Odyssee im Farbenmeer

Notizen vom vergangenen Sommer:

Mein Fahrrad ist orangefarben. Ich liebe diese Farbe. Sie macht gefühlt ein Viertel meiner Höchstgeschwindigkeit aus. Eigentlich sind es zwei Orangetöne, dazu ein bißchen silbernes Pinstriping und orangefarbene Flammen. Großartig!

Leider waren dem Vorbesitzer die Farben völlig egal und so hat er das gute Stück durch den Wald und über Schotterpisten gejagt, hat abgeplatzten Lack mit Aufklebern kaschiert und nicht mal Grundierung über die Schrammen von seinen Kettenklemmern gepinselt. Bei näherer Betrachtung ist das zum Heulen!

Dieser Tage baue ich das gute Stück völlig neu auf. Als der Rahmen nackt auf dem Montageständer vor mir steht, denke ich: Da könnte man doch jetzt auch den Lack restaurieren! Die Gelegenheit ist günstig, ja, aber welche Farben nehme ich?

Salsa Las Cruces
Die Homepage des amerikanischen Herstellers schweigt sich über die Farben aus – „Dreamcicle Orange“ steht da, nur: welches Orange meinen sie? Und „dreamcicle“ steht auch nicht im Wörterbuch. Heißt wahrscheinlich einfach „großartig!“ im Slang von Minnesota.

Also schreibe ich den Jungs eine Nachricht und bitte Sie, mir doch zu sagen, welche Farben sie damals festgelegt haben. Herzlichen Dank, ein Fan. Antwort: „Darker Orange: PMS 1655C, Orange: PMS 151C“ Cooool!! Doch dann stutze ich: Das sind – richtig – Pantone-Farben. Das kommt dabei heraus, wenn Designer am Bildschirm Fahrräder entwerfen und die Rahmen in Taiwan bauen lassen. Natürlich kann ich damit nichts anfangen.

Ein Freund von mir ist Malermeister, der ist immer auf dem Stand der Technik. Ich baue die Gabel aus, weil ich sowieso zum jährlichen Grillwochenende in seinem Privatdschungel fahre. Noch vor dem ersten Bier zückt er seinen RAL-Fächer und wir stellen fest: ein Ton paßt fast, für den anderen finden wir keine Entsprechung. Aber er hat da so ein kleines Meßgerät, das vergleicht die gescannte Farbe mit eingespeicherten RAL- und NCS-Farbtönen – nicht so gut wie eine Spektralanalyse, aber für den Alltag reicht es. Schade: Mehr als 80–90% Übereinstimmung zeigt das Gerät nirgends an. Da muß dann wohl jemand Farbtöne mischen, auf Blechstreifen pinseln und sich herantasten. Trotzdem vielen Dank und nun hin zu Bier und Schnitzel!

Meine Suche nach den richtigen Farben für mein Fahrrad führt mich als nächstes in ein Farben-Fachgeschäft (Lacke, Wandfarben, Künstlerbedarf etc.). Der RAL-Fächer hätte mich schon warnen müssen, so vergilbt ist das Ding. Egal, in 24 Stunden will der Inhaber zwei passende Farbtöne gemischt haben. Schön.

Tags drauf gehe ich da hin und er zeigt mir meine Gabel, die ich ihm als Muster dagelassen habe, daneben zwei Marmeladengläser mit Farbe. Und der Gute hat mir doch glatt seine Mischung auf die Gabel gepinselt! „Sie sehen ja selbst, da ist ein deutlicher Unterschied. Diese Brillanz kriege ich nicht hin.“ Mann … 18 Euro hätte er dafür bekommen, aber das Geschäft entgeht ihm nun. Und feucht ist die Farbe auch noch, so daß ich mich noch in der Bahn einsaue …

Nächster Versuch: eine Karosseriewerkstatt, Meisterbetrieb, fette Custom-Harleys davor, eine Stretchlimousine auf dem Hof, ein paar Zuhälterkarren in der Werkstatt. Der Chef (ein älterer Herr, der sichtlich gut gelebt hat bis jetzt) zu mir: „Nä, dat künne mer nit! Do müssen Se nom Spiesnhecker jonn!“ Zu wem? Ach so, Spies + Hecker. Klar. „Dat weed ävver düür! Dat künne Se nit bezahle!“ Woher will er das wissen? Nur, weil meine Jeans geflickt ist?

Ich rufe also bei der Gebietsvertretung von Spies + Hecker an. Mein Gesprächspartner ist sehr freundlich und empfiehlt mir einen Fachbetrieb, der S+H-Produkte einsetzt („Sagen Se dem Chef, ich hätt Se jeschick’. Dann mäht der dat!“). Da solle ich hingehen, die würden dann das Teil zu ihm zur Messung schicken. Die Farben würde mir der Betrieb anschließend mischen und verkaufen. Schön!

