Dreizehn sein …

Hunter Brown und Walküre Unruh – Jugendliche und ihre Abenteuer in Gegenwelten

Kann es für einen Jugendlichen eigentlich noch etwas Schlimmeres geben als Pubertät? Alles verändert sich und vielleicht nicht zum Guten, man ärgert sich täglich über Pickel, Haare, Körpergeruch, doofe Erwachsene, grobe Jungs, zickige Mädchen, und darüber, daß man von dem einen zuviel und von dem anderen zuwenig hat. Immer behandeln sie einen wie ein Kind, gleichzeitig soll man Verantwortung übernehmen wie ein Erwachsener! Und wieso versteht eigentlich niemand, daß das Gehirn eines Jugendlichen völllig anders funktioniert als die Gehirne von Kindern oder Erwachsenen?

Als sei das nicht genug, werden Jugendliche in der phantastischen Literatur allerlei Gefahren ausgesetzt, auf die sie gut hätten verzichten können: Mit 13 unternimmt Harry Potter, dem die schwersten Kämpfe gegen den Dunklen Lord Voldemort noch bevorstehen, nicht nur eine halsbrecherische Bustour durchs nächtliche London, er lernt außerdem die kaltherzigen Dementoren kennen, die ihn fast das Leben kosten. Hunter Brown, der Junge, dessen Vater die Familie verlassen hat, lernt mit 13 das phantastische Land Solandria kennen und muß gegen die unheimlichen Schatten und ihren Herrn Venator kämpfen, während Stephanie Edgley als 13Jährige vom Leben so sehr gelangweilt ist, daß sie es als begrüßenswerte Abwechslung empfindet, fortan unter dem Kampfnamen Walküre Unruh im Reich der Zauberer gegen das Böse zu kämpfen – daß dessen Anführer Serpine sie jedoch ohne mit der Wimper zu zucken töten würde, hatte sie zwar nicht einkalkuliert, aber sie lernt, damit zu leben. Ohne ihren Gefährten, den zaubermächtigen Detektiv Skulduggery Pleasant, geht es jedoch nicht. Daß dieser ein lebendes Skelett ist, steckt Walküre erstaunlich gelassen weg …

Christopher & Allan Miller – Hunter Brown 2

Christopher & Allan Miller – Hunter Brown 2, „Die Flamme der Ewigkeit“

Hunter Brown
2008 erschien mit „Hunter Brown and the Secret of the Shadows“ (dt. „Hunter Brown – der Kampf gegen die Schatten“) der erste Band einer Reihe, deren dritter zur Zeit erwartet wird, Band 2, „Hunter Brown – Die Flamme der Ewigkeit“ (orig. „Hunter Brown and the Consuming Fire“) ist in diesem Jahr beim Wittener SCM-Verlag erschienen. Die amerikanischen Autoren, die Brüder Christopher & Allan Miller, schildern, wie Hunter mit zwei Freunden die phantastische Gegenwelt Solandria entdeckt und mitten in den Kampf gegen die bösen Schatten und ihren Anführer Venator gezogen werden. Auf der Seite des Wortkrieger-Widerstandes kämpfen sie gegen die Schatten, mit merklicher Unterstützung durch den Autor, der das Schicksal der Welt Solandria bestimmt. Am Ende wird Venator besiegt und Hunter kehrt in seine Welt zurück.
Im nun vorliegenden zweiten Teil verschlägt es Hunter wieder nach Solandria, nachdem es den Schatten gelungen ist, ins Diesseits vorzudringen. Er erfährt, daß der Autor ihn dazu ausersehen hat, die Flamme der Ewigkeit durch Solandria zu tragen, um die Sieben zu finden und mit der Flamme zu zeichnen. Denn der Widerstand der Wortkrieger ist auf dem Rückzug, ihre Organisation ist erschüttert und wenn sie nicht zusammenhalten, werden die Schatten siegen und ganz Solandria erobern.
Erschwert wird die Mission dadurch, daß Hunter und seine Freunde von dem geheimnisvollen Krieger Xaul verfolgt werden, dessen Volk im Kampf gegen die Schatten ausgelöscht wurde. Er hat es auf die Flamme abgesehen, denn sie war einst der größte Schatz seines Volkes.

