IF Advent = TRUE

Heizungssteuerung

Heizungssteuerung ©1985 by Martin Kempf

Wohl dem Hausbesitzer, der einen elektrotechnisch talentierten Sohn hat! Da kann man sich so manchen Zimmermann respektive den Gang zum Heizungstechniker sparen, wenn es darum geht, der hauseigenen Holzheizung eine elektronische Steuerung zu verpassen. Im Bild das Ergebnis: zugegeben, die Verkabelung genügt vielleicht nicht den strengen Kriterien der Innungsprüfer des Elektrohandwerks, aber das ästhetische Empfinden wird wohltuend gestreichelt, während es an der Funktion viele Jahre lang nichts zu mäkeln gab.

Der talentierte Sohn ist mittlerweile längst erwachsen, als treusorgender Familienvater kümmert er sich liebevoll um Ausbau und Instandhaltung des Hauses, richtet ein Zimmer für die Gattin, hat ein Ohr für die Wünsche der Tochter und arbeitet unermüdlich im Dienst der Familie, solange die sich nicht zu sehr daran stört, daß es unter dem Putz kabeltechnisch eher wie auf einem vielspurigen Highway in Los Angeles zugeht, verglichen mit den einspurigen Elektrowanderwegen, an die Laien für gewöhnlich denken, wenn sie das Meßgerät aus dem Baumarkt an die Wand halten, bevor sie ein Loch für den Wandhaken bohren. Und daß sich all diese Stromautobahnen in einem quadratmetergroßen Schaltkasten in Papas Büro treffen, darf die Familie auch nicht beunruhigen. Immerhin wird von dort alles gesteuert, was es im Haus zu steuern gibt, ohne das gibt es kein Licht, keine Heizung, keine Lüftung, keine Musik – keinen Spaß und keinen Komfort eben.

Schaltschrank

Schaltschrank vor dem Umbau auf SPS

Gut ein Jahrzehnt lang hat das Klackern der Relais und das unterschwellige Brummen die Energiewirtschaft im Haus des talentierten Vaters begleitet, nun ist Schluß damit: raus mit den alten Relaiskarten voller Optokoppler und Interfaces! Stattdessen kommt nun eine speicherprogrammierbare Steuerung von Schneider Electric zum Einsatz, ein an sich unscheinbarer Kasten mit ein paar Ein- und Ausgängen und einer Relaisbatterie, die wiederum jede Art von Relais schalten kann, die man für Stromkreise unterschiedlicher Spannung braucht.

Schaltschrank SPS

Schaltschrank mit SPS-Modul, noch ohne Verkabelung

Für jemanden, der es schon geschafft hat, vermittels der Montage eines Schalters in einen simplen Stromkreis einen Kabelbrand zu erzeugen und der bereits durch die reine Planung eines Wechselschalters für die heimische Wohnung in Lebensgefahr gerät, ist das alles Hexenwerk. Der Fachmann freut sich, daß die Haussteuerung nun wesentlich aufgeräumter wirkt – gut, der Verkabelungsplan für die Ein- und Ausgänge wirkt immer noch komplexer als der Netzplan der Londoner U-Bahn, aber die Steuerung an sich geschieht halt in einer winzigen Box. Daß man damit auch die Produktion einer kleineren Fabrik steuern könnte, ist eine andere Geschichte.

Der Advent kann kommen. Selbstverständlich wird auch die saisonale Dekoration des Hauses in SPS-Obhut genommen. Schluß mit dem gequälten Ächzen nach Feierabend, wenn der Vater auf Geheiß der Gattin an einem verregneten Novemberabend Lichterketten ins Gebüsch des Vorgartens flicht. Jetzt bleibt alles, was leuchtet, gleich im Gestrüpp, Ostern, Halloween, Weihnachten – es muß bloß noch programmiert werden:

IF Advent = TRUE
THEN IF TIME() < T#0H15M THEN Steckd_Vorgarten := TRUE; RETURN; ELSIF TIME() > T#15H30M
THEN Steckd_Vorgarten := TRUE;
RETURN;
END_IF

CASE Tag_nr OF
1..5: IF TIME() > T#5H45M AND TIME() < T#9H30M THEN Steckd_Vorgarten := TRUE; ELSE Steckd_Vorgarten := FALSE; END_IF ELSE IF TIME() > T#8H AND TIME() < T#11H
THEN Steckd_Vorgarten := TRUE;
ELSE Steckd_Vorgarten := FALSE;
END_IF
END_CASE
END_IF

Wer sinnvoll steuern möchte, braucht natürlich Sensoren. So verraten Magnetschalter der Zentrale, wann welche Tür im Haus geöffnet und geschlossen wird. Das riecht nach lückenloser Überwachung der Hausinsassen. Braucht man dafür nicht auch Mikrofone und Kameras? Braucht man nicht: in der SPS werden digitale Schaltprofile für analoge Erregungskurven angelegt, sprich: wenn jemand den Taster fürs Treppenlicht unabsichtlich kurz streift, geschieht gar nichts, drückt man den Taster dagegen energischer, wird das Licht eingeschaltet. Unterschiedliche Benutzer betätigen einen Taster unterschiedlich: der eine drückt eine Zehntelsekunde, der andere länger und vielleicht mit schwankender Druckkraft und diese verschiedenen Betätigungsweisen produzieren individuelle Erregungskurven – eine ausreichende Datenbasis vorausgesetzt, lassen sich theoretisch schon dadurch Bewegungsprofile der Hausbewohner erstellen.

Big Brother im Vorstadtidyll? „Keine Sorge“, beruhigt die Gattin, „ich bin ja auch noch da.“

de.wikipedia.org/wiki/Speicherprogrammierbare_Steuerung

Ähnliche Beiträge

Abgelegt unter Technik und getaggt mit , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>