Muskeln zu zeigen kann ganz schön nach hinten losgehen. Ich war erst ein halbes Jahr im Team, als die folgende Aufgabe auf uns wartete: Der Kunde wollte eine neue Generation von Dieselmotoren auf den Markt bringen und diese Neuerung auch in seinem Mitarbeitermagazin vorstellen. Die Frage nach passenden Bildern erbrachte nichts Brauchbares. „Könnt ihr nicht was Sinnbildliches zeichnen?“ Tja, konnten wir?
Ein Kollege kam mit der Idee an, man solle Muskeln zeigen, am besten einen starken Männerarm als Symbol für Kraft. Okay. Als Vorlage wählte er seinen eigenen Arm – nicht so gut, Arm und Mann sind recht hager. Davon unbeirrt stürzte er sich auf das Problem und entwarf einen Titel. Ich sag’ mal, es lag nicht an seinem Arm, doch der Titelzeichnung mangelte es an optischer Korrektheit, Plastizität und Ausdruck. Aber es war die beste Idee, die wir hatten …
Glücklicherweise ist das Netz voll von Vorlagen, ein Arm fand sich schnell. Ich legte eine Folie über einen Ausdruck, skizzierte mit einem Edding 3000 Konturen und Schattengrenzen und scannte das Ergebnis ein. Plaziert auf dem Titel, vor gelbem Hintergrund, sah es zwar nicht ganz so kraftvoll aus, wie ich es gern gehabt hätte, aber es funktionierte halbwegs. Fehlte noch ein Tattoo: schnell mit einer Metal-Schrift das Wort “Dieselpower” gesetzt, Konturen definiert und im Photoshop ein wenig aufgeblasen, weil es ja auf einen geschwollenen Bizeps gelegt werden sollte – der erste Entwurf war fertig.
„Also, die Schrift von dem Tattoo … die ist jetzt nicht so nett …“ Jaja, schon gut. Also ein neues Tattoo bauen: hastig einen Kolben mit Pleuelstange abgepaust, gescannt und zwei davon in Photoshop gekreuzt, Konturen drumherum, „Dieselpower“ aus einer neutraleren Schrift gesetzt, alles wieder leicht aufgeblasen, in InDesign plaziert – fertig war Entwurf Nummer zwo.
Schnell alles zusammenpacken und ab damit in die Repro. Die Kollegen dort kümmern sich um den Bildbestand und die Herstellung korrekter PDF. Doch schon den ersten Proof konnten wir gleich in den Müll werfen, weil mittlerweile der Flurfunk darauf aufmerksam gemacht hatte, daß der Titelentwurf Anklänge an nationalsozialistische Symbolik aufweise. Jaja, die Nazis und ihre Kolbentattoos … Doch da konnte ich scherzen, soviel ich wollte, der Titel mußte „entschärft“ werden.
Zuerst wurden die Signalfarben gestrichen: Gelb und Schwarz und auch noch Rot – das war zuviel! Gelb und Rot wurden weitgehend durch ein kühles Hellblau ersetzt, doch da hatte ich mich innerlich schon von dem Entwurf verabschiedet. Nun waren die Konturen dran: viel zu aggressiv sei der Skizzenstil, hieß es. Ich plazierte das Bitmap-TIFF im Illustrator und zeichnete die Schattenpartien nach, bis sie mich entfernt an eine fertig geinkte Comiczeichnung erinnerten. Die Pfade kopiert, in InDesign eingefügt, schwarz eingefärbt – daß das Endergebnis viel eher an Brekersche Idealfiguren erinnert als der rohe Skizzenstrich, darauf habe ich dann nicht mehr hingewiesen.