Derek Landy – Skulduggery Pleasant 1

Derek Landy – Skulduggery Pleasant 1, „Der Gentleman mit der Feuerhand“


Skulduggery Pleasant
Der Ire Derek Landy veröffentlichte den ersten Band seiner Reihe um den skelettierten Spürhund im Jahr 2007. Mittlerweile liegen fünf Bände im Original vor – neun sollen es werden –, im Herbst erschien die deutsche Übersetzung des vierten im Loewe-Verlag.
In „Der Gentleman mit der Feuerhand“ erfahren wir, daß die jugendliche Heldin Stephanie den Großteil des Vermögens ihres Onkels Gordon erbt. Der war nicht nur ein erfolgreicher Autor von phantastischen Romanen, sondern er hatte auch eher ungewöhnliche Freunde – Zauberer. Einer davon ist der Elementemagier und Privatdetektiv Skulduggery Pleasant, der im Kampf gegen das Böse Fleisch und Blut einbüßte und fortan als Skelett herumlaufen muß. Stephanie, die schnell lernt, daß es von Vorteil ist, den eigenen Namen geheimzuhalten und sich darum Walküre Unruh nennt (im Englischen etwas weniger plump: Valkyrie Cain), und Skulduggery müssen verhindern, daß dem bösen Magier Serpine das Zepter der Urväter in die Hand fällt, eine Waffe, gegen die es keinen Schutz gibt.

“Die Rückkehr des Groteskeriums“ schildert, wie ein anderer böser Zauberer eine Art Homunkulus erschafft, um eine der alten Gottheiten, genannt die „Gesichtslosen“ (mit leicht cthulhoiden Zügen), auf die Erde zurückzuholen, was natürlich verhindert werden muß, während in „Die Diablerie bittet zum Sterben“ die Zahl der Gegner zunimmt und auch die Bedrohung der Welt durch die uralten grausamen Götter. In „Sabotage im Sanktuarium“ lernt Walküre selbst dunklere Methoden der Zauberei kennen – mehr sei hier nicht verraten, weil es gut möglich ist, daß der vierte Band unter diesem oder jenem Weihnachtsbaum gelegen haben wird.

Bestimmung und Freiheit
Kurz gesagt: Hunter Brown hat keine Chance, sich gegen sein Schicksal zu stemmen, es sei denn, er entschiede sich für die dunkle Seite, was automatisch bedeutete, der Verdammnis anheimzufallen. Zwar schildern die Millers den Fall eines Charakters, der aus Angst Verrat begeht, doch ihm wird nur verziehen, weil er so zerknirscht ist und eigentlich nur aus Verzweiflung gehandelt hat.
Generell geschieht in Solandria nämlich nichts, was nicht im Plan des Autors enthalten ist. Er hat nicht nur die Welt erschaffen, er hat auch das Buch der Wahrheit verfaßt, aus dem die Wortkrieger Wissen, Zuversicht und ganz praktische Methoden für den Kampf gegen die Schatten schöpfen – ein praktischer Allroundratgeber unter dem Motto der drei V: Via, Veritas, Vita: der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das kennen wir doch …

Stephanie hat solche Probleme nicht. Sie ist einerseits gelangweilt, andererseits fürchterlich neugierig, sie haßt ihr Leben und ist mehr als begierig, ein anderes zu beginnen, auch, wenn das bedeutet, sich in Lebensgefahr zu begeben. Ihre Gegner, lassen ihr sogar glaubhaft die Wahl: Geh aus dem Weg, Kind, und Dir passiert nichts! Doch Stephanie alias Walküre entscheidet sich dafür, das ihre zu tun, um eine dunkle Bedrohung abzuwehren und sie setzt ihr Leben ein, um ihrem neuen Freund Skulduggery, den zu mögen wirklich nicht leicht ist, beizustehen.

