Martell

Stilfser JochEndlich bin ich frei! Um drei Uhr schnalle ich das Gepäck auf dem Motorrad fest und breche auf nach Süden. Das Morgengrauen schläft noch im Rheinland. Endlich, endlich, ein paar Tage Zeit nur für mich, ohne die tägliche Routine aus stinkenden Windeln, Geschrei, Haushalt, Spülen, Spülen, Spülen, Wäsche, und dem Genörgel der Frau, es sei nicht sauber genug. Noch sind die Hände müde, der dicke Handschuh steif vom langen Nichtbenutzen, aber der Griff wird fester, ich gebe Vollgas, ich will weg!

Um sechs Uhr geht die Sonne auf. Rechter Hand der Schwarzwald. Die Bahn ist fast leer, die linke Spur gehört mir. Kurz geht mein Puls nach oben, als ein Reisebus ausschert und ich bremsen muß – fast kann ich seine Stoßstange berühren. Doch dann stellt sich mir nichts mehr in den Weg. Ich werde Berge sehen. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit , , , ,
Kommentare deaktiviert

Feierabend

Feierabend
Siebzehn Jahre noch. So lange muß ich noch arbeiten. Nur noch siebzehn Jahre. Dann setze ich mich zu den anderen Beigebejackten auf die Bank und glotze euch an, wie ihr vorbeihastet und jeden Tag das Rad neu erfindet. Unhörbar für euch laß ich mir von Ian Curtis erzählen, wie das Ende sein wird, während ich mit faltiger Hand mein braunkariertes Käppi zurechtrücke. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit ,
Kommentare deaktiviert

Restlichtverstärker

restlicht

Zwei Jahrzehnte lang gegen Verluste angekämpft, eines in Schräglage verschwendet, zwei im Familiendienst, ausgemustert. Ein halbes Jahrhundert später hat der Mohr seine Arbeit getan. Er kann gehen. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit
Kommentare deaktiviert

Hasentag, 27. Februar 2016

HaseAn einem Samstagmorgen in München: Die Klavierlehrerin hat mir ihr Bett vermietet. Es ist ein sehr schönes Bett. Ruhig ist es hier, bis auf die laut schimpfenden Vögel im Hof. Das ist ein bißchen schade. Ich beschließe, noch etwas zu schlafen.

Die Klavierlehrerin ist eine Klavierlehrerin, weil sie Klavier unterrichtet. Auch an einem Samstagmorgen. Ich höre lachende Frauenstimmen und denke schläfrig ein „Guten Morgen“ nach draußen. Die Schülerin geht ganz unbefangen an das Thema Klavier heran. Es ist ihre erste Stunde. Die Klavierlehrerin zeigt, wie es geht: dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam … die Tonleiter hinauf … dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam-dam … und wieder hinunter. Ich stehe auf.

Wenig später stehe ich da. Ich bin nackt. Ein rosafarbener Hase betrachtet mich gleichgültig. Ich fühle mich etwas unwohl. Wie nennt man die Angst, nackt von einem gleichgültigen Hasen beobachtet zu werden? Ich frage die Menschen in meinem Telefon. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit , ,
Kommentare deaktiviert

Hör auf, das kritzelt!

irrelevant
Meetings sind langweilig. @HerrSupersonic verkürzt die Langeweile mit Papier und Kugelschreiber und kritzelt in laienhafter Unbeschwertheit Tiere und andere Figuren, die den Überdruß in lapidar trockenen Humor packen. Skurrile kleine Cartoons, ohne Holzhammerpointen, manchmal ganz ohne Pointen, aber mit einem Charme, der bei Twitter so populär ist, daß die Kritzeleien mittlerweile einen eigenen Account haben: @daskritzelt

Ein paar seiner Kritzeleien hat der Künstler zur allgemeinen Verwendung freigegeben. Sie sind wunderbar geeignet, um dämlichen Nachfragen zu begegnen oder ungeliebte Gespräche abzukürzen. Und weil mir langweilig war, habe ich begonnen, sie in GIF-Animationen umzusetzen. Leider ist Twitter (wahrscheinlich, um das neue GIF-Feature zu schützen) so unfreundlich und läßt uns GIFs nicht einfach abspeichern, nur auf dem Umweg über .mp4-files, aber wer will schon lange rumkonvertieren, wenn er eine schnelle Reaktion braucht … Lies weiter!

Veröffentlicht unter Design | Getaggt mit ,
Kommentare deaktiviert

[ g l u e c k ]

glueck

Veröffentlicht unter Design | Getaggt mit
Kommentare deaktiviert

Im Riff

Hauptbahnhof Köln
So endete jeder Tag im Bahnhof. Nur, um nicht gleich den Heimweg anzutreten. Die Illusion von Bewegung war beruhigend: Ich kann mich frei bewegen, kann gehen, wann und wohin ich will, ich kann ein Ziel haben, ich kann ziellos stehenbleiben. Weil ich es will. Er stieg aus, ließ sich träge im hektischen Strom der Feierabendpendler treiben und von der Rolltreppe in die Bahnhofshalle spülen. Die Strömung zerbrach in viele kleine Wirbel, die Teilchen flossen umeinander in alle Richtungen, geschäftiges Geglucker breitete sich aus. Sein Atem beruhigte sich. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal |
Kommentare deaktiviert

Der Bär

Ortlergruppe

Der Bär sei gar nicht runter ins Tal gekommen, sagten alle. Der habe nur auf der anderen Seite kurz übers Joch geschaut und im Schnee gespielt. Ein junger, abgewandert aus der Brenta. Vielleicht hatte ihm jemand gesteckt, daß es in Graubünden besser sei, da machte er hier nur Rast. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit , , ,
Kommentare deaktiviert

connections #2 palimpsest

4001 Königsblau
Was bleibt von mir? Was macht mich aus? Was hat wirklich Bestand? Wie angsterfüllt kann ein Leben sein, wenn man Zeit damit verbringt, auf den unweigerlich nahenden Tod zu starren und die eigene mediokre Existenz. Wieviel Angst kann man haben, wenn der Blick nur auf das zu Erreichende gerichtet ist, auf die gesellschaftlich sanktionierten Meilensteine des bürgerlichen Lebens, auf den Erwerb von Besitz, seine Erhaltung, seine Weitergabe an die Nachkommen. Wie leicht ist da das Urteil gefällt, man habe nichts erreicht, gelingt das nicht … Lies weiter!

Veröffentlicht unter 42 | Getaggt mit , , ,
Kommentare deaktiviert

Rheingrau

7. Februar 2003

Erst vier Frauen, drei junge am Rhein entlang und die wohlerzogene alte Dame – ich biete Schokolade an, aber die Konversation erstirbt nach wenigen Sätzen –, dann drei Männer und die Alte und eine Frau, Männer mit Goldrand, Zwiebelfleischgeruch und Musik im Ohr.

Gewerbe, Rheingrau, Gewerbe, dazwischen Wohnen, nun Albdurchbruch, Schnee, Tunnels: drückt ein wenig in den Ohren – bald Stuttgart.

Heimatlos geworden; kann Heimat nirgends anders denken als da, wo sie denkt, nirgendwo Feste und Lachen denkbar; nirgendwo Gewinn als da, wo sie die Wege kreuzt. Kann nur am Wetter liegen …

Albwellen. Weißbraun erstarrter, schmutziger Schaum. Und in Stuttgart alle raus. Ich auch. Muß mir dort guten Rat holen. Erwarte Schonungslosigkeit. Lies weiter!

Veröffentlicht unter Journal | Getaggt mit ,
Kommentare deaktiviert