Nächster Anruf: der Lackierer in Ehrenfeld, der Chef ist nicht da, aber ein Angestellter. Um was es geht? Ein Rennrad. „Geht nicht.“ Jetzt bin ich aber verblüfft, weil der S+H-Mann ja meinte, das gehe. Der kennt dann wohl sein eigenes Meßgerät nicht, denn das braucht eine plane Meßfläche von 10×10 cm, lerne ich nun – typischerweise schickt man da wohl Tankdeckel hin. Aber ich könne gern vorbeikommen und ein paar tausend Lackproben vergleichen – natürlich nur, wenn der Chef nicht da sei, weil der sowas gar nicht gerne sehe.

Nochmal bei Spies + Hecker angerufen: „Hörnsemal! Das funktioniert ja gar nicht mit Ihrem Gerät.“ Und dann erkläre ich ihm die Sachlage. Aber er weiß Rat: „Kloppen Se der Rahmen doch platt!“ Da wünsche ich ihm dann auch ein schönes Wochenende und lege auf.

Bei meiner Suche bin ich dann noch auf die Adresse von dem angeblichen Wunderlackierer gestoßen. Der arbeite ganz ohne Meßgeräte, mische alles nur nach Augenmaß. Toll! Arbeitet aber nur eimerweise – Leute wie mich schickt er gleich wieder weg.

Anderer Versuch: die Glasurit-Homepage. Da gibt es einen regionalen Großhändler in Köln, der seinen Abnehmerbetrieben auch das RatioScan-II-System anbietet. Das scheint mit einer wesentlich kleineren Meßfläche auszukommen. Angeschrieben und um Adressen von Fachbetrieben gebeten, die das Ding besitzen.

Hm, warum nicht gleich zur Quelle gehen? Unweit meines alten Büros sitzt ein Hersteller von Oberflächenprüfgeräten (gleich neben dem VdS, wo sie all die stümperhaften Versicherungsbetrugsversuche aufdecken). Angeschrieben und ebenfalls um Adressen gebeten – alternativ würde ich auf dem Heimweg gleich mal reinschauen.

Drei Tage später:

Ich nutze das heiße Wochenende, um mich farbtechnisch auf dem Balkon auszutoben. Im nächsten OBI-Markt habe ich zwei Sprühdosen mit ansehnlichen Orangetönen erstanden – nicht wirklich passend, aber wenn die Holde den Unterschied vorgeblich nicht erkennt (lieb von ihr, oder?), könnte der Rest der Welt ja auch mal gnädig sein. Kurzes Fazit: ein Lackierer wird aus mir nicht werden. So eine Sauerei … Und: ja, man sieht die geflickten Stellen natürlich nur zu gut! Ich denke daran, künftig beim Radfahren mein mit Schande beladenes Haupt unter einer braunen Papiertüte zu verbergen. Das wär’ auch besser für den unbeschreiblichen Sonnenbrand, den ich mir bei der Aktion geholt habe …

Heute dann Antwort von dem Meßgerätehersteller: man empfiehlt mir, eine Bauhaus-Filiale aufzusuchen, da gebe es auch Farben. Gut, daß sie ihr Geld mit Meßgeräten verdienen und nicht mit Heimwerkertips.

Wie die Geschichte wohl endet? Wird das arme Salsa Las Cruces seine Farben bekommen oder wird es Zeit seines Lebens mit häßlichen Falschfarbenflecken herumfahren müssen? Demnächst mehr an dieser Stelle …

Sorgenvoll

Manfred

P.S.: Wenn ich auf der Arbeit aus dem Fenster schaue, sehe ich ein Farbmischwerk, zwei Fußballfelder groß, vier Riesentanks mit Basislack, ein Lager voller Container, mit Pigmenten, Additiven, Füllstoffen, Bindemitteln und was der Lackierer sonst noch braucht. Das Ding donnert 24/7 vor sich hin und pumpt so ziemlich alles, was man möchte, direkt ans Band, in die Lackiererei hinter mir. Wenn man aber die Kollegen fragt: die wissen nicht, wer das Farbwerk steuert. Wenn ich das rausfinde, bin ich wahrscheinlich am Ziel: dem geheimnisumwobenen Labor in einem vergessenen Winkel der großen Autofabrik. Da haben sie sicher jedes Meßgerät der Welt und alle Farben, die man sich wünscht, in kleinen Töpfchen und Feinwaagen und Mischgeräte und kleine Sprühpistolen und Blechpröbchen und Trockenkabinen und Normlichtlampen und ein kleiner, alter Mann mit Brille humpelt in seinem weißen Kittel herbei, nimmt meine Fahrradgabel in die Hand, schiebt die Brille in die Stirn, reibt sein Kinn und sagt selig lächelnd: „Hm, hm, hm … hätte nicht gedacht, daß ich das noch mal zu Gesicht bekomme.“ Und dann krümmt er seinen faltigen Zeigefinger und sagt mit quietschender, rauher Greisenstimme: „Kommen Sie mal mit, ich habe da genau das Richtige für Sie …“

Ach ja …

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Eine Antwort auf Odyssee im Farbenmeer

  1. Ralf Grosser sagt:

    Meine subjektive Meinung: Ein Fahrrad in jeder Farbe schön, solange es aus Reynolds 531 Rohr ist!

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