Extrem zauberhaft – „Fillory: Die Zauberer“

Über Lev Grossmans „Fillory: Die Zauberer“

Lev Grossman - Fillory: Die ZaubererJenseits aller Pflichten und Stundenpläne, ledig aller beschwerenden Gedanken um die Zukunft und die Planung des Lebens fallen die Jungen gern in ein tiefes Loch mit bunten Wänden. Stürzend im freien Fall schweben sie dem Abgrund entgegen, keinen Gedanken an den Aufprall verschwendend, sondern nur damit beschäftigt, die nächste Party zu planen und sich von der letzten zu erholen, erlesene Getränke und Drogen zu organisieren und sinnfreie Vergnügungen zu erfinden, ewig ohne Geldsorgen, ohne Angst vor dem Lauf der Dinge, dem Finanzamt, Straßenräubern und anderen Zivilisationskrankheiten – ein Leben voller Magie und tiefer Einsichten, fein ziselierter Platitüden und beißendem Humor. Eigentlich kann sich das niemand leisten.

Quentin Coldwater, das Genie aus New York, ist gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch, das ihm den Weg an eine Elite-Universität ebnen soll. Bei ihm sind James und Julia, ebensolche Überflieger wie er – die Welt steht ihnen offen, alles fliegt ihnen zu und doch ist Quentin nervös. Und zum ersten Mal in diesem wunderbaren Buch kommt es anders, als man denkt: der Mann, der sie unter die Lupe nehmen sollte, liegt tot in seinem Haus; die Sanitäterin drängt Quentin einen Umschlag auf, darin findet er ein Notizbuch mit dem Titel „Der Zauber von Fillory“ und einen Zettel. Bevor er den jedoch lesen kann, reißt der Wind ihm das Papier aus den Händen. Als er in einen verwilderten Garten eindringt, um den Zettel zurückzuholen, läßt er das winterliche Brooklyn wundersamerweise hinter sich und findet sich wieder in einem sommerlichen Park. Herzlich willkommen im Brakebills College für jugendliche Zauberer!

Lev Grossman

Lev Grossman

Lev Grossman, 1969 unweit von Boston, Massachusetts, geboren, brauchte drei Jahre, um einzusehen, daß vergleichende Literaturwissenschaften ihn nicht glücklich machen würden. Seine ehemaligen Schulkameraden waren schon eifrig dabei, Reichtümer anzuhäufen, als er sich nach etwas anderem umsah. Nach einer Reihe von Jobs in Internetfirmen und Aufträgen als Artikelschreiber schaffte er 2002 den Sprung zum Time Magazine. Die New York Times machte ihm sogar Komplimente: er sei ein wirklich guter Kritiker, hieß es.
Was er selbst wohl zu seinem ersten Roman gesagt hätte? „Warp“ ging 1997 sang- und klanglos unter. Seine zweiter, „Codex“, die Geschichte um den Banker Edward, der ein geheimnisvolles Buch aufspürt, wurde ein Bestseller. Das vorliegende Buch (original: „The Magicians“) erschien 2009 und gelangte in den USA ebenfalls in die Bestsellerlisten.

Quentin weicht wie sein Schöpfer vom vorgezeichneten Weg ab. Er ergreift die Chance, die unbekannte Welt der Magie kennenzulernen und stürzt sich mit Eifer in das harte und nervtötende Studium der Zauberei, nicht wissend, wohin ihn dieser Weg eigentlich führen soll. Seine ganze Kindheit über hat er sich hinweggeträumt in das phantastische Land Fillory, das er in den Büchern des Schriftstellers Plover beschrieben fand: Beschreibungen der Abenteuer der Geschwister Chatwin, die nach Fillory gerufen werden, um dort als Könige zu herrschen. Die Ähnlichkeit von Fillory mit dem Narnia aus der Feder von C.S. Lewis ist unverkennbar; Quentin erinnert sich mit Widerwillen an die religöse Betulichkeit der Geschichten und Plovers missionarischen Eifer, doch das Land liebt er auch dann noch, als er erwachsen wird. Insgeheim hofft er, Fillory könne es wirklich geben …
Grossmans Brakebills College entschädigt erwachsene Leser für die infantilen und grotesken Elemente in der berühmtesten Zauberschule von allen, Joanne K. Rowlings Hogwarts. Brakebills ist harte Arbeit, gnadenlose Paukerei und erschreckend wenig Erkenntnis, garniert mit einem Hedonismus, der immer stärker von Alkohol und Sex gekennzeichnet ist, je älter die Studenten werden – worauf Hermine und Ron und Ginny und Harry erst noch hinwachsen müssen, ist Grossmans Charakteren Lust und Last.

Die variantenreiche deutsche Übersetzung läßt ahnen, welche Qualität das Original haben muß: Grossman verbreitet den Nimbus hoher Bildung, seine dramaturgischen Einfälle sind erfrischend klischeefrei. Er läßt so gut wie jede vorhersehbare Wendung aus und überrascht den Leser mit den sprunghaften Gedanken und Entscheidungen zwiegespaltener, gebrochener Figuren.
Originell und frisch wirkt auch das Magiemodell: keine Slapstickeinlagen und kein Küchenlatein wie bei Rowling, keine körperlosen Energien wie bei Canavan oder Zimmer-Bradley, sondern ein unendlich komplexes Geflecht aus Sprache und Gesten, Ingredienzien und Begleitumständen – die „Zirkumstanzien“ –, das weder langweilt noch zum Lachen reizt. Alles ist selbstverständlich und doch wundersam. Und als man schon gar nicht mehr daran glaubt, geht es doch noch auf große Reise …

„Fillory: Die Zauberer“ bleibt bis zum Ende eher handlungsarm, eine Kette von Episoden, zusammengehalten nur durch die Beschreibung dieses sonderbaren Magiestudiums. Nicht einmal das Ende – obschon milde pointiert – wirkt erzwungen, ganz passend zu diesem wunderbaren Stück Unterhaltung, daß eher glaubwürdiger Entwicklungsroman ist denn rasantes Abenteuer. Es könnte damit gut sein, Grossman sich anderen Dingen zuwenden, doch nach eigenem Bekunden sitzt er fleißig in Brooklyn und hofft, daß die Fortsetzung noch 2011 erscheinen kann. Damit bin ich sehr einverstanden.

Manfred Müller

Lev Grossman – „Fillory: Die Zauberer“
Aus d. Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Fischer FJB, Frankfurt, 2010
(orig.: „The Magicians: A Novel“, 2009)
ISBN 978-3-8414-2100-5

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