Den Kampf führen die beiden mit viel Galgenhumor und einer ordentlichen Portion Respektlosigkeit und der immerwährenden Bereitschaft, Regeln zu brechen, wenn es der Sache dient und dem Guten zum Sieg verhilft. Glücklicherweise stellt sich nie wirklich die Frage, wer die Guten sind, denn das sind wir: unwissende, rosige Dummerchen, die nicht den Hauch einer Ahnung haben, welch übles Los ihnen beschert wäre, gelänge es den Bösen, die Gesichtslosen zurück in die Welt zu holen. Da fallen ein paar Gesetzesübertretungen nicht ins Gewicht.

Derek Landy

Derek Landy


Marktchancen
Landy kann fast frohgemut eine neunteilige Reihe ankündigen – Young-Adult-Fantasy und All-Ager verkaufen sich wie geschnitten Brot, zumal, wenn sie der Unterart der „urban fantasy“ angehört (zu der man im weiteren Sinne auch Harry Potter zählen kann). Wenn man dazunimmt, daß Landy einen leicht konsumierbaren Mix aus überschaubarer Handlung, mitreißender Dramaturgie (hier wird die Routine des Drehbuchschreibers spürbar) und prägnanten Charakterzeichnungen darbietet, zweifelt man nicht daran, daß er erfolgreich sein wird – er ist es ja jetzt schon, denn allein die lapidar schnoddrigen, sarkastischen Dialoge zwischen Skulduggery und Walküre (anfangs sicher nicht ganz altersgerecht gezeichnet) sind die Lektüre wert. Länger als einen Tag habe ich für keinen der Bände gebraucht! Und ich möchte einzig die deutsche Übersetzung in einem winzigen Detail beanstanden: Hat man schonmal davon gehört, daß einem die Ohren zufallen? Augen, ja, liebe Ursula Höfker, aber Ohren?

Band 2 der Hunter-Brown-Reihe hat mich dagegen viele Wochen gequält. Die Sprache ist sehr wechselhaft, von bemüht jugendlich bis unbeholfen pathetisch, wobei erst der Vergleich zum Original zeigen könnte, ob hier nur an der Übersetzung gespart wurde oder ob die Herausforderung in einer qualitativ minderwertigen Vorlage bestand.
Dramaturgisch kann die Geschichte die sprachlichen Mängel nicht herausreißen, denn wir hüpfen von einem deus-ex-machina-Erlebnis zum nächsten, wirkliche Eigeninitiative gibt es kaum, die Figuren handeln effektiv wie ferngesteuert. Der einzig interessante Charakter, der verbitterte Xaul, der als einziger einen spannenden Grauton in die Palette bringt, wird verheizt, seine Motive werden als irregeleitet dargestellt und völlig an den Rand gedrängt – verschenktes Potential.
Der Weltentwurf könnte die Solandria-Geschichte retten, doch das Szenario der „Schären“ genannten Inseln, die über der grauen Leere treiben, die von besonderen Schiffen befahren wird, spielt lediglich in einem Kapitel eine Rolle und kann kaum etwas zum Flair beitragen. Landys düstere urbane Szenen mit allerlei geheimnisvollen Schauplätzen in Bibliotheken, heruntergekommenen Stadtvierteln von Dublin, von Vampiren bewachten Museen oder uralten Höhlensystemen tragen dagegen viel mehr zum Leseerlebnis bei.

Hunter Brown #2 und Skulduggery Pleasant #3 enden beide übrigens mit einem Cliffhanger. Während aber Derek Landy bereits sein fünftes Buch plaziert hat, haben es die Millers lediglich geschafft, eine Vorankündigung für den dritten Teil ihrer Geschichte zu lancieren. Für andere ihrer Projekte suchen sie auf ihrer Webseite ganz offen nach Investoren. Es scheint, als lieferten sie schwerverdauliche Kost.

