wirtschaftlich, Applaus für den Vorstand, rasch noch ein paar Wahlen.
Wer mag, nimmt noch etwas Programm mit (ich z. B. habe etwas über die Schlacht bei Isandhlwana gelernt, als die Zulu den Briten am 22. Januar 1879 eine Niederlage beibrachten), dann aber wird es Zeit, Abschied zu nehmen, standesgemäß mit einer weiteren Party.

Der Magiranische Abend konnte dank des Festzeltes stattfinden, gleichwohl ertränkte ein Wolkenbruch den einzigen Freiluft-Programmpunkt, eine feurige Chemieshow mit magisch verbrämter Rahmenhandlung. Die Akteure hielten sich tapfer, aber irgendwann brannte nichts mehr – sie mußten aufgeben.
Auf der Bühne wechselten sich stimmungsvolle mit schmissigen Musikbeiträgen ab, Kabarettfreunde kringelten sich zu Vorträgen insipiriert von Horst Evers und Hanns Dieter Hüsch. Am Nachmittag hatte sie noch aus „Jenseits des Karussells“ vorgelesen, nun stand Ju Honisch auf der Bühne und begleitete sich selbst auf der Gitarre, während sie getragen Poetisches vorsang. Viele Teilnehmer hatten ihre Stücke erst während des Musikworkshops einstudiert, der jeden Nachmittag geöffnet hatte, da entschädigt das Engagement für den Dilettantismus.
Künstlerischer Höhepunkt war zweifelsohne Andreas von Rüdens „Fuge aus der magiranischen Geografie“, 
für die er einen Sprechchor auf die Bühne brachte, der rhythmisch magiranische Länder- und Ortsnamen zu Gehör brachte – ein wirklich packendes Stück Arbeit (übrigens inspiriert von einem Werk des Komponisten Ernst Toch)! Und gleichzeitig die Auflösung des Rätsels, warum manche Besucher die Woche über immer wieder murmelnd umhergelaufen waren („… und das LAND Tir Thuatha!“).

Wohl dem, der samstags hatte abbauen können: der Sonntag ertränkte alles nochmal in üppigem Regen. Doch das trübte den Eindruck nicht, ein entspanntes, erfreulich gut besuchtes Fest erlebt zu haben. Und ein kinderfreundliches dazu: „ich möchte noch mehrere Wochen hierbleiben“, sagte meine Tochter am Schluß. Das wollte ich auch.

Manfred Müller

Der Termin für das 41. Fest der Fantasie ist die Woche vom 4. bis 12. August 2012.
Veranstaltungsort ist Herbstein im hessischen Vogelsbergkreis.

Fotos: Peter Emmerich

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