Die Überzeugungsfalle
Interessant zu sehen, wie nahezu religionsfrei Landy, der aus dem immer noch tief katholischen Irland stammt, den Hintergrund seiner reihe aufbaut, ähnlich übrigens wie Joanne K. Rowling es konsequent vermeidet, der Kirche in Harry Potter eine Rolle zuzuweisen.
Das tun die Millers auch nicht. Gott braucht nicht unbedingt eine Kirche, er kann viel direkter wirken: schon als Kinder turnten sie im christlichen Buchladen ihrer Eltern herum, die Bibel war ihr täglich Brot. Ein Bibelzitat gab schließlich den Anstoß, sich als Autoren von Büchern und Trickfilmserien zu versuchen, alles mit christlichem Hintergrund, versteht sich, denn: „Gott ist der perfekte Autor.“ Und Zufälle gibt es nicht. Genausowenig wie Verlage, die große Marktchancen sehen für weltanschaulich eng definierte Inhalte. Natürlich gibt es im christlichen Westen Verlagshäuser, die ein religiös geprägtes Programm haben und so fanden die Bücher der Millers schließlich doch noch einen Verleger.
Hierzulande mag man ihnen und Hunter Brown dagegen nur Außenseiterchancen einräumen. Die Haltung der Millers ist einfach zu engstirnig. Allan unterhält einen speziellen Blog mit dem Titel „Nobody made this Blog“ in Anspielung auf die Behauptung der Anhänger der Evolutionstheorie, daß die Entstehung des Lebens auch ohne Gott möglich war – dann ist sein Blog eben auch ohne Urheber entstanden.
Ein Kreationist reinsten Wassers also und er schickt Hunter durch die Hölle, läßt ihn seinen Lehrern widersprechen, als es um die Evolution geht, und den Glauben an nicht belegbare Dinge verteidigen. Die Schulpsychologin ist im wahrsten Sinne des Wortes des Teufels, ja, eine Inkarnation des Teufels! Und Hunters Handlungen sind immer dann erfolgreich, wenn er alles eigene Streben aufgibt und blind auf das Wort des Autors vertraut. Daß er nur durch diesen Kadavergehorsam zum erfolgreichen Schlächter wird, verwundert da nicht.

Walküre Unruh sieht ebenfalls dem Tod ins Auge, doch der Tod ihrer Gegner ist nicht ihr Ziel, was man von ihrem Partner Skulduggery nicht behaupten kann. Die Gesichtslosen Götter jedoch und ihre allesverzehrende Herrschsucht sind ein deutliches Bild für die Überzeugung des Autoren Landy, daß es den Menschen am besten geht, wenn sie sich selbst um ihre Belange kümmern – ein jeder nach seiner Überzeugung und am besten gemeinsam mit Freunden. Das scheint als Ideologie tragfähig und ausreichend. Freunde bei Hunter Brown sind dagegen nur solange welche, wie sie nicht wanken. gehen sie einmal fehl, trifft auch sie der Zorn der Gerechten.

Bedenkt man, daß beide Reihen für Kinder und Jugendliche gedacht sind, kann man zweierlei empfehlen: Haltet Hunter Brown von euren Kinderzimmern fern! Alles daran ist unterschwellige Missionspropaganda und vermittelt eine Ideologie, die allem Streben nach besserer Bildung unserer Kinder zuwiderläuft. Zudem ist im Miller-Universum kein Raum für Liebe. Zuneigung wird nur dem Gläubigen zuteil, alle anderen sind verdammt.

Und: Skulduggery mag abschreckend daherkommen, aber im tiefsten Inneren seines nicht mehr vorhandenen Herzens ist er ein treuer Freund, auch wenn er seine Freunde manchmal ganz nonchalant hängen läßt, weil er noch was wichtiges zu erledigen hat. Walküre wird noch der Kopf zurechtgerückt werden, denn sie vernachlässigt ihr Familienleben, aber diese Nebenhandlung muß sich noch entfaltren. Mal sehen, ob sie die Kurve kriegt …

Manfred Müller


Christopher & Allan Miller
Hunter Brown – Die Flamme der Ewigkeit
SCM-Verlag (Stiftung Christliche Medien), Witten 2010

Derek Landy
Skulduggery Pleasant – Der Gentleman mit der Feuerhand
Skulduggery Pleasant – Das Groteskerium kehrt zurück
Skulduggery Pleasant – Die Diablerie bittet zum Sterben
Loewe-Verlag, Bindlach 2007 ff